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Unsre Zeit ist die Kürze - 15/2018

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Berge der Dichtung, 
Ebenen der Prosa

Wertvolle Zeugen eines kreativen Prozesses: Die „Schreibhefte“ der russischen Dichterin Marina Zwetajewa sind erstmals auf Deutsch erschienen.

| Von Georg Dox

Das Leben der russischen Dichterin Marina Zwetajewa (von 1892 bis zu ihrem Freitod 1941) kann man nicht anders als eine albtraumartige Abfolge von Katastrophen bezeichnen. Die einschlägigen Biografien (Elaine Feinstein, Maria Razumovsky) geben darüber hinlänglich Auskunft und es ist in den letzten Jahren manches deutlicher geworden, was lange nur gerüchteweise bekannt war. Vor allem über Art und Ausmaß der geheimdienstlichen Verstrickungen ihres Mannes Sergej Efron: Seine Tätigkeit für die Vorgängerorganisation des KGB hat ja Zwetajewas literarische und gesellschaftliche Existenz im Pariser Exil ruiniert und ihre Rückkehr in die Sowjetunion erzwungen, mit all den fatalen Konsequenzen.
Darüber hinaus dürfte es schwer sein, eine Biographie zu finden, bei der sich Tragödien (etwa der Hungertod einer ihrer Töchter während des Bürgerkrieges), politische Ignoranz und kühnste Selbst-
stilisierung so innig verschränken, wie gerade bei Marina Zwetajewa. Die Gründe für dieses Gemisch sind vielfältig: Der jungen Moskauer Intelligenz dieser Tage dürfte die Flut künstlerischer „Ismen“ ebenso zugesetzt haben wie politisches und religiöses Sektierertum, dazu sehr viel Nietzsche und noch mehr Rudolf Steiner. Fedor Stepun, der russisch-deutsche Soziologe und Schriftsteller, der Marina Zwetajewa persönlich gekannt hat, attestierte ihr „unausrottbaren Egozentrismus“. Über den bis zum bitteren Ende durchgehaltenen hohen Ton ihres Werkes („Ich wußte alles – von Geburt an.“) wird im Zusammenhang mit der Übersetzung noch zu reden sein.

Eine Frau als „Dichter“

Für jemanden also, der, um mit Zwetajewas Briefpartner Rainer Maria Rilke zu reden, in der gedeuteten Welt nicht sehr verlässlich zu Hause war und seit 1922 im (zunächst Berliner) Exil lebte, war es plausibel, sich eine literarische Notation anzulegen, die sich mitnehmen lässt, wenn es wieder Zeit wurde, die Koffer zu packen. Marina Zwetajewa hat sich diese Arbeit gemacht: Genau diese „Schreibhefte“, in denen sie zusammenfasste, was ihr wichtig war, worauf sie noch zurückkommen wollte, was es noch zu bearbeiten galt, wurden nun von dem Schweizer Slawisten, Literaturwissenschaftler und Poeten Felix Philipp Ingold ins Deutsche übersetzt, kommentiert und herausgegeben.
Für einen Dichter wie Marina Zwetajewa – und sie legte auf die maskuline Form („poet“) größten Wert, vielleicht, weil sie das im Russischen ja auch mögliche „poetessa“ schon von der etwas älteren Anna Achmatowa besetzt fand – war Prosa prinzipiell zweite Wahl, nah an der Lohnschreiberei: etwas, was sie lieferte, weil es die Zeitschriften von ihr verlangten. Dabei gehören die autobiographischen Erzählungen wie „Die Mutter und die Musik“, „Mein Puschkin“ oder die Erinnerungen an den russischen Symbolisten Andrej Bely „Der gefangene Geist“ nicht nur zu den anerkannten Meis-terwerken russischer Literatur; sie sind – weil sich Prosa nun einmal leichter übersetzten lässt – auch der beste Weg für die nichtrussischen Leser, die Autorin kennenzulernen.

Prominente Briefpartner

Hier, bei diesen Notizen, Entwürfen und Exzerpten, haben wir es mit Rohmaterial zu tun. Die Eintragungen sind im Prinzip chronologisch geordnet, aber sie wurden von der Autorin immer wieder nachgebessert. Manches wurde getilgt, manches später kommentiert; einiges wurde ausgeschrieben, anderes blieb Fragment. Es sind Zeugen eines Schaffensprozesses, Arbeitshefte und Gedächtnisstützen. Besonders beeindruckend sind die Briefentwürfe, die eine bemerkenswerte Schonungslosigkeit sich selbst und anderen gegenüber verraten. Auch hier geht es Zwetajewa darum, eben wirklich alles zu sagen.
Welche Irritationen das bei ihren prominenten Briefpartnern (Rilke und Pasternak) auslöste, weiß man spätestens seit der Veröffentlichung dieser Briefwechsel. In längeren und kürzeren Textpassagen kehrt Marina Zwetajewa immer wieder auch zu ihren poetologischen Grundsätzen zurück: In ihren langen Exilaufenthalten zunächst in Berlin, dann in der Tschechoslowakei und zuletzt in Paris, wurde ihr immer mehr zur Gewissheit, was sie schon im heimatlichen Moskau geahnt hatte, dass es nämlich die Sprache und nur die Sprache selbst ist (nicht der Ort, nicht das Milieu, nicht die Weltanschauung, nicht einmal die Muse), die den Dichter anspricht und der nun seinerseits bereit und fähig sein muss, diese Botschaft auch tatsächlich zu hören. Auf die selbst gestellte Frage, für wen sie schreibe, antwortete sie 1927: „Nicht für Millionen, nicht für einen einzelnen, nicht für mich. Ich schreibe für die Sache selbst. Die Sache schreibt sich durch mich.“

Salz der Sprachkunst

Dieses unbedingte Hören auf das Diktat der Sprache – Ingold hat es an anderer Stelle, in seinem Buch „Der Autor am Werk“ herausgearbeitet – ist die zentrale Kategorie ihrer Poetologie. Die Fokussierung auf diese poetische Gabe (hier nicht als Begabung verstanden, sondern als Geschenk der Sprache an den Dichter) macht sie skeptisch gegenüber jeder Form von „Kreativität“, und ungerecht gegenüber Autoren wie Tschechow oder Bunin, denen sie so etwas wie außerliterarische Absichten unterstellt.
Immer geht es bei Zwetajewa um das eine Wort, um die eine gegebene Zeile, die dann alles weitere diktiert: „Für die besten Verse sind wir nicht verantwortlich, denn sie sind – eine Gabe, wir sind für die schlechtesten verantwortlich: unsere. Das Geschaffene dem Geborenen, das Aufgegebene dem Gegebenen anzunähern – das ist der Auftrag.“ Bei Ossip Mandelstam wird man ähnliche Gedanken finden; und von Boris Pasternak, mit dem sie aufs engste durch briefliche und persönliche Kontakte verbunden war, fühlte sie sich zutiefst verstanden.
Das Russische lässt selbst in konventionellen Gesprächssituationen Apodiktisches und Pathetisches zu, was im Deutschen schnell als unpassend, weil besserwisserisch und arrogant, empfunden wird. Für den hohen Ton scheint das Deutsche ja überhaupt verloren. (Bester Beweis dafür ist der berühmte Auftritt von Paul Celan vor der Gruppe 47, wo seine Deklamation mit Hohn und Unverständnis quittiert wurde.) Für Marina Zwetajewa hingegen ist der hohe Ton völlig unverzichtbar. Kein Übersetzer – und Ingold hat seine Aufgabe meisterhaft erledigt – sollte versuchen, ihre Poe-sie und Prosa herunter zu stimmen. Das Unbedingte und, ja, das Überspannte muss bleiben. Mag es auch Anstoß erregen, ist es doch das Salz ihrer Sprachkunst. „Ich habe nie ‚von oben‘ einen Reim erbeten (das ist meine Sache!), ich erbat (forderte!) die Kraft, ihn zu finden, die Kraft für die Qual. Und sie wurde mir gegeben; gewährt.“
Im Juni 1939 kehrte Marina Zwetajewa in die Sowjetunion zurück. 1941 nahm sie sich in Jelabuga das Leben.


Unsre Zeit ist die Kürze
Unveröffentlichte Schreibhefte. 

Von Marina Zwetajewa.
Hrsg.und übersetzt von
Felix Philipp Ingold.
Suhrkamp 2017.
319 Seiten, geb.,
€ 28,80
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