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Wie hoch die Wasser steigen - 17/2018

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Zwölf Meter über dem Meeresspiegel

Anja Kampmann widmet sich in ihrem Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“ der Welt der Wanderarbeiter auf diversen internationalen Ölplattformen. Ein sprachlich herausragendes Buch über Heimatlosigkeit und Verlorenheit.

| Von Rainer Moritz


Manchmal wünscht man sich anderes Personal. Manchmal hat man genug von Romanfiguren, die alleinerziehend in Berlin-Mitte kellnern, in Werbeagenturen arbeiten, mit irgendetwas im Internet Geld verdienen oder als Oberstudienräte an ihren Zöglingen verzweifeln. Oder gar Schriftsteller von Beruf sind, auf Lesereise gehen und anschließend über diese Lesereisen schreiben. Und wenn man davon genug erfahren hat, sehnt man sich danach, zu ganz fremden Schauplätzen mitgenommen zu werden und von Berufen erzählt zu bekommen, deren Vergegenwärtigung nicht allein aus der Fantasie zu speisen ist. Die 1983 geborene Anja Kampmann hat diese heimlichen Bitten erhört und sich in ihrem Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“ – offenkundig auf der Basis gründlicher Recherche – eine Arbeitswelt angeeignet, die man allenfalls aus Reportagen oder Fernsehdokumentationen kennt.

Wanderarbeiter auf Ölplattformen

Wenzel und Mátyás, Kampmanns Protagonisten, sind Wanderarbeiter inmitten der modernen Globalisierung. Für gutes Geld verdingen sie sich auf Ölplattformen, sei es vor der Küste Nordafrikas, sei es im Golf von Mexiko. Sie haben ihr Zuhause, sofern sie eines hatten, aufgegeben, sind aus steuerlichen Gründen auf Malta gemeldet, verlieren nach und nach ihre sozialen Bindungen und verbringen die Landaufenthalte damit, ihren Verdienst in Spielcasinos auf den Kopf zu hauen.
Jahrelang haben Wenzel und Mátyás versucht, sich in diesem Nirgendwo gegenseitig zu stützen und zusammen von einer Offshore-Plattform zur anderen zu ziehen. Bis – damit setzt der Roman ein – der raue, gnadenlose Job ein Opfer verlangt, „zwölf Meter über dem Meeresspiegel“, wo vermeintlich für Sicherheit gesorgt ist. Plötzlich steigen die Wasser hoch, und Mátyás wird über Bord gespült, so scheint es zumindest. Genaues ist nicht in Erfahrung zu bringen, denn für Sentimentalitäten, für aufwendige Suchaktionen ist in dieser durchgetakteten Welt kein Platz. Mátyás, Wenzels einziger Rückhalt, bleibt verschwunden, und fortan will der Zurückgebliebene nicht weiterleben wie bisher.
Anja Kampmann inszeniert, von zahlreichen Rückblenden grundiert, die Welt eines verlorenen Mannes, der alsbald seine Arbeit aufgibt und sich auf eine Reise quer durch Europa begibt. Er besucht Mátyás’ Halbschwester in Ungarn, überbringt ihr die schreckliche Nachricht und ein paar Utensilien des Toten. Auch dort hält es Wenzel nicht, er fährt weiter ins norditalienische Bobbio, wo er auf einen Freund seines Vaters trifft, dessen Ein und Alles seine Tauben sind, Tauben, deren „Flügelschläge, wenn sie sich abstießen, klangen, als würde jemand sehr eilig ein Blatt Karten mischen“. Eines der Tiere nimmt Wenzel in einem abgetakelten Pick-up mit auf seine nächste weite Reise, nach Bottrop ins Ruhrgebiet. Dort wuchs er auf, als Sohn polnischer Einwanderer, die die Hochzeit der Zechen und der Unter-Tage-Arbeit erlebten. Auch davon ist nichts geblieben. Wenzel ist ein Fremder, wo er einst zu Hause war.

Keine verlässliche Identität

Anja Kampmann hat ein ungewöhnliches Debüt geschrieben, vor allem, was seine Schauplätze angeht. Weniger originell ist ihr Thema der Heimatlosigkeit, der Nicht-Zugehörigkeit, das derzeit in Sachbüchern wie Prosatexten Hochkonjunktur hat. Wenzel weiß nicht wohin, und er weiß kaum noch, woher er kam. Schon seines Namens ist er sich nicht sicher: Mal lässt er sich als Wenzel, mal als Waclaw anreden. Der alte Traum verlässlicher Identität ist ausgeträumt; nicht einmal über einen eindeutigen Vornamen verfügt man mehr.
Mitunter greift Anja Kampmann vielleicht zu tief in die Kiste jener Motive, die Wurzellosigkeit und Verlorenheit auszudrücken vermögen. Doch die erstaunliche Kunst ihres Debüts besteht darin, dass sie für Wenzels Seelenzustand eine eigenständige Sprache findet und sich nicht die geringste Mühe gibt, ihren „lonesome rider“ in verwickelte, „spannende“ Handlungen zu verstricken. Vorbei auch ist seine Lebensphase, als er noch hoffte, mit seiner Freundin Milena Sicherheit zu gewinnen. Sein Leben „offshore“ entfremdet ihn von allen kleinbürgerlichen Hoffnungen, die mit Ehe und Familie zu tun haben könnten. Milena geht ihm verloren, und auch die Welt scheint ihm verloren zu gehen.
Vor zwei Jahren hat Kampmann den Gedichtband „Proben von Licht und Stein“ veröffentlicht, und wer heutzutage sowohl als Prosaautor als auch als Lyriker hervortritt, gerät automatisch in Verdacht, „lyrische Prosa“ zu schreiben. Für „Wie hoch die Wasser steigen“ braucht es diese Hilfsvokabeln nicht. Festzustellen ist nur die Genauigkeit einer Schriftstellerin, die sich Landstrichen – und davon gibt es in diesem Buch sehr unterschiedliche – behutsam zu nähern versteht. Kampmanns fast spröde wirkende Sätze spiegeln die Einsamkeit des im Grunde ziellos reisenden Wenzel wider. Aus jeder Seite des Textes strömt die nicht zu bändigende Emotion einer Ruhelosigkeit, die man auf die schonungslosen Arbeitsbedingungen unserer Gegenwart beziehen kann – nicht muss. Selten hat in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur existenzielle Einsamkeit einen so präzisen sprachlichen Ausdruck gefunden wie in Anja Kampmanns „Wie hoch die Wasser steigen“: „Die Taube neben ihm, das Brandzeichen in ihrem Korb, wie ein Alibi, ein Erkennungszeichen, ein Lied, dessen Melodie keiner mehr kannte.“


Wie hoch die Wasser steigen
Roman von Anja Kampmann
Hanser 2018, 352 S.,
geb., € 23,70
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