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Die Flügel meines schweren Herzens - 19/2018

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Pflaumenblütenduft und Gänsekiel

Ob aus Asien oder aus dem arabischen Raum, alt oder ganz gegenwärtig: internationale Lyrik, kunstvoll für uns ins Deutsche übersetzt.


| Von Martin Zähringer

Lyrische Geister kennen oft nichts Schöneres als gute Haiku. Wenn es japanische und chinesische Dichter sind, fügen sie eine hoch komplexe Sinnstruktur in ein feinst tariertes Wortgebilde. Je schlichter es wirkt, desto genialer ist es. Matsumo Basho (1644-1694) gehört zu den Besten: „Mume ga ka ni / notto hi no deru / yamaji kana.“ Daraus macht eine deutsche Übersetzung: „Pflaumenblütenduft – / mächtig bricht die Sonne hervor / über dem Bergweg.“ In Harmonie überführt werden im Original die Bedeutung der Worte=Silben, das Lautbild, die Symbolik tradierter Motive – hier das Jahreszeitenwort Pflaumenblüte – und die mathematische Ordnung der Haiku-Silbenfolge von 5-7-5. In der beiliegenden Interpretation ist zu lesen, dass hier drei Sinneswahrnehmungen zugleich angesprochen werden: Der feine Duft der Pflaumenblüte, das plötzlich grelle Licht und der Wechsel von der Kälte des Morgens zur Sonne des Vormittags. Die deutsche Version findet immerhin zur klassischen Haiku-Ordnung 5-7-5 Silben – „Pflaumenblütenduft“ ist ein vollendeter 5-Silben-Vers in unserer Sprache.
Das Schmieden von Haiku bringt in Japan eine bewundernswert lebendige Volkslyrik hervor, zwei Millionen Freizeitdichter kommunizieren regelmäßig ihre streng gebauten oder auch fein ziselierten Verse. In dem vorzüglich aufgemachten Sammelband „Haiku: Gedichte aus 5. Jahrhunderten“ (Reclam 2017) finden wir die Elite: Pro Seite ein Haiku im japanischen Original, dazu die Umschrift sowie ein kulturhermeneutischer und poetologischer Kommentar und die Übertragungen von Eduard Klopfenstein, in denen die asiatische Präzision eines echten synästhetischen Haikus durchaus erahnbar wird.

Das Andere im Eigenen

Das lyrische Sprechen ist die älteste Form der kultivierten Ansprache, das Übersetzen von Lyrik die höchste Kunst interkultureller Kommunikation. Die ist leider im profanen Leben voller Missverständnisse und Tücken. Nun liegt im lyrischen Übersetzen, so entrückt dieses Kunsthandwerk erscheinen mag, vielleicht eine exemplarische Dialektik poetischer Natur, die das immer Vorläufige des Verstehens sichtbar macht: Indem der Übersetzer das Andere in das Eigene bewegt, kommt im Eigenen wieder etwas ganz Anderes zum Ausdruck. Ein Beispiel: „Im Briefkasten liegt / außer Rechnungen, Werbung / starr eine Spinne.“ Das ist ein Gedicht von Ryszard Krynicki, geboren 1943 im Lager Windberg, St. Valentin. Krynickis Lyrik ist stark geprägt vom universellen Gefühl der Heimatlosigkeit, vielleicht liebt er deshalb auch das Haiku mit seiner strikt begrenzten, aber inhaltsdurchlässigen Form. Aber was findet er, wenn er – der in vielen seiner längeren Gedichte die subtile Selbstironie pflegt – die Form entschlossen in seine poetische Tradition (Briefkasten) importiert? Eine tote Spinne, die bei dem von Krynicki verehrten „Bauerndichter“ Kobayashi Issa – wie alles Kleingetier – sehr wohl das vitale Herz eines Haiku sein könnte. Issa (1763-1827) wird übrigens im Reclam Haiku-Band ausführlich gewürdigt.
Leider fehlen in der polnisch-deutschen Krynicki-Lyrik-Edition „Sehen wir uns noch?“ (Hanser 2017) die polnischen Originale, Einblicke in den poetischen Prozess der weiteren Sprachverwandlung sind nicht möglich. Besser erkennbar wirken jene fatalen „Rechnungen, Werbung“ (Profanes) im ideologischen Briefkasten des Dichters: Krynicki wird zur Neuen Welle oder Generation 68 gezählt, bereits sein erster Gedichtband wurde vom polnischen Regime zensiert, weitere sogar verboten, vieles im Westen publiziert.
Aber auch hier zeigt sich die Anarchie des Lyrischen: Wer glaubt, Krynickis Kritik am östlichen System sei zu 100 Prozent und für immer pro Westen zu verbuchen, den klärt folgendes Gedicht besser auf: „Wenn. / Wenn der Clown an die Macht kommt, / hört er nicht auf, komisch zu sein – aber wem / ist dann zum Lachen?“ – das ist von 1987! Ganz und gar zeitlos, wer sieht hier nicht den Twitter-Clown an der Macht?

Geerdet in Geschichte

Krynickis Übersetzerin Renate Schmidgall berichtet in ihrem Nachwort von einer Theorie des „erblühenden Poems“, das poe-tologisch wohl als Gegenpol eines Haiku zu betrachten ist. Das erblühende Poem entwickelt sich aus dem Akt des Dichtens heraus, Ereignisse, Figuren, Themen der Lebenswelt werden durch Rhythmisierung und Wiederholung ergebnisoffen poetisiert. Schmidgall spürt den Geheimnissen des „erblühenden Poems“ auch als Übersetzerin vieler Gedichte von Zbigniew Herbert (1924-1998) nach. Bei Suhrkamp, wo Herbert seit Jahrzehnten übersetzt wird (von Dedecius, Schmidgall, Staemmler, Tauschinski), gibt Herberts Freund und Seelenverwandter Ryszard Krynicki einen 664-Seiten-Band heraus: „Zbigniew Herbert. Gesammelte Gedichte.“ Herbert poetisiert sein Amt des Poeten so: „Bericht aus einer belagerten Stadt / Bin zu alt um Waffen zu tragen zu kämpfen wie die andern – / man bestimmte mir gnadenhalber den minderen Part des Chronisten / ich notiere – wer weiß für wen – die Ereignisse der Belagerung …“ Der existentielle Kern dieser Belagerung ist der vernichtende Überfall der Deutschen auf Polen, aber der Dichter kennzeichnet oft, von den antiken Mythen ausgehend, ihre universale Reichweite.
Und nie vergeht ihm die Lust am Erforschen der eigenen poetischen Befindlichkeit: „Schreiben / wenn ich den Stuhl besteige / um den Tisch zu fassen / und den Finger hebe / um die Sonne anzuhalten / wenn ich die Haut aus dem Gesicht wische / das Haus aus den Armen / und verkrallt / in meine Metapher / den Gänsekiel / festgebissen in der Luft / einen neuen Vokal / zu bilden versuche – …“ Die Lyrik des Polen Zbigniew Herbert ist sicher geerdet in Alltag und Geschichte, formal-ästhetische Perfektion stellt sie selten in den Vordergrund. Gewollt ist das Bewahren des Tragischen, die Übertragung des Gedankens – für den Überträger von Gedichten allerdings fordert Herbert Unmögliches: ein Prozent Abweichung ist gerade so erlaubt. In einem spöttischen Gedicht porträtiert er den lyrischen Übersetzer als plumpe und zudem verschnupfte Hummel, die über den Blütenkelch zur Wurzel einer Pflanze vordringen will, mit dem Kopf an den Stempel stößt und dann stolz den gelben Blütenstaub vorweist, den sie doch rein zufällig -erbeutet hat.

Heilung von der Liebe

Die perfekte Form der Lyrik ist das Haiku, ihr höchster Inhalt ist die Liebe, die feinsten Töne müssen es aber nicht immer sein: „Heilung von der Liebe heißt Küssen und Umarmen / und dass ein Bauch sich auf dem anderen reibe, / heißt Stoßen, dass die Augen übergehen, / und Zerren an Haut und Haaren.“ Dieses Zitat stammt von Umm Ad-Dahhak Al-Muharibiya, einer vorislamischen Dichterin des 7. Jahrhunderts. Übersetzt haben der Herausgeber Khalid Al-Maaly und Heribert Becker, unter anderen auch die bekannte Irakerin Nazik al-Mala’ika (1923-2007), die 1949 den freien Vers ins Arabische eingeführt hatte. Sehr erfreulich ist in dem Band „Die Flügel meines schweren Herzens. Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute“ (Manesse 2017) die Präsentation der jüngeren Generation, die sich selbst als kosmopolitisch und das gefährliche Sujet von Liebe und Sexus absolut zeitgemäß platziert:
„Zigarette aus Licht / Aus welchem Grunde schlafe ich heute? / Ich träume davon, seinen Brustkorb zu öffnen / und darin umherzuschwimmen wie ein Fisch, / der seine Tränen trocknet.“ Das schreibt Mona Karim, geboren 1987 in Kuwait. Die gleichaltrige Irakerin Mariam Al-Attar dichtet: „Biografie / Ich bin die Tochter jenes Schädels / Der an der Grenze gefunden wurde / Ich bin die Mutter jenes kleinen Mädchens / Das seinen Körper in den Flüchtlingscamps verkaufen muss.“ Die arabischen Dichterinnen, so Khalid Al-Maaly im Nachwort, waren als lyrisches Subjekt immer unterbewertet, zumal ein großer Teil ihrer Tradition im Mündlichen wurzelt. Hier werden sechzig Dichterinnen vorgestellt, die sehr wohl zu einer Aufwertung beitragen. Bitte mehr davon!


Haiku: Gedichte aus 5. Jahrhunderten
Ausgew., übers. und komm.
von Eduard Klopfenstein,
Reclam 2017.
422 Seiten, geb.,
€ 45,30

Gesammelte Gedichte
Von Zbigniew Herbert.
Hg. von Ryszard Krynicki,
Suhrkamp 2016.
663 Seiten, geb.,
€ 51,30

Sehen wir uns noch?
Gedichte von Ryszard Krynicki.
Übers. aus dem Poln. von Karl Dedecius,
Esther Kinsky, Renate Schmidgall,
Hanser 2017.
168 Seiten, geb.,
€ 18,50

Die Flügel meines schweren Herzens
Lyrik arabischer Dichterinnen
vom 5. Jahrhundert bis heute.
Hg. von Khalid Al-Maaly,
Manesse 2017.
192 Seiten, geb.,
€ 20,60
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