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Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh

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Einer, der durch die Hölle gegangen ist

Er ist der älteste Schoa-Überlebende Österreichs: Marko Feingold, ein sanftmütiger Warner mit Überzeugungskraft, feierte am 28. Mai seinen 105. Geburtstag. Dem längst nicht vergangenen Antisemitismus mit Aufklärung zu begegnen, begreift er noch immer als Auftrag.

| Von Anton Thuswaldner

Er wurde mit dem Goldenen Ehrenzeichen des Landes Salzburg und dem Ring der Stadt Salzburg ausgezeichnet, seit dem Jahr 2008 darf er sich Ehrenbürger der Stadt Salzburg nennen, fünf Jahre später wurde ihm das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich- umgehängt. In diesem Jahr kam noch der Toleranzpreis der Europäischen Akademie der Wissenschaften dazu. Man sieht, Marko Feingold, der am 28. Mai seinen 105. Geburtstag beging, rührig, engagiert, kämpferisch und hellwach wie immer, ist ein hochgeschätzter Mann. Davon wagte der junge Mann, der 1913 in Neusohl, in der damaligen Habsburger-Monarchie, dem heutigen Banská Bystrica in der Slowakei, geboren wurde und in Wien aufwuchs, nicht zu träumen. Die Verhältnisse kehrten sich bald radikal gegen so einen wie ihn.

Lagerjahre

Für ihn, der sich in der Ersten Republik nach einer Kürschnerlehre als kaufmännischer Angestellter und später, nachdem er arbeitslos geworden war, als Handelsreisender in Italien durchschlug, wurde Wien nach dem Anschluss 1938 zu gefährlichem Terrain. Plötzlich zählte er zu jenen, auf die das Rassengesetz angewendet wurde, das ihn nicht nur nach und nach aller Rechte beraubte, sondern für den die Vernichtung vorgesehen war. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er einer von den Wenigen, die mehrere Konzentrationslager überlebt hatten und dennoch in Österreich, eben jenem Land, in dem er gedemütigt und verachtet worden war, einen Neuanfang unternahm. Natürlich wurde er seine Vergangenheit nie los. Aber er ist ein Gezeichneter, der beschlossen hat, sich nicht unterkriegen zu lassen.
Unmittelbar nach dem Krieg, befreit von den Alliierten, bleibt er in Salzburg hängen, wo er die Leitung der „KZ-Küche“ in St. Peter übernimmt. Mit Bezugsscheinen erhalten fünfhundertfünfzig Überlebende aus unterschiedlichen Konzentrationslagern regelmäßig eine Mahlzeit. Bald darauf kümmert er sich um Juden, die in Lagern für Displaced Persons untergebracht sind. Er organisiert Flüchtlingstransporte nach Italien für Juden, die nach Israel auswandern wollen. Legal ist das nicht, aber was zählen in Schwarzmarktzeiten schon Gesetze, wenn die Gegenwart eine große Umbruchszeit mit offenem Ausgang ist. Das Leben von Marko Feingold stabilisiert sich, als er 1948 Inhaber eines Modegeschäfts wird. In der Jugend ein Luftikus, nach dem Krieg ein seriöser Geschäftsmann, so sehen die Stationen eines durchschnittlichen Österreichers aus. Doch in diesem Fall kommt es auf die Jahre dazwischen an, die Zeit der absoluten Rechtlosigkeit.
Im Zentrum der Biografie Feingolds stehen die Lagerjahre. Er mag noch so gern auf die unbeschwerten Zeiten zurückblicken, sie bleiben eine marginale Größe. Er wird 1941 nach Auschwitz gebracht, um später nach Neuengamme, Dachau und Buchenwald verfrachtet zu werden. Ein Drittel seiner Biografie, wie sie im Band „Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh“ (Otto Müller Verlag) festgehalten ist, ist den gut vier Jahren in verschiedenen KZs gewidmet. Sie bilden die Voraussetzung dafür, dass Feingold noch heute als Mahner unterwegs ist, der mit seinem eigenen Leben einsteht für die Aufklärung junger Menschen, um dem Antisemitismus den Boden zu entziehen.

Es gibt keine Logik des Quälens

Die Hoffnung, dass Menschen bildungsfähig sind und sich kraft des Verstandes gegen Antisemitismus immunisieren, lässt er sich bis heute nicht nehmen. Der Offensive der neuen Rechten, die wenig Skrupel erkennen lassen, Juden wieder als Feinde der Gesellschaft zu diffamieren, kann er nur mit einer verstärkten Aufklärungsoffensive begegnen. „Ich stehe auf dem Standpunkt: Auch wenn es nicht viel nützt, aber wenn ein einziger Schüler in der Klasse meine Worte beherzigt, bin ich schon zufrieden! Wenn man versucht, jemanden zu überzeugen, gelingt es eben bei dem einen und bei dem anderen nicht.“
Natürlich sind Feingolds Schilderungen drastisch, wenn er vom alltäglichen Morden in den Lagern erzählt und der Willkür, mit der Leute drangsaliert werden und welcher Zufälle es bedarf, dass einer davonkommt. Die Vernunft bleibt ausgesperrt, es gibt keine Logik des Quälens. Als Feingold und sein Bruder in Auschwitz ankommen, werden sie umgehend damit konfrontiert, was sie ab jetzt zu erwarten haben: Ein SS-Mann „schaute auf seine Liste, und ehe mein Bruder reagieren konnte, bekam er einen Tritt in den Bauch, und wir fielen beide um. Das war die Begrüßung. Da wussten wir schon, wie es uns ergehen würde“.
Die Autobiografie ist voll von schrecklichen Erfahrungen, selbst erduldeten und peinvoll beobachteten, und deutlich wird die Angst als alltägliche Begleiterin. Das steckt niemand weg, der das Glück hat, überlebt zu haben. Für Feingold sind es die prägenden Jahre in der Schule der Grausamkeit, wo das Alphabet der Unmenschlichkeit durchbuchstabiert wird. Manche resignieren, verzweifeln an den Dämonen, die sie nicht mehr aus ihrem Griff lassen, andere üben sich in die selbstschädigende Disziplin des Vergessens ein, einige erfinden ihr Leben neu, um aus den Fallstricken der Vergangenheit herauszukommen, und wenn sich einer auf Hass einschwört als eine Form der Selbstachtung, ist das verständlich.
Für alle Verhaltensweisen kennt die Geschichte ausreichend Belege, für Feingold bieten sich die-se Reaktionen keineswegs als nachahmenswert an. Er sucht den fairen Zugang zu den Menschen, der keine Kollektivschuld kennt, gleichzeitig erwartet er sich von jenen, die auf der Seite der Täter standen, Einsicht und den Mut zuzugeben, dass sie betrogen worden sind. Feingold geht auf die Menschen zu, hat Feindseligkeit überwunden, anders ist in seinen Augen eine vernünftige Zukunft nicht zu gestalten. Deshalb dieses Vertrauen in die Jungen, dass sie informiert genug sind, um politischen Wegelagerern nicht so schnell auf den Leim zu gehen.

Der Auftrag ist noch nicht erfüllt

Wenn Feingold hochbetagt noch immer seiner Mission folgt, die Menschen von den katastrophalen Folgen einer Hass-Politik zu überzeugen, weiß man, dass es ihm um etwas geht, was wichtiger ist, als sich in Ruhe zurückzuziehen. Gleichzeitig steht fest, dass der Auftrag, die Öffentlichkeit aufzuklären, noch lange nicht erfüllt ist. Antisemitismus ist nicht Schnee von gestern, mit Erschrecken stellen wir fest, dass er sich schleichend schon wieder Präsenz verschafft. Wir brauchen den sanftmütigen Warner mit der unschlagbaren Überzeugungskraft vor einer düsteren Herrenideologie.


Wer einmal gestorben ist, 

dem tut nichts mehr weh

Von Marko Feingold 

Otto Müller Verlag 2012
327 S., geb., € 25,–
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  11:47:58 07.13.2005