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Das Testament - 23/2018

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Jüdische „Existenz“ – individuell

„Das Testament“: Wenn ein jüdischer Holocaustforscher entdecken muss, dass er vielleicht gar kein Jude ist …

| Von Alexandra Zawia

In den Arbeitsräumen von Dr. Yoel Halberstam (Ori Pfeffer) kann man kaum ein Fenster öffnen. Die Archiv-abteilung der Universitätsbibliothek, in welcher der 45-jährige Historiker seit Jahren zum Holocaust forscht, befindet sich den unteren Zwischenstöcken des Gebäudes. Ausgrabungen auf Papier und auf Computerbildschirmen. Die Aussicht: limitiert. Halberstam hat sich angepasst. Stoisch, schweigsam, fast lautlos bewegt er sich durch die Zimmer – und leicht gebückt. Seine Erfahrung hat ihn gelehrt: Wände sind dick und taub und überall. Die Frustration hat ihn unnahbar werden lassen, auch seinem kleinen Sohn gegenüber. Er ist strenger, als er sein möchte. Er ist orthodox, hoffentlich gerecht. Er ist stur.
Vor kurzem hat eine Firma von der Landesregierung den Auftrag erhalten, Ackerland in der Nähe der österreichisch-ungarischen Grenze zu bebauen. Nicht irgendein Areal, denn in der Nacht von 24. auf 25. März 1945 wurden dort 200 jüdische Zwangsarbeiter ermordet.

Keine Zeugen, unbekannter Ort

Seltsamerweise waren für die--
se Gräueltat nie Zeugen ausfindig zu machen und auch der ganz genaue Ort des Verbrechens blieb immer verschleiert. Halberstam vermutet die ungeahndete Vertuschung eines Massengrabes und beschließt, den Akt noch einmal aufzurollen, bevor die Bauarbeiten beginnen.
Regisseur Amichai Greenberg folgt Halberstam in seinem Film zurückgenommen und genau beobachtend. Seine Suche nach Wahrheit vereinnahmt Halberstam immer mehr, und seine Recherche wird minuziöser und besessener. Greenberg inszeniert dies wie einen Echtzeit-Thriller, der seine Spannung und seine Schreckensmomente daraus zieht, dass die Verantwortlichen, die man nicht sieht, für eine Tat, für die es keine Bilder gibt, womöglich ungestraft davon kommen werden.

Ein kollabierendes Lebensgerüst

Halberstam findet ein paar Zeitzeugen und schließlich einen israelischen Überlebenden, der jedoch Repressalien fürchtet. Er will auf dem Ackerland Grabungen veranlassen, doch ohne konkrete Beweise erhält er von den österreichischen Behörden keine Genehmigung. Als Halberstam auch seine eigene Mutter zu den Ereignissen in der Gegend befragt, muss er erfahren, dass sie ihre eigene jüdische Herkunft nur behauptet hat und keine Jüdin ist. Halberstams Lebensgerüst beginnt an allen Seiten zu kollabieren.
Greenberg, selbst der Sohn und Enkelsohn von Holocaust-Überlebenden, kann am Historiker Halberstam her-ausarbeiten, was die „jüdische Exis-tenz“ für das Individuum bedeuten mag. Eine Existenz, die größer ist als der einzelne Mensch, eine kollektive, „überlebensgroße“ Erinnerung, bestimmt von Ereignissen der Vergangenheit, Identität stiftend, gesellschaftlich verankernd. Würde die kollektive Erinnerung erlöschen, erlöschte auch die Existenz.
Es ist eben dieser Anker, den Halberstam an seinem Platz zu halten versucht, die Erinnerung in der Gegenwart zwischen Vergangenheit und Zukunft. Damit – auch – er nicht einfach vergraben und verschüttet (geworden sein) wird.


Das Testament (The Testament)
IL/A 2017. Regie: Amichai Greenberg. 

Mit Ori Pfeffer, Rivka Gur, Hagi Dasberg. 

Stadtkino. 102 Min.
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