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Vom Bauen der Zukunft.100 Jahre Bauhaus - 23/2018

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Moderne, transformiert

Der Film „Vom Bauen der Zukunft. 100 Jahre Bauhaus“ kommt nun, ein Jahr vor dem Jubiläum, ins Kino. Anlass zu Reflexionen über die Moderne.


| Von Isabella Marboe

Das Bauhaus hatte eine Mission: Durch zweckdienliche Gestaltung von Häusern und Gegenständen den Alltag des Einzelnen, der Gemeinschaft und damit die Welt zu verbessern. Keine Schnörkel, keine historischen Zitate, kein massengefertigtes Dekor, dafür originäres, schlichtes Design aus Materialien wie Holz, Metall, Gewebe, Glas, Stein, Ton und Farbe. Bauhaus-Entwürfe speisten sich aus dem Wissen um das Material, die Funktion, das Handwerk und künstlerischem Wollen. Die Dinge sollten leistbar bleiben, daher spielten auch industrielle Fertigungstechniken eine Rolle.
1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet, stieß die Kunstschule mit dem radikal-utopischen und gesellschaftspolitischen Ansatz in der konservativen Stadt bald auf Widerstand. Die dreijährige Ausbildung war umfassend, ganzheitlich und praxisorientiert. Alle Schüler musten ein halbes Jahr den Vorkurs passieren, der die Grundlagen vermittelte: Material- und Werkzeuglehre, Konstruktionen und Darstellung, Naturstudium, die Lehre von den Stoffen, Raum-, Farb- und Kompositionslehre. Danach absolvierten sie bei verschiedenen „Meistern der Form“ Lehrwerkstätten. Abschließend arbeiteten sie in der Baulehre am Bau. Auch Feste spielten im Lehrplan eine Rolle. Charismatische Künstler wie Lyonel Feininger, Johannes Itten, Josef Albers, Paul Klee, Wassily Kandinsky und Oskar Schlemmer lehrten am Bauhaus. In Weimar entstand das Musterhaus „Am Horn“ nach einem Entwurf von Georg Muche, das mit Möbeln der Bauhaus-Schüler eingerichtet war und die Ideale der Neuen Sachlichkeit umsetzte. 1924 kürzte die neue rechte Thüringer Regierung den Etat um 50 %. Das Ende der Ära Weimar.

Reihenhäuser in Dessau

Das Bauhaus zog in die Industriestadt Dessau. Gropius entwarf einen idealtypischen Gebäudekomplex, der 1926 mit etwa 1500 internationalen Gästen eröffnet wurde. Die filigrane Verglasung des Werkstattflügels mit ihrem mechanischen Öffnungsmechanismus beeindruckt bis heute. Der Atelierflügel der Schüler hatte französische Fenster und Balkone mit horizontalen Brüstungen, die den Kontakt förderten. Man lernte, arbeitete und wohnte gemeinsam, aß in der Mensa, trieb Sport, diskutierte und feierte exzessive Feste. Mit den modernen „Meisterhäusern“ bildete das Bauhausareal ein Herzeigebeispiel für das Konzept des Wohnens und Arbeitens, sowie eine veritable Künstlerkolonie. In Dessau erlebte das Bauhaus seine Blüte, hier entwickelte Marcel Breuer erste Stahlrohrmöbel und erfüllte man öffentliche Aufträge: So entstand die Siedlung Dessau-Törten. Gropius plante 314 Reihenhäuser mit Wohnflächen von 57 bis 75 m2 und Nutzgärten: Diese dienten – analog zur Wiener Siedlerbewegung – der Selbstversorgung durch Gemüseanbau und Kleintierhaltung. Die Baustelle war wie eine industrielle Taktstraße organisiert, bestimmte Teile wurden vor Ort gefertigt, außerdem testete man neue Materialien. Ernst Neufert war hier Bauleiter: seine Bauentwurfslehre, die genau zeigt, wie viel Platz welche Tätigkeit braucht, wurde später zum Standardwerk. 1928 trat Gropius als Direktor zurück, ihm folgte der Schweizer Funktionalist Hannes Meyer. Er vertrat linkssozialistische Positionen und wurde 1930 vom Oberbürgermeister fristlos entlassen. Ludwig Mies van der Rohe übernahm daraufhin die Direktion. 1932 gewann die NSDAP die Wahl. Die Schule ging nach Berlin, auch dort wurde der Druck der Nazis zu stark, 1933 musste man schließen.
Gerade 14 Jahre existierte das Bauhaus, doch es prägte die moderne Architektur nachhaltig. 2019 jährt sich seine Gründung zum hundertsten Mal, schon jetzt ist der Dokumentarfilm „Vom Bauen der Zukunft. 100 Jahre Bauhaus“ von Niels Bolbrinker und Thomas Tielsch im Kino. Er spannt den Bogen von der Geschichte bis zur Gegenwart der Bauhaus-Orte, die 1996 den Unesco Weltkulturerbestatus erhielten. So kommt Torsten Blume, ein Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Bauhaus Dessau zu Wort, wo heute die Theatertradition von Oskar Schlemmer zeitgemäß weiterführt wird. Den eigenen Körper in Bezug auf den Raum zu erleben, ist immer noch wesentlich. Vor allem aber spürt der Film der folgenden Entwicklung der Moderne nach: Schon die ers-te Einstellung zeigt die Unité d’Habitation von Le Corbusier in Marseille. Dieser Wohnblock, ein Skelettbau mit 18 Geschossen, von 1947 bis 1952 gebaut, entspricht der prototypisch-visionären Vorstellung einer Wohnmaschine, die eigentlich eine kleine, vertikale Stadt ist. Im Haus gab es ursprünglich Geschäfte, ein Lokal, konnte man sich Essen in eine der 337 Wohnungen bestellen und den Müll per Abwurfschacht entsorgen. Auf der Dachterrasse waren ein Kindergarten mit Planschbecken, ein Freilufttheater und eine Sporthalle. Die Unité war ein Vorläufer der Plattenbauten. Man sieht Le Corbusier und die Star-Architekten ihrer Zeit auf dem Dampfer, wo beim CIAM (Congrès Internationaux d’Architecture Moderne) die Charta von Athen über die funktionale Stadt verabschiedet wurde. Autogerecht geplant, führte sie zu berühmt-berüchtigten Trabantenstädten wie der Gropiusstadt in Berlin.

Lernen vom Slum

Wesentlich mehr Menschen aber leben in den Slums des Südens. Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner, Architekten der ETH Zürich, betrachten sie als Orte selbstbestimmter, deregulierter Stadtentwicklung. Brillembourg und Klumpner gründeten den Urban-Think-Tank. Dieser baute „Vertical gyms“ – in mehreren Ebenen aufeinandergestapelte, von den Nachbarschaften verwaltete Flächen, auf denen Slum-Bewohner diversen sportlichen und künstlerischen Tätigkeiten nachgehen können. Außerdem initiierte der Urban-Think-Tank den Bau einer Seilbahn im Slum von Medellín, Columbien. Dieser verkürzt die Wege zwischen Berg und Tal eklatant, hilft den Bewohnern so, Lebenszeit zu sparen, schafft neue Perspektiven und bindet den Slum an das Metro-Netz an. Architekt Van Bo Le-Mentzel, 1977 in Laos geboren, hat in bester Bauhaus-Tradition eine Kollektion von Hartz-IV-Möbeln entworfen. Man kann sie um wenig Geld relativ leicht selbst nachbauen. Außerdem entwickelte er die kleinste Wohnung Deutschlands, das Tiny-House, um Wohnen wieder leistbar zu machen. Es bietet mit zwei Meter Breite auf 6,4 m2 und 3,60 Meter Raumhöhe immerhin zwei Kochplatten, ein Mini-Bad, ein Hochbett, einen Arbeitsplatz und soll hundert Euro Miete kosten. „Ich muss auch ohne Geld das Recht haben, zu existieren“, meint Van Bo Le-Mentzel. Die heutige Antwort auf Wohnungsnot. Es ist gut, dass es sie gibt – und jemand einfordert, dass Wohnen nicht zum Spekulationsobjekt werden darf. Die Siedlung Dessau-Törten braucht den Vergleich nicht zu scheuen. „Ich stehe auf Gropius, ich lasse nichts über Gropius kommen“, bemerkt Frau Anton, die bis heute begeistert dort lebt, im Film. Der Aspekt der Gemeinschaft ist bei sozialen Fragen sicher wesentlich. Bei den Hartz-IV-Möbeln nehmen die Menschen den Bohrer selbst in die Hand. Selbstermächtigung, wie sie auch Brillembourg und Klumpner an den Slums schätzen. Vielleicht die passende Antwort zu unserer Zeit, hoffentlich nicht die letzte. Dem Film ist hoch anzurechnen, dass er viele städtebauliche und architektonische Fragestellungen an ein breites Publikum heranträgt. Ob tatsächlich alle aufgezeigten Entwicklungen auf das Bauhaus zurückzuführen sind, sei dahingestellt. Die Reflexion, die der Film auslöst, bleibt wesentlich.


Vom Bauen der Zukunft –
100 Jahre Bauhaus

D 2018. Regie: Niels Bolbringer,
Thomas Tielsch
Polyfilm. 90 Min.
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