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Karst - 17/2018

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Wenn die Stimmung im Karst implodiert

Peter Rosei erzählt die prekäre Mischung unterschiedlicher Lebenskränkungen und -ängste.

Von Evelyne Polt-Heinzl

Gerät das, was die Gesellschaft zusammenhält – Moral, Kultur, Politik, Ökonomie – ins Rutschen, tun das auch die Leben der Menschen. Davon erzählt der Roman, seit es ihn gibt. Was die aktuelle Verhedderung aller Normen und Werte, aller Konstanten und Sicherheiten betrifft, vermisst Peter Rosei seit vielen Jahren die Auswirkungen derartiger Erosionsprozesse auf Selbstverständnis und Verhalten der Betroffenen. Meist benötigt er dafür nur schmale Bücher, als wollte er demonstrieren, dass die Analyse von so schleichenden wie epochalen Veränderungen nichts mit der aktuellen Neigung der Literatur zu tun hat, um die Maximierung der Seitenzahlen zu wetteifern.

Schräges Quartett

In seinem neuen Roman „Karst“ lässt er das Schicksal ein schräges Quartett zusammenwürfeln, jede der Figuren kommt aus einem anderen Kontext und einem anderen Land. Die Hohe Tatra, Budapest, Piran, Triest, Venedig, Wien – das sind hier nicht bzw. nur indirekt Schauplätze der alten Monarchie, sondern mehr jene der wirtschaftsliberalen Kolonialisierung nach der Wende.
Aus der Hohen Tatra kommt die lebenslustige Jana, Tochter eines alkoholkranken Hoteldirektors, der mit der alten Nomenklatura von der Bildfläche verschwindet. Die Liebesheirat mit dem feschen Geiger Gabor bringt sie nach Budapest. Doch dessen Hoffnung auf eine Karriere mitten in der Euphorie des Neubeginns versandet in schlechten Stehgeiger-Jobs, was ihn nach und nach zu einem Jobbik-Parteigänger macht. Jana aber entflieht der zunehmend prekären Situation, schreibt eines Tages rasch „was Romantisches, Kinoartiges“ auf einen Abschiedszettel und folgt dem umtriebigen Geschäftsmann Gstettner nach Wien.
Der ist ein wirklich erfolgreicher Profiteur der Wende, und zwar im Modegeschäft. Er hat es verstanden, sich eine „clevere Art von Recycling“ für den Outlet-Sektor im Osthandel zunutze zu machen. „Was oben liegen bleibt, geht unten weg. Das läuft ganz von selber“, auch weil er das System mit „Provisionen, Gratifikationen, Einmalzahlungen – wie immer sich das nannte – im Kuvert“ routiniert bedient. Als er sich später geschäftlich Richtung „Migrationssektor“ umorientiert, wird die Sache komplizierter, weil offener kriminell bei entsprechender Profi-Konkurrenz.

Stumpfe Routinen

Einige Zeit ist Jana in Gstettners Hietzinger Villa durchaus zufrieden. „Er konnte ihr was bieten, und er bot es ihr auch: Das konnte man doch Leben nennen?“ Freilich ist der Unterhaltungswert einer Existenz als verwöhnte Zierpuppe, als die er sie hält, endenwollend. Da trifft sie den alternden Kulturjournalisten Kalman, dessen Intellektualität ihr neu und aufregend vorkommt. Geduldig und stets aufmerksam lässt sie sich von ihm zutexten.
Die schöne Jana als bewundernde Zuhörerin wiederum ist genau das, was Kalman im Moment besonders nötig hat. Nicht nur, weil er immer schon anfällig war für „ranzige Komplimente“, er weiß auch ganz genau, dass sich seine Arbeit längst in stumpfe Routinen abgeflacht hat. „Sprachlich vielleicht ein wenig unscharf, von der Haltung her diffus, aber zielstrebig und flott. Der fliegende Pfeil. Hochstapelei? Größenwahn? Feine Skepsis, gut dosiert, Gefühle, ja. Aber, auf keinen Fall zuviele. Und niemals Zögern oder Zaudern, das ist der Tod“, denkt er und fragt sich dann doch: „Sind die Worte schuld an dem Elend? Nein, […] eher haben sie mit der Zeit einen anderen Sinn bekommen, so unter der Hand. Wie Geld, das plötzlich nichts mehr gilt.“ Gleichwohl krallt sich Kalmar an seiner kleinen Machtposition fest und registriert panisch Zeichen eines möglichen Imageverfalls. Lässt ein Interviewpartner auf sich warten oder einen Termin platzen, könnte das bedeuten, dass „die Erosion schon begonnen hat“.
Der vierte im Bunde stößt gewissermaßen aus Venedig dazu. Kalmar hatte bei seinem letzten Biennale-Besuch mit Tonio, Kellner im Café Quadri, eine kurze Affäre. Tonios Vater wiederum ist oder war ein kleiner Olivenbauer im Karst, der gerade den neuen Zeiten und deren Hypotheken zum Opfer fällt. Und so taucht Tonio, auf der Flucht vor seinen Spielschulden und der Polizei, in Wien bei Kalmar auf.

Sparsame Sprache

Alle diese Lebensgeschichten entwirft Rosei in seiner unaufgeregten Art und hält doch jeden Moment die prekäre Mischung der unterschiedlichen Lebenskränkungen und -ängste präsent. In Kombination mit rezenter Eifersucht in wechselnde Richtungen ergibt das eine explosive Grundstimmung, die das Vierergespann am Ende im titelgebenden Karst zum Implodieren bringt.
Roseis Sprache ist, wie meist, sparsam, aber nicht karg, etwa bei der Beobachtung alltäglicher Verhaltensweisen. „Während die Gäste noch auf dem Markusplatz sitzen, vermischt sich in ihnen bereits das, was sie tatsächlich hier sehen und erleben, mit dem, was sie, einmal daheim, gesehen und erlebt werden haben wollen.“ Und wie die Venedig-Touristen versuchen auch alle Figuren im Roman, sich ihren Teil am je verschieden interpretierten Glück zu nehmen, es aber zu halten ist in unruhigen Zeiten mit sich verflüssigenden Grenzen in Moral- wie Geschäftsdingen nicht einfach. Feinheiten, mit denen Rosei das umschreibt, verbergen sich oft in kleinen Details. Er müsse zwei Frauen und vier Kinder unterhalten, da müsse man sich schon ranhalten, sagt im Triester Bahnhof eine flüchtige Barbekanntschaft zu Tonio und verpasst über diese Unterhaltung fast den Anschlusszug. Das ergibt in einem nebenbei eingestreuten Dialog auf vier Druckzeilen eine Art Problemkatalog aktueller Lebensmiseren. Es ist zu hoffen, dass Rosei bereits an seinem nächsten Roman arbeitet – vielleicht über jüngste demokratiepolitische Bedenklichkeiten.


Karst
Roman von Peter Rosei

Residenz 2018,
188 S., geb.,
€ 22,–
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