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Nebel - 17/2018

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Fremd ist er ausgezogen …

Mario Schlembach schrieb mit seinem Roman eine Parabel über das Leben. Der Tod ist Dauergast.


Von Anton Thuswaldner

Die Szenerie ist bekannt. Der Vater ist gestorben, der Sohn kommt nach langen Jahren der Abwesenheit wieder aus der Großstadt in das Dorf seiner Kindheit zurück. Im Normalfall entwickelt sich daraus eine Familiengeschichte, in der nach und nach Verschwiegenes zur Sprache gebracht, Verlogenes zurecht gerückt und Verdrängtes mühsam ans Licht geholt werden muss. Am Ende sehen wir lauter desillusionierte, aber geläuterte Menschen, die ihren späten Frieden mit der Geschichte gemacht und sich die Freiheit erarbeitet haben, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Der Leser bekommt neben einer recht aufregenden Geschichte auch gleich noch einen Geschichtsreport geliefert. Die Leichen im Keller der Vergangenheit sind ordnungsgemäß bestattet.

Klassischer Rucksack

Mit Leichen weiß Mario Schlembach eine Menge anzufangen. Immerhin war der Vater des Erzählers seines zweiten Romans „Nebel“ Totengräber. Schon als Kind half der Erzähler seinem Vater bei der Arbeit, wusste also früh um die Vergänglichkeit allen Seins. Kein Wunder, dass ein solcherart vorbelasteter Mensch zum Grübeln neigt und der Roman ein existenzielles Drama durchspielt. Dieses belastet den jungen Mann gleich mehrfach.
Die Familiengeschichte, der klassische Rucksack eines jeden, macht auch ihm zu schaffen. Die Mutter hat er nie kennengelernt, was es mit ihr auf sich hat, lernt er erst jetzt kennen. Der Vater, ein schweigsamer, in sich verschlossener Kerl, ist auch keiner, von dem Herzlichkeit oder besondere Zuwendung zu erwarten wäre. Schweres Gepäck also. Das reicht noch nicht, jetzt kommt eine Frau ins Spiel. Sie ist die Schwester seines besten Freundes, die seit Kindheitstagen seine große Liebe ist. Die verrät er jedenfalls, als er nach dem Tod ihres Bruders überstürzt in die Stadt verschwindet und das Mädchen allein lässt. Das verhindert jetzt die so dringende Annäherung der beiden. Überhaupt ist die junge Frau mehr Fantasieerscheinung als Wesen als Fleisch und Blut, ein Phantom der Wünsche und Begierden, ein Traumwesen. Zurückgekommen ins Dorf, taucht sie bei ihm auf wie eine Erscheinung, real genug, ihn aus der Fassung zu bringen. Nähe gibt es erst, als sie stirbt – aber vielleicht ist auch das bloß Einbildung.

Tod ist Dauergast

Man sieht, der Tod ist Dauergast in diesem Roman, der auch einen abgebrühten jungen Mann, dem Tote eigentlich nie nahegehen, in diesem einen Fall zerstört zurücklässt. Wenn er sich in der Stadt durchschlägt, indem er in einem Bestattungsunternehmen aushilft, schafft er es locker, sein Jausensemmerl in jeder noch so – für jeden anderen jedenfalls – bedrückenden Nachbarschaft von Toten zu verdrücken. Der Tod, eine lange Zeit weggeschobene Größe, rückt ihm auf den Pelz, wenn Vater und Jugendliebe sterben. Dann stellen sich Fragen über das Sein ein, auf die es keine verbindlichen Antworten gibt.
Jetzt wird der Erzähler wunderlich. Er grübelt über den Sinn des Ganzen, sucht die Logik hinter den Ereignissen, ruft sich selbst aufmunternd zu: „Ich muss die Zeichen richtig deuten!“ Sinn des Lebens, die Logik dahinter, verborgene Zeichen: Das ist einerseits ein zutiefst romantischer Wille, sich in einem Weltganzen geborgen zu fühlen bei all der Zumutung des Todes, und es ist ein sicherer Hinweis darauf, dass einem die Sicherheiten weggebrochen sind. „Alles hat so kommen müssen, wie es gekommen ist“, heißt es im gleichen Zusammenhang. Das hat etwas Tröstliches, zeigt aber auch, wie sich einer auf alles Leben steuernde Mächte ausredet, auf die er keinen Einfluss hat. Das hätten wir so gern. Denn wenn es sich so verhält, ist das Leben einer Zwangsläufigkeit unterworfen und dem Einzelnen Versagen nicht vorzuwerfen.
Wenn vom Tod die Rede ist, der für die Überlebenden ein Kapitel abschließt, mit dem sie selbst noch gar nicht fertig sind, ist die Schuldfrage nicht weit. Vorwürfe stellen sich ein, was einer unterlassen, versäumt und vermasselt hat. Dem Erzähler geht es nicht anders, er weiß ja, dass er so, wie er jene, die ihm nahe standen, verlassen hat, den Problemvermeidungsweg gegangen ist. Zwischen der Einsicht, dass er Vertrauen missbraucht hat, und der Idee, dass eine externe Logik für alles verantwortlich ist, schwankt die Person des Erzählers.
Der Roman überträgt die Totengräberarbeit auf die Form. Er gräbt in die Tiefe, fördert Vergangenheit von Vorfahren und verschüttete Geschichten zutage. Und er deckt Unannehmlichkeiten zu, lässt unangenehme Wahrheiten kurzerhand verschwinden. Dazu gehört auch der Lagerfriedhof, auf dem russische Soldaten beerdigt sind, zu dem früher eine Allee führte und der inzwischen schwer auffindbar gemacht wurde. Das aber ist ein anderes, großes Thema, das an Zeitgeschichte rührt. Was wir lesen, ist ein Roman vom Aufdecken und Zuschütten, eine Parabel über das Leben eben.

Roman mit Dringlichkeit

Mario Schlembach arbeitet für das Theater, denkt in Szenen und Bildern, was sich auch in seinem Roman niederschlägt. Der ist das Ergebnis einer persönlichen Krise. Als ihn eine Schreibhemmung heimsuchte, begann er sich in einer Art Selbstvergewisserung Aufzeichnungen über seine Jugend zu machen. Dieses Material bearbeitet er, sodass aus dem sehr privaten Stoff ein Buch geworden ist, dem, so wie es existenzielle Notlagen aufgreift, die Dringlichkeit anzusehen ist. Es betrifft nicht nur den einzelnen Fall eines jungen Mannes, der in ein tiefes Loch fällt, sodass die Zukunft in Düsternis getaucht ist: Der Typus eines Intellektuellen wird vorgestellt, dem das von Freunden und Familie gespannte Sicherheitsnetz reißt. Er ist auf sich allein zurückgeworfen, ist nicht daheim im Dorf seiner Kindheit und nicht angekommen in der Großstadt, vor der er aus der Enge der Zustände floh. Mit Mario Schlembach aber wird in Zukunft zu rechnen sein.


Nebel
Roman von Mario Schlembach
Otto Müller 2018
170 S., geb.,
€ 20,–
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