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Stunk in Waldstätten - 17/2018

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Rennen, Krimi und Hundehaar

Humorvolle bis karikatureske Geschichten prägen die österreichische Kinderliteratur. Zur Freude auch der Erwachsenen.


Von Peter Rinnerthaler

Im Jahr 1918 beschloss die „Provisorische Nationalversammlung“ Verfassungsgesetze, die sehr gewichtige Bestimmungen umfassten: Zum Beispiel die Aufhebung der Zensur oder den Acht-Stunden-Arbeitstag in Fabriken. Unter Punkt 116 des Staatsgesetzblattes widmete man sich aber auch „Regelung[en] des Verkehrs mit Pferden und anderen Einhufern“ und hielt in § 1 fest, dass Besitzer von Pferden den Bestand zu melden haben, dies gelte „in gleicher Weise auch für Maultiere, Maulesel und Esel“. Ob es in „Das Große Rennen“ zu einer Missachtung oder sogar zu einer gesetzeswidrigen Hausschlachtung gekommen ist, die vor 100 Jahren ebenfalls ausdrücklich in § 4 verboten wurde, bleibt Interpretationssache; jedenfalls müssen die Wettkampfbeteiligten zum großen Erstaunen der illustren Zuseherschaft auf vom Gesetz ausgenommene Paarhufer zurückgreifen: „Endlich öffneten sich die Stalltüren. Aber – es wurden nicht Pferde, sondern Kamele auf die Rennbahn geführt!“

Skurriles Wettrennen

Der Karikaturist Gerhard Haderer begibt sich nach „Jörgi, der Drachentöter“ (2000) und „Manchmal ist ein Fasan eine Ente“ (2013) wieder in den Bilderbuchbereich und inszeniert mit Heinz Janisch eine ordentlich überzeichnete Milieustudie, die ein skurriles Pferdewettrennen-Publikum samt Zylinder, Frack und ausladenden Damenhüten auf die Schippe nimmt. Ob das im typisch Haderer’schen Karikaturstil entworfene Spektakel als bizarr gezeichneter Witz oder als Allegorie auf die turbokapitalistische Wettkampfgesellschaft gelesen wird, ist zweitrangig, da man sich die abfallend und farbkräftig gestalteten Illustrationen am liebsten gerahmt an die Wand hängen möchte. Während Haderer unterschiedlichste Perspektiven, Bildeinstellungen und Zooms wählt, um die groteske Dynamik und die überzeichneten Fratzen des Wettrennkosmos in Szene zu setzen, sorgt Janisch mit nüchternem Ton dafür, dass die Bild-Text-Schere besondere Komik entwickelt und sowohl Kindern als auch Erwachsenen Tränen in die Augen treiben wird.
Auch Waldstättens Stadtbewohner treibt es das Wasser ins Gesicht, allerdings nicht vor ausgelassener Heiterkeit, sondern weil ihnen eines Tages ein ganz besonders fieser „Stunk“ in die Nasen fließt. Melanie Laibl und Maria Karipidou liegen mit ihrer Erzählung für noch sehr junge Leser Buchmarkt-technisch voll im Trend. Denn im Grunde entwerfen sie mit dem fiktiven Luftkurort Waldstätten, aus dem alle Gerüche verbannt werden sollen, eine sehr spezifische Form der Dystopie: „Schon ein winziger Käsetoast konnte einem Strafpunkte im Stunkregister einbringen!“ Eingebettet wird dieses bizarre Setting in eine Detektivgeschichte rund um Robin Spatz, deren Ermittlungen durchaus zu einem „Umweltkrimi“ heranwachsen, so wie Melanie Laibl es selbst bezeichnet. Maria Karipidous Illustrationsstil, mit dem sie bereits zahlreichen Texten von James Krüss und Co. eine ganz eigene Note verpasst hat, harmoniert auch perfekt mit Laibls Figurencharakterisierung, die sehr spezielle, oft eigenbrödlerische oder schrullige Persönlichkeiten rund um einen örtlichen Geruchsskandal versammelt. Am Ende ertappt man sich selbst beim gedanklichen Skandieren des am Cover abgedruckten Slogans: „Knoblauch für alle!“

Stilles Hundebuch

In der österreichischen Kinderliteratur scheinen derzeit allerdings nicht endzeitliche Narrative en vogue zu sein, sondern – wie hier bereits kurz skizziert – abstruse, besonders humorvolle bis hin zu karikaturesken Geschichten, die charismatische Tierfiguren ins Zentrum stellen. Verena Hochleitners „Hundesalon“ ist die Krönung dieser Tendenz, da sie das Who’s who der Hundewelt in ihr neues Bilderbuch packt. Als sogenanntes „silent book“ mit vielen kleinen parallelen Handlungen, die allesamt im hippen Frisiersalon stattfinden und am Ende ein relativ komplexes Beziehungsgeflecht ergeben, eignet es sich perfekt dazu, es stundenlang vor- und zurückzublättern, neue Details zu entdecken und auf dem fünfseitigen, ausklappbaren Stadtpanorama festzustellen, dass sich eine noch unbekannte haarige Figur in die Kulisse geschlichen hat. So viel sei verraten: Das Staatsgesetzblatt von 1918 muss dafür nicht konsultiert werden.


Stunk in Waldstätten
Von Melanie Laibl
Illustr. von Maria Karipidou
G & G 2018
64 S., geb., € 14,95
ab 7 J.

Hundesalon
Von Verena Hochleitner
Tyrolia 2018
32 S., geb., € 15,95
ab 4 J.

Das Große Rennen
Von Heinz Janisch
Illustr. von Gerhard Haderer
Jungbrunnen 2018
40 S., geb., € 17,–
ab 4 J.
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