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Wer war Ingeborg Bachmann? - 26/2018

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Eine mutige Grenzgängerin

Am 4. Juli werden die 42. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt eröffnet, am Ende winkt der Ingeborg-Bachmann-Preis. Mythen über dessen Namensgeberin entzaubert Ina Hartwig in ihrer Biografie.

| Von Christa Gürtler

Schon der Titel „Wer war Ingeborg Bachmann?“ von Ina Hartwigs „Biographie in Bruchstücken“ verweist auf die Motivation der Autorin, die gar nicht vorgibt, eine Biographie zu schreiben, sondern sich auf Spurensuche begibt. Sie befragt Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nach ihren Erinnerungen an Ingeborg Bachmann, sie stellt kritische Fragen zu den Bildern von ihr und den Texten über sie. Nein, die Frage „Wer war Ingeborg Bachmann?“ wird nicht beantwortet, sie erweist sich als völlig unzulässig, zumal es zahlreiche Leerstellen in der Lebensgeschichte gibt.
Ina Hartwig nähert sich weder als Literaturwissenschaftlerin noch als klassische Biographin der Autorin. Sie interessiert ein neuer ebenso schonungsloser wie dis-tanzierter Blick auf die Legendenbildung, auf die Mythen, die sich um Bachmanns Leben und ihren Tod ranken und sie liest so manchen ihrer Texte gegen den Strich. So interpretiert sie etwa den letzten Satz „Es war Mord“ von „Malina“, dem einzigen zu Lebzeiten veröffentlichten Roman, anders als gewohnt. Denn Hartwig neigt zu einem Verständnis von „Selbstzerstörung“ und „Selbstmord“. Auch die Zeitzeugen entwerfen verschiedene Erinnerungen an die am 25. Juni 1926 geborene Dichterin, Ina Hartwig dokumentiert die Projektionen und misstraut ihnen zu Recht. Schon das Spiegel-Cover-Foto aus dem Jahr 1954 inszeniert Bachmann als „traurige Diva“. Hartwig schaut dort genau hin, wo die Hagiographen Bachmanns wegschauen und ihre Lebensgeschichte als Leidensgeschichte festgeschrieben haben. In diese fügt sich auch der Titel des ersten Bandes der neuen „Salzburger Bachmann Edition“: „‚Male Oscuro‘. Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit“.

Mythen und Spekulationen

Hartwigs Spurensuche beginnt mit einem Kapitel über die Spekulationen des Sterbens von Ingeborg Bachmann. Sie erzählt in der Folge keine lineare Geschichte zurück in die Kindheit, dennoch enden ihre „Bruchstücke“ im familiären Gefüge der beiden Vaterfiguren, die sich im Werk widerspiegeln. Schon die Kapitelüberschrift „Guter Vater, böser Vater“ verknüpft auf besondere Weise die Ambivalenzen zwischen Leben und Werk und verweist auf die Gespaltenheit des Vaterbildes. Denn in „Malina“ finden wir im zweiten Kapitel die Abrechnung mit dem Vater als Verkörperung des Bösen, in der Erzählung „Drei Wege zum See“ den guten und verständnisvollen Vater, mit dem die Tochter vieles verbindet.
Ingeborg Bachmanns Ästhetik der politischen Zeitgenossenschaft zeigt exemplarisch die Widersprüche ihrer Generation. Hartwig liest Bachmanns Radioessay über Simone Weil als Schlüsseltext für ihre politische Haltung. Bachmanns Vater war seit 1932 Mitglied der NSDAP, darüber hat sie aber nie gesprochen, ihre große Liebe war Paul Celan, den sie als „Displaced Person“ in Wien kennenlernte und mit dem sie zwar wenig Lebenszeit verbrachte, der aber viele Spuren in ihrem Werk hinterließ. Zur Zeit ihrer Begegnung mit Paul Celan war Ingeborg Bachmann allerdings liiert mit dem aus der Schweiz zurückgekehrten Autor Hans Weigel, der aber schließlich eine andere Frau heiratete und sich später sowohl journalis-tisch als auch in einem Roman sehr paternalistisch über seine Ex-Geliebte äußerte.
Die Identifikation der Tätertochter mit dem jüdischen Opfersohn scheiterte und wurde von Celan mehr oder weniger gewaltsam und selbstzerstörerisch verweigert. Ingeborg Bachmann setzte sich in ihrem Werk mit den Nachwirkungen des Faschismus in unserer Gesellschaft auseinander, der sich in die privaten Beziehungen und die Körper der Menschen eingeschrieben hat. In den Texten sind immer die Frauen das Opfer, gleichzeitig finden wir in ihrem Werk den vielzitierten Schlüsselsatz „Auf das Opfer darf sich keiner berufen“.
Hartwig fokussiert ihr persönliches Interesse auf wenige Lebensstationen von Ingeborg Bachmann und zwar auf jene, die besonders deutlich ihre intellektuellen und sexuellen Grenzüberschreitungen markieren. Der Nachlass ist nach wie vor nur teilweise einsehbar und die Familie hat möglicherweise – glaubt man Zeitzeugen – dafür gesorgt, dass nicht alle Briefe im Nachlass gelandet sind. Da der Briefwechsel zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann gesperrt bleibt, beschränkt sich Hartwigs Suche in diesem Feld auf die Erinnerungen von Marianne Frisch, die einen erfrischend lakonischen Blick auf die Beziehung von Bachmann und Frisch von 1958 bis 1963 wirft, aber auch auf ihr eigenes Leben und den Beginn der Beziehung zu Frisch, während sie noch mit Tankred Dorst zusammen war.

Viele Leben

Ganz besonders geglückt erscheint mir Ina Hartwigs höchst subjektive Spurensuche im Entwurf eines ebenso anekdotisch wie analytisch erzählten Panoramas der intellektuellen Netzwerke der 1950er- bis 1970er-Jahre. Denn Ingeborg Bachmann hatte viele Leben, die sie auseinanderzuhalten versuchte: Sie war eine karrierebewusste Autorin, die in Wien beim amerikanischen Sender Rot-Weiß-Rot ihr Geld verdiente und sehr komische Geschichten für die Serie „Die Radiofamilie“ erfand – ihr Hang zu Witz und Komik wird noch immer zu wenig beachtet. Sie profitierte von der amerikanischen Kulturpolitik im Kalten Krieg und zählte 1955 zum erlauchten Kreis der Stipendiaten der Summer School an der Harvard University, die Henry Kissinger organisierte und der im Gespräch seine Zuneigung zu Bachmann nicht verhehlt. Sie lebte mit einem hochdotierten Stipendium der amerikanischen Ford Foundation von 1963 bis 1964 in Berlin. Sie erlebte ihre glücklichsten Liebesbeziehungen mit schwulen Männern wie Hans Werner Henze und genoss den „homosexuellen Schutzraum“. Nach dem Ende der Beziehung zu Max Frisch gewann sie Überlebensperspektiven mit dem jungen Adolf Opel auf ihren Reisen nach Prag und Ägypten. Sie hatte zeitlebens keine Familie, möglicherweise aber einen Kinderwunsch. Sie lebte sexuell promis-kuitiv, war alkohol- und tablettensüchtig, hatte ein Faible für den sogenannten „Untergrund“ der Stricher und Dealer. Sie war eine mutige Grenzgängerin, engagierte sich politisch und war eine produktive Schriftstellerin, deren Leben im Alter von 47 Jahren am 17. Oktober 1973 ein tragisches Ende fand.
Ina Hartwig bleibt in ihrer „Biographie in Bruchstücken“ eine Fragende, sie verweigert sich Gewissheiten und glatten Interpretationen von Leben und Werk Ingeborg Bachmanns. Sie verzichtet auf Deutungshoheit und stellt diese in Frage, wie schon der Titel signalisiert. Diese notwendige Entzauberung der Mythen war längst fällig und regt an zu einer neuen Lektüre von Ingeborg Bachmanns großartigem Werk.


Wer war Ingeborg Bachmann?
Eine Biographie in Bruchstücken.
Von Ina Hartwig
S. Fischer 2017. 320 S.,
geb., € 22,70
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