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Der Gesang der Räder... - 51-52/2007

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Liebe erst im Verlust
Noch ein interessantes Erstlingswerk dieses österreichischen Literaturherbstes: Die Figuren in Ruth Cerhas Erzählungen verpassen sich, auch wenn sie sich finden.
Von Evelyne Polt-Heinzl

So zahlreich wie aktuell scheint es viel versprechende oder zumindest ordentliche Debüts schon lange nicht mehr gegeben zu haben; allerdings ist der jahrelange Hype um Jungtalente im Moment hinter der Freude über die heimischen Bestsellerlisten-Anführer etwas in den Hintergrund getreten. Neben Bernhard Strobel, Clemens Setz oder Kathrin Resetarits gehört jedenfalls auch Ruth Cerhas Erzählband „Der Gesang der Räder in den Schienen“ zu den Erstlingswerken dieses Buchherbstes, die aufhorchen lassen. Im jungen Luftschacht Verlag, der seine Bücher ordentlich ausgestattet in die Lesewelt schickt und schon einigen jungen Autoren zu einem Start verholfen hat, ist der Band gut beheimatet.

Überstürzte Flucht
Ruth Cerha, geboren 1963 in Wien, erzählt von sechs Liebesbegegnungen, wobei die Liebe mitunter erst im Verlust aufbricht. In der titelgebenden Erzählung etwa löst der Tod des Vaters im Sohn eine unbewältigbare, weil unverstandene Schockreaktion aus. Der junge Mann flüchtet überstürzt nach Berlin und kämpft, in einem Abbruchhaus dahinvegetierend, mit nichts als sich selbst und seiner plötzlichen Trauer. Dabei trägt alles, was er tut, ein wenig den Charakter des Unauthentischen, wie einem Jim Jarmusch-Film nachgespielt – nicht zufällig ist dem Buch ein Motto von Tom Waits vorangestellt. Wo der Weg zur eigenen Emotionalität nicht zu finden ist, liegt der Rückgriff auf medial vermittelte Gesten und Verhaltensoptionen nahe.

In den anderen fünf Fällen geht es um die Liebe zwischen den Geschlechtern, und auch hier ist es das prinzipielle Gefühl der Fremdheit, das wie ein Schatten über den Begegnungen liegt und die Beteiligten oft erst im Verlust aufrüttelt. Es sind urbane Akteure, gut eingeübt in das Spiel der Abfolge mehr oder minder flüchtiger erotischer Begegnungen. Umso mehr werden sie mitunter selbst überrascht von ihren eigenen emotionalen Reaktionen. Eine ins 21. Jahrhundert gebeamte Lolita-Figur, die ihrer kleinbürgerliche Herkunft mit konsequenten Lügengebäuden zu entkommen versucht und sich damit unerreichbar macht, ist ebenso zugange wie der aus Amerika anreisende Enkel von NS-Opfern.

Die Figuren begegnen einander auf Partys, Flughäfen, im Palmenhaus oder in städtischen Verkehrsmitteln. Sie sind in Bewegung und irgendwie immer auf der Suche, und wenn sie sich finden, verpassen sie sich doch. „Ich spreche oft Leute an, die ich nicht kenne, wegen des kostbaren Moments bevor man sich gegenseitig einordnet“, sagt die Modedesignerin, die mit dem angesprochenen Milos sofort eine intensive Affäre beginnt. Als er nach einem halben Jahr aus ihrem Leben verschwindet, sieht sie sich fassungslos bei ihrer Verzweiflung über den Verlust dieses Menschen zu, von dem sie eigentlich kaum etwas weiß. Die Raschheit und Unverbindlichkeit, mit der die Beziehungen eingegangen werden, können in einem Leerlauf ebenso münden wie in emotionaler Überforderung.

Ungelebt, aber tiefer
Nicht alle der Erzählentwürfe überzeugen in gleicher Weise, manchmal wird vielleicht etwas zu viel hineingepackt, aber sprachlich gelingt der Autorin eine ruhige Ebenmäßigkeit und mitunter eine bemerkenswerte Poesie. Etwa in der zarten Geschichte des in sich versponnenen Malers mit der jungen Frau, die sich als Psychiatriepatientin entpuppt. Es ist das öffentliche Verkehrsmittel Autobus, das den alleinigen Ort ihrer Begegnungen abgibt; nach Maßgabe der aufgeklärten Urteilskraft bleibt die Affäre also ungelebt, vielleicht geht sie deshalb tiefer – auch für den Leser.


Der Gesang der Räder in den Schienen
Von Ruth Cerha
Edition Luftschacht, Wien 2007
185 Seiten, geb., 20,50
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