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Durchleuchtung - 51-52/2007

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Durchs wilde Zeichen-Gehölz
Ferdinand Schmatz’ Liebes- und Künstlerroman „Durchleuchtung“ erzählt von
Tomografieaufnahmen poetischer und ganz realer Körper.
Von Oliver Ruf

In einem Spitalzimmer, Schnee fällt, aber nicht zu viel, liegt der Patient Franz, der groß und blond und nachdenklich ist, und blickt in die Augen seines behandelnden Arztes. Der trägt den Namen Pokisa, sagt: „Leuchten wir also in die Gegenwart hinein“ und zieht aus einem Kuvert Röntgenbilder: „Da tat sich was, das: Es hoben sich Teilchen von ihrer Bahn und gaben Licht ab, das strahlte dann auf seine Art, das Lächeln der Elektronen, und das, was zurückblieb, das war der wieder widerstrahlende Rest – an Körper, Leib, Gewebe, und das war Franz auch.“ Franz ist jedoch durchaus mehr als die Summe seiner Teile. Das „grünmatte Zeichenfeld“ der Aufnahmen deutet es an. Was aber kann man entziffern?
Zunächst einmal das Innenleben und den Bewusstseinsstrom der Hauptfigur, für den die Klarheit einer Idee im greifbaren Widerspruch zum Bildnis steht, das Franz „etwas verwischt und gar nicht so eindeutig“ hat. Ferdinand Schmatz, der in seinem Werk die Bedingungen literarisch-künstlerischen Sprechens auslotet, findet in seinem jüngsten Roman hierfür eine bezeichnende poetische Chiffre. Franz „Soundso“ wird also im Krankenhaus durchleuchtet – im wörtlichen und übertragenen Sinn.

Posa und Pose – A oder E?
Einerseits wird er dort in den Tomografen geschoben, werden von ihm Röntgenbilder angefertigt, um eine im Dunkeln verbleibende Krankheit womöglich zu diagnostizieren. Die technischen Daten und Dokumente der Faktizität bilden andererseits den Ausgangspunkt einer permanent sich wiederholenden Selbstreflexion. So sieht Franz auf den Röntgen- und Tomografieaufnahmen seine Knochen, sein Knie, seine Lungen und fragt sich, was er denn nun wirklich sieht: „Konnte er so denken, wenn er seine Figur vorformte, sie ausdenken ließ von den kleinen Aufnahme- und Abbildungsmaschinen in sich selbst, die einen Formbaustein an den anderen setzen, es und ihn versuchten?“

Schmatz interessieren – kaum verschlüsselt – Fragestellungen der historischen Avantgarde- und Zeichentheorie. Was wird bezeichnet? Und wie wird etwas bezeichnet? Welche Rolle hat die Schrift? Und welche das Sprechen? Wie wird überliefert? Und was wird memoriert? Der Roman kreist um solche Erkundungen, in vielen Stimmlagen, zahlreichen Exkursen und noch zahlreicheren Aphorismen. Wenn an einer Stelle die Unterscheidung von „Posa“ und „Pose“ zum Thema wird, spielt Schmatz gleichsam auf der Klaviatur der seinem Schreiben immanenten sprachkritischen Tradition. Der Weg der Bedeutung, heißt es hier, ist weit, der des Buchstabens allerdings kurz; „A oder E, im Öffnen und Schließen draußen und drinnen im Mund findet sich der Grund.“ Nicht nur, dass dadurch an Jandls Poetikvorlesungen angeknüpft wird. Die Mittel und Wege sprachlichen Ausdrucksvermögens werden aufs Trefflichste miteinander verwoben.
Schmatz bahnt sich seinen Pfad durch das „verzweigte Gehölz aus Zeichen“, durch den „Haufen aus Wörtern und Bildern“, ohne auf einen zugrunde liegenden Plot oder eine Liebesgeschichte zu verzichten. In deren Zentrum stehen Franz und Danja, eine „Liese auf der Wiese“, mit der Franz Natur, Atelier und Leben teilt. Auch Danja wird durchleuchtet wie überhaupt alle Figuren transparent und unbestimmt sind. Konturen verleiht ihnen eine Arznei, die ob ihrer Rezeptur zunächst wie ein Gift wirkt, die die Unschärfe sublimiert, indem sie die Durchleuchtung kontinuiert: ein „wildes“ Erzählen.

Zeichenlehre, Leichenzehre
Der erzählerische Überschwang des Bezeichnens geht ständig mit Zweifeln einher, was an Ferdinand de Saussure erinnert, der die menschliche Rede vom abstrakten Regelsystem der Sprache und dem Sprechen differenziert, der sprachliche Zeichen als (laut)malerische Einheiten auffasst, die sich in „Bezeichnetes“ und „Bezeichnendes“ unterscheiden lassen. In Schmatz’ Roman ist sowohl von „Zeichenlehre“ als auch von „Leichenzehre“ die Rede; das „Schallen“ im Ohr wird bei Schmatz ebenso herausgestellt wie ein Lied gesungen, die Sprach- zur Kunstarbeit geweitet, als „ästhetische Handhabung des Materiellen wie des Gedachten“.
Gleichzeitig sucht Schmatz mit seinem Künstlerroman nach dem ihm eigenen Ausdruck. Das ist meistens nicht ganz einfach, schon gar nicht einfach zu lesen, sondern vor allem anspruchsvoll. Zwischen den Zeilen entfalten sich Sprachspiel und Genieästhetik, kommen Konrad Bayer samt Oswald Wiener in einer Figur zu Wort, klappen sich zugleich Kunst- und Mediendiskurse auf, womit etwa auf Benjamins „Kunstwerk“-Aufsatz verwiesen wird. Vielleicht ist Ferdinand Schmatz auch in dieser Perspektive einer der letzten Erben der „Wiener Gruppe“. Mit seinem neuen Roman, in dem poetische und ganz reale Körper gleichermaßen geröntgt werden, kommt er zumindest „den Buchstaben ebenso nah wie der Bedeutung der Wörter“.


DURCHLEUCHTUNG
Ein wilder Roman aus Danja und Franz
Von Ferdinand Schmatz
Haymon Verlag, Innsbruck 2007
304 Seiten, geb., € 19,90
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