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Der Tod des Professors - 01/2008

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Irische Irritationen
Die überraschenden Erzählungen des großen Prosa-Autors William Trevor.
Von Cornelius Hell

Abseitige, randständige und verworrene Lebensgeschichten haben es dem irischen Erzähler angetan, und ihm genügt der schmale Raum einer Erzählung, um ihre Mikroszenen auszuleuchten, aber nicht zu erklären. Wenn er gleich zu Beginn eine ganze Seite braucht, um jemanden bei einer Haustüre hineingehen zu lassen, so ist das besonders spannend. Ein Fremder kommt da in das Haus von Vera und ihrem Vater – ein Fremder, der sich das Vertrauen der beiden erzwungen hat und auf den sie angewiesen sind. Vera war nämlich angeklagt, ihre behinderte Schwester ermordet zu haben; da trat dieser Sidney als Entlastungszeuge auf und zwang Vera vor Gericht, eine Liebesszene zuzugeben, die nie stattgefunden hatte – das war ihr einziges Alibi. Seither sind die beiden aneinandergekettet, erotische Phantasien liegen in der Luft, aber eben nur Phantasien, denn über der ganzen Erzählung schwebt jene Erkenntnis, die sie als letzter Satz abschließt: „Aber Vera weiß, ohne ihren Vater würden sie einander ängstigen.“

Trevor ist Spezialist für letzte Sätze voller Überraschungen. Faszinierend sind seine positiven Schlüsse, die nicht in Kitsch-Manier ein vorhersehbares Glück inszenieren, sondern immer überraschen. „‚Mein Liebling‘, flüstert er in der Stille, die sie umfängt, und hält sie im Arm wie an dem Tag, als er ihr zum ersten Mal seine Liebe gestand. Was sie beschützt, ist die Vermählung ihrer Unterschiede, unerschütterlich in den Trümmern des Sturms“ – so endet die titelgebende Erzählung um einen Professor, dem eine üble Posse gespielt wurde: In der Zeitung hatten die Kollegen seine Todesanzeige gelesen, während er nichtsahnend auf die große Feier der Universität ging. Und die einzige, die ihn vor dieser misslichen Situation hätte bewahren können, seine Frau, hat einfach die Zeitung weggeräumt. Ein Autor minderen Ranges hätte sich mit der amüsanten Satire auf das Universitätsmilieu zufrieden gegeben, die dieser Text auch enthält, doch Trevor benutzt sie als Sprungbrett, um subtil die Beziehung zwischen dem Professor und seiner Frau darzustellen und in den zitierten Schluss münden zu lassen.

Literarische Funken
Die Erzählung „Das Geschenk der Jungfrau“ ist eine Berufungsgeschichte von urchristlicher Archaik, in der ein Mann zunächst aus seiner Familie, dann aber auch aus dem Klosterleben herausgerissen wird, um an der irischen Küste als Eremit zu leben. Doch als er sich in dieser Einsamkeit eingerichtet hat, wird ihm mit 59 Jahren eine neue Berufung zuteil. Er fühlt sich der Gottesmutter Maria nahe, die ihm erscheint: „Auch für sie hatte es Müdigkeit gegeben und Furcht und ein herzloses Mysterium.“ Nach 21 Jahren als Einsiedler führt ihn diese Marienerscheinung zurück in das steinerne Bauernhaus seiner Eltern. Der Schlussakkord der Erzählung prägt das religiöse Vokabular auf die Zusammenführung der Familie um: „Es sangen keine Chöre, es erstrahlte kein jäher Lichtglanz, nichts als Glieder, von der Mühsal in einer verräucherten Hütte geplagt, eine Hand, die blind die Luft antastete. Und doch waren es gewiss Engel, die das zarte Gewebe dieser Gnade zwischen den Fingern hielten, das Geschenk eines zurückgegebenen Sohnes.“ Wer hätte gedacht, dass ein heutiger Schriftsteller aus dem konventionellen Material religiöser Berufungsgeschichten solche literarischen Funken schlagen könnte. Erstaunlich in dieser Hinsicht auch „Vom geistlichen Stande“, die Erzählung über einen Priester der Church of Ireland, dessen Kirche „abseitig wie seine Pfarrei, wie sein Leben“ in der kargen irischen Landschaft steht.

Sehr viel Irland verdichtet sich in diesen Erzählungen William Trevors: landschaftlich, geschichtlich, sozial. „Trauer“ ist ein Text überschrieben, der einen irischen Jugendlichen ohne berufliche Chancen in das Netzwerk terroristischer Kreise geräten lässt. Die Geschichte endet damit, „dass er um dem Bombenleger geweint hatte, der er selbst hätte sein können“. Genauigkeit und Geheimnis prägen die Geschichten, die irische Landschaft und Geschichte atmen. Trevor verfügt über eine erzähltechnische Raffinesse, die nie artifiziell wird, sowie über eine leicht lesbare und dennoch sehr individuelle Sprache. Wer diesen Erzähler von klassischer Meisterschaft und selbstverständlichem Gegenwartsbezug nicht kennt, hat wahrlich viel versäumt. An der Wirkung der Sätze Trevors hat auch der Übersetzer Hans-Christian Oeser Anteil, dem man allerdings einige schlimme bundesdeutsche Regionalismen vorwerfen muss: Wenn ein Ire „Hefeteilchen“ isst, klingt das ungefähr so blöd, als ließe man ihn Topfenstrudel mampfen.


Der Tod des Professors
Erzählungen von William Trevor
Aus d. Engl. v. Hans-Christian Oeser
Hoffmann & Campe Verlag Hamburg 2007. 270 S., geb., € 20,60
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  13:08:43 07.14.2005