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Die zweigeteilte Frau - 02/2008

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Die Liebe. Ein Abgrund
„Die zweigeteilte Frau – La Fille coupée en deux“: Claude Chabrol vom Feinsten.
Von Otto Friedrich

Nein, der Charme dieser Bourgeoisie ist nur ganz bedingt diskret. Aber verludert ist sie sowieso. Etwas anderes war ja vom Monsieur le Vivisecteur der Bourgeoisie nicht zu erwarten: Nachdem Altmeister Claude Chabrol zuletzt in „Geheime Staatsaffären“ Isabelle Huppert gegen den Moloch politisch-industrieller Komplex ins Feld geschickt hat, nimmt er diesmal in seiner Generalkritik der Gesellschaft, die Liebe – oder das, was er darunter verstehen mag – als Vehikel. Genauso böse. Ebenso zynisch. Gleichermaßen grandios. Aufs Neue unerreicht. (Wird dieser Altvordere des Films nie und nimmer alt – trotz seiner nun 77 Lenze?)

Die durchgeschnittene Frau
„La Fille coupée en deux“ – der französische Originaltitel des jüngsten Chabrol ist mit „Die zweigeteilte Frau“ zwar nicht falsch, aber doch unrichtig übersetzt. Viel richtiger ist es da schon, dass sich eine Kreissäge an der Protagonistin des Films zu schaffen macht: Um eine durchgeschnittene Frau – von zwei Männern malträtiert – geht es. Bestsellerautor Charles Saint-Denis schnappt sich das TV-Wetter-Girl Gabrielle als amouröse Affaire und vergnügt sich mit ihr auch in seinem exklusiven Club, wo nur wirklich feine Herren verkehren. Das standesgemäß unpassende Geschöpf verliebt sich in den älteren Herrn, der aber nicht im Traum daran denkt, deswegen seine Ehe aufs Spiel zu setzen.
Dafür interessiert sich Paul Gaudens, reicher Industriellenerbe mit dunklem Geheimnis, für Gabrielle, die von seiner Exzentrik amüsiert, aber sonst nicht angezogen ist: Der kaltblütig obsessive Charles und der heißspornig ewigpubertierende Paul liefern sich einen Kampf ums andere Geschlecht – wie von Chabrol irgendwie immer: auch auf Leben und Tod. Und er bliebe seinem Zynismus nicht treu, wenn die Liebe der Gabrielle nicht auf den Widerling fiele. Dass der arme Paul dann Gabrielle zum Altar führt, heißt noch lang nicht, dass er sie auch errungen hat, und dass die eingesessene Familie der Haute Bourgeoisie eine dahergelaufene Buchhändlerinnen-Tochter akzeptiert, kann in diesem Kosmos nicht sein: In dieser Familie ist nichts echt, und wenn Unbill da ist, bezahlt man Stellvertreter, wozu hat man denn das ganze Geld?

Auch die „Zweigeteilte Frau“ lebt von Chabrols Lust aufs Ressentiment gegen seine Gesellschaft, die auf Fassaden aufbaut, und seiner Skepsis gegen so etwas Aufrichtiges wie Liebe. Dazu bietet der Plot alle möglichen unerwarteten Wendungen und lässt kein erwartetes Ende zu. Nicht einmal an eine Turandot-Arie, mit der der Film einsetzt, kann man als melodramatisch geschulter Zuseher halten, Schmäh muss sein, auch in diesem Chabrol. Typisch auch, dass bei allem Ernst und Unernst irgendwann das Lachen doch gefriert – und dann ist man in der Kälte, in die einen, man ahnt es, der Regisseur ja längst hinführen wollte.
All das wird einmal mehr glaubhaft durch das Chabrol’sche Ensemble, das sich in Hochform präsentiert: Benoît Magimel zeigt als Paul Gaudens, dass er immer mehr das Zeug zu einem Oskar Werner des 21. Jahrhunderts hat, Caroline Silhol gibt seine Mutter Geneviève mit einer solchen Berechnung und Eisigkeit, als ob sie die Wintertemperaturen in den Kinosaal tragen wollte.

Ein eiskaltes Paradies
Ludivine Sagnier ist die diesen beiden ebenbürtige Darstellerin der Hauptfigur Gabrielle Deneige, und François Berléand macht sein Spiel des bigotten Lustmolches Charles Saint-Denis so gut, dass er, als dieser fällt, mit keinerlei Sympathie rechnen darf. Wie konnte er nur sein Liebesnest „Paradis“ nennen? Und da verstehe einer etwas von Liebe, wenn Gabrielle solch abgeschmacktem Schein verfällt …
Nein, in dieser Gesellschaft möchte man nicht leben. Und doch wird man die Ahnung nicht los, dass man sich längst schon in solcher befindet: „Die Bourgeoisie ist das einzig existierende Angriffsziel“, ließ Claude Chabrol jüngst gegenüber dem profil verlauten: „Die ganze Welt ist inzwischen bürgerlich, wir alle sind Mittelklasse … Ist das nicht grauenhaft?“


DIE ZWEIGETEILTE FRAU
La Fille coupée en deux
F/D 2007.
Regie: Claude Chabrol.
Mit Ludivine Sagnier, Benoît Magimel, François Berléand, Mathilda May, Caroline Silhol.
Verleih: Filmladen. 115 Min.
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