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Vorabend - 02/2008

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Das liebe Rheingold
Sven-Eric Bechtolf nimmt die Inszenierung von Wagners „Ring“ als Anlass, aus seinem Leben zu erzählen.
Von Evelyne Polt-Heinzl

Sven-Eric Bechtolf eignet sich Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ an, „indem er ihn gnadenlos persönlich nimmt“, heißt es im Klappentext, und was werbend gemeint ist, könnte auch anders interpretiert werden. Es war zu erwarten, dass die Etablierung des Modells Ich-AG als Erfolg versprechendes Sozialverhalten in Zeiten des Prekariats die Flut der Memoirenbücher anwachsen lässt. Wer seine Energien in den Aufbau der eigenen Bedeutsamkeit setzt, muss früher oder später, meistens eher früher, selbst daran glauben; bedeutsame Persönlichkeiten aber haben immer schon Memoiren geschrieben. Allerdings im Alter.
Doch ein Giveaway für das Eigenmarketing braucht man nicht am Ende der Karriere, sondern mitten drin, zum Beispiel mit knapp 50. Da mit Fortsetzungen zu rechnen ist, wird angesichts der gestiegenen Lebenserwartung noch einiges auf den Buchmarkt zukommen.

Selbstkritisch und eitel
Im Fall Sven-Eric Bechtolfs „Vorabend“ ist der Anlass für die vorgezogene Lebensbilanz die Inszenierung von Wagners „Ring“ für die Wiener Staatsoper, den er als Familiendrama liest. Er nimmt Figuren und Handlungselemente aus „Rheingold“ als Aufforderung, Schnurren aus seinem eigenen Leben zu erzählen.
Wenn Alberich den Rheintöchtern nachstellt, erfährt man von Bechtolfs ersten Mädchenschwärmereien; wenn Wotan sein Wallhall bezieht, zählt der Autor „gnadenlos“ alle seine Wohndomizile auf, von der frühesten Kindheit bis zum endgültigen Sesshaftwerden. Dass Alberich sich für das Rheingold entscheidet und gegen die Liebe, nutzt Bechtolf zu langen Aufzählungen seiner irdischen Besitztümer, an denen er zu sehr hängt. Das klingt selbstkritisch, aber auch ein wenig eitel. Dass sich Bechtolfs Plaudereien locker lesen, ist unbestritten, eine tiefere Auseinandersetzung mit Wagners Opus Magnum wird daraus allerdings nicht.
„Besitz und das Streben nach Besitz haben mein Leben fundamental verändert, und doch scheint es kein Entkommen zu geben“, schreibt der reiche Erbe aus dem Hamburger Großbürgertum. Damit trifft er zwar nur das Lebensgefühl einer schmalen Bevölkerungsschicht, aber einen entscheidenden sozialpolitischen Zusammenhang, hat doch die Erlangung von sozialer Bedeutsamkeit ganz wesentlich mit der Startposition zu tun. Bechtolf wirft den Kritikern mit Recht vor, dass sie ihn als Bankierssohn etikettiert haben, aber letztlich definiert er sich selbst primär über diese Herkunft, nicht weil er von ihr erzählt, sondern wie er es tut.

Feine Unterschiede
Spannend wird das Buch allerdings dann, wenn man es als autobiografischen Kommentar zu Pierre Bourdieus „Die feinen Unterschiede“ liest. Besonders aufschlussreich ist dafür eine Episode aus seiner von Chauffeuren und Dienstboten geprägten Kindheit. Da gab es den Arbeiterbuben Heini, den die Familie gewissermaßen mitlaufen ließ. Das verschaffte ihm einen Zugang zu Bildung und Kultur, der in seinem Herkunftskontext nicht vorgesehen war. Es ist eine Konstellation, die in der Literatur immer wieder durchgespielt wurde und häufig mit dem tödlichen Hass des Milch- oder Ziehbruders auf seine Gönner endet. Wem dieser Hass nicht verständlich war, findet in Bechtolfs Bericht von der anderen Seite der sozialen Barrikade eine mögliche Antwort: Dass er in die großbürgerliche Familie aufgenommen worden ist, hat „Heini nichts genützt. Es blieb doch die leise Herablassung, das winzige Amüsement über ihn. Der Name Heini allein war schon ein schlechtes Omen. Er gehörte nicht zu uns, obwohl auch wir ihn inniglich gern hatten.“ Gerade weil Bechtolfs Buch sprachlich überzeugend ist, wirkt das „inniglich“ hier einigermaßen verräterisch.

Überzeugt konservativ
„Der Markt ist die Sünde. Die Erbsünde. Alberich hat ihn mit dem Raub des Goldes begründet, mit der Hilfe Wotans, der aus dem Geld ein Zahlungsmittel für die Riesen macht als trostlosen Ersatz für Jugend, Schönheit und vor allem für die Liebe.“ Trotz Sätzen wie diesem ist Sven-Eric Bechtolfs Buch das Bekenntnis eines überzeugten Konservativen, der die Vertreter „des kritischen Bewusstseins und ihre Exegeten“ zutiefst verachtet, aber nichtsdestotrotz irgendwie als „kritischer“ Künstler gilt. Sigrid Löffler dürfte mit ihrem Befund Recht haben, dass „der Zeitgeist auf der konservativen Welle surft“. In der Wiener Oper kann man jedenfalls verfolgen, ob dem Regisseur Bechtolf der Umgang mit „dem kläffendem Hyänenrudel der Schauspieler“ gelungen ist.


Vorabend
Eine Aneignung
Von Sven-Eric Bechtolf
Haymon Verlag, Innsbruck 2007
232 Seiten, geb., € 17,90
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