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Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit - 03/2008

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Wie oft rät man falsch
Ein wichtiger Exilroman von Alice Rühle-Gerstel ist nun wieder zugänglich.
Von Evelyne Polt-Heinzl

Mit der Neuausgabe von Alice Rühle-Gerstels „Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit“, nach der lange vergriffenen Erstveröffentlichung von 1984, ist einer der großen Exilromane der österreichischen bzw. Prager deutschen Literatur wieder zugänglich. Es ist das Verdienst des kleinen deutschen AvivA Verlags, der in der Reihe „Wiederentdeckte Autorinnen“ 2006 bereits Vicki Baums Komödie „Pariser Platz 13“ mit einem ausgezeichneten Nachwort von Julia Bertschik vorgelegt hat.
Alice Rühle-Gerstel wurde 1894 als Tochter einer jüdischen Fabrikantenfamilie in Prag geboren. Nach Abschluss ihres Philosophie-Studiums in Prag und München wandte sie sich der Individualpsychologie Alfred Adlers und dem Marxismus zu. 1921 heiratete sie den Rätekommunisten Otto Rühle und arbeitete fortan mit ihm praktisch wie publizistisch zu Themen wie Erziehungsberatung, Sexualaufklärung oder der Frauenfrage. 1932 floh das Ehepaar vor dem heraufziehenden Nationalsozialismus nach Prag, wo Alice Rühle beim „Prager Tagblatt“ arbeitete. 1936 folgte sie ihrem Mann ins mexikanische Exil, wo sie sich mit Leo Trotzki befreundete. Hier entstand neben ihrer Arbeit als Übersetzerin und Publizistin 1937/38 auch der nachgelassene Roman. 1943 nahm sie sich in Mexiko das Leben.

Nicht nur autobiografisch
Die größte Gefahr für ihren Roman „Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit“ liegt darin, dass er zu einer vorwiegend inhaltlichen Lektüre verführt und darüber die literarischen und sprachlichen Qualitäten in den Hintergrund geraten. Auch das Nachwort Mara Markovás bietet primär Informationen zum Leben der Autorin und zu den Schaltstellen zwischen den Realien (die noch dazu mit historischen Abbildungen im Text herausgestrichen werden) und ihrer Verarbeitung im Roman. Etliche Romanfiguren können als Anspielungen auf reale Vorbilder hin gelesen werden, und zentrale Themen wie die schmerzhaften Abkehr vom Kommunismus und die Exilerfahrung sind autobiografisch grundiert. Doch dabei stehen zu bleiben und die Literarizität der Sprache und der Komposition zu übersehen, ist sicher kein adäquater Zugang zu diesem Roman.

Zentralfigur ist die Journalistin Hanna Last, deren Leben durch die politischen und privaten „Umbrüche“ aus den Fugen gerät. In dieser existenziellen Krise bricht das Gefühl einer prinzipiellen Fremdheit auf, das für sie als bürgerliche Intellektuelle, die sich der kommunistischen Arbeiterbewegung verschrieben hatte, latent immer schon präsent war. In der Gemeinschaft mit ihrem Mann Karl und eingebettet in ein soziales Umfeld war die Verunsicherung für Hanna lebbar; doch Karl sitzt eine zweijährige Haftstrafe wegen politischer Aktivitäten ab und Hanna schlägt sich illegal über die Grenze in ihre tschechoslowakische Heimat durch.
In Prag ist sie zwar geboren, hier fühlt sie sich zu Hause, aber sie hat durch ihre Heirat die Staatsbürgerschaft verloren. Gefühlsmäßig kehrt sie nach Hause zurück, aber mit dem Status einer Emigrantin. Fremd in der Heimat, das wird sie hier das ganze Jahr über bleiben; entfremden wird sie sich zunehmend auch ihrer politischen Heimat. Bei allem Internationalismus war eine Integration der politischen Flüchtlinge in der KPC nicht vorgesehen. Dazu kommen das Misstrauen und die Enttäuschung, die mit dem Überschwappen der sowjetischen Säuberungswellen auf die nationalen Organisationen immer weniger zu überbrücken sind.

Radikal entfremdet
So kommen Hanna alle Gewissheiten und Sicherheiten mehr und mehr abhanden, auch privat verwirrt sich ihr Leben. Sie verliebt sich in Anatol Svoboda, den Chefredakteur der liberalen Zeitung, für die sie die Rubrik „Interessantes aus aller Welt“ bestückt. Dass sie hier ursprünglich angetreten war, um kleine politische Grubenhunde einzuschleusen, vergisst sie rasch. Sie ist fasziniert vom Redaktionsbetrieb, vor allem vom Ritual des abendlichen Umbruchs und der gemeinsamen Kaffeepause danach. Die Redaktion wird ihr zu einer Art Heimat, auch durch Anatol, dessen Geliebte sie wird. Doch für sein Leben bleibt sie nur eine Affäre.
Immer verzweifelter kämpft Hanna mit dem Gefühl der radikalen Entfremdung von allem und allen, mit den Enttäuschungen und der Unsicherheit über die eigene Verortung. Sie trifft die Freundinnen der Kindheit wieder, einstige Genossen von drüben, die sich mitunter als Gestapoagenten entpuppen, und ihren Bruder Heinrich, von dem sie als Jugendliche so viel erhofft hatte, „und nichts war aus ihm geworden als ein reicher Mann“.

„Was weiß man denn von einem Menschen als sein Gesicht. Was er denkt und fühlt, muß man erraten, und wie oft rät man falsch … In jedem Augenblick rauscht ein Blatt Wahrheit vorbei, schon ist es umgeblättert, auf jeder nächsten Seite steht, was die vorherige verleugnet und zu Schanden macht … es ist nichts festzuhalten, noch im Lesen ändert sich der Text.“ Das denkt Hanna gegen Ende des Romans, und das zeigt das Netz an Metaphern aus dem Redaktionsmilieu, das den Roman, ausgehend vom Titelbild des „Umbruchs“ durchzieht. Es zeigt aber auch, wie Hanna mehr und mehr, gerade auch im Verhältnis zu ihrem Bruder und seiner Frau Rosita erkennt, dass das Unrecht auch von ihr ausgeht, dass auch ihr Verhalten voller Vorurteile ist und zu Missverständnissen Anlass gibt. Es ist schließlich ihr Bruder, der ihr nach einem Jahr der menschlichen und politischen Entwurzelung die Ausreise nach Österreich ermöglicht, nachdem Hannas Heimatland ihre Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr verlängert.

Nicht mehr brauchbar
So wie Hanna erst am Tag der Abreise ihrem Bruder nahekommt, muss sie auch einen schweren Vorwurf gegen Anatol revidieren, und auch von ihm erfährt sie erst beim Abschied ein zentrales Motiv seiner Beziehung zu ihr, das der Leser freilich schon auf Seite 140 geahnt hat. Alles, was früher einfach und klar erschien, ist für Hanna weggebrochen, dubios geworden und nicht mehr brauchbar, das gilt für ihre politische Haltung genauso wie für ihre privates Selbstverständnis. „Es waren klare, einfache Doktrinen gewesen. Ach, Doktrinen eben! Das Leben sieht anders aus“, denkt Hanna beim endgültigen Abschied von Prag. Wo Doktrinen verabschiedet werden, ist eine Phase des Umbruchs überstanden, und mit dem Verlust der Sicherheit werden persönliche Freiheitsgrade erkauft.


Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit.
Ein Prag-Roman
Von Alice Rühle-Gerstel
Hg. und mit einem Nachwort von
Marta Marková. AvivA, Berlin 2007
444 Seiten, mit historischen
Pragfotos und Stadtplan, € 25,20
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