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Wilde Nächte - 03/2008

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„Nun wird es Nacht“
Eine Auswahl an Briefen von Emily Dickinson zeigt diese als unabhängige und unverwechselbare Autorin.
Von Sylvia M. Patsch

Emily Dickinson gilt als die bedeutendste amerikanische Lyrikerin. Doch während ihrer 56 Lebensjahre (1830–1886) übergab sie kein einziges ihrer 1800 Gedichte der Öffentlichkeit. Nicht einmal ihre engsten Angehörigen wussten von der Existenz der mit Faden zu kleinen Konvoluten gehefteten lyrischen Sammlungen. Ahnte sie ihren Nachruhm, der bis heute andauert, als sie schrieb: „Wäre der Ruhm mein, ich könnte ihm nicht entkommen.“

Gedichte in Briefen
Dass sie Gedichte schrieb, war ihrer Familie und ihren Freunden bewusst, denn insgesamt 600 Gedichte baute sie in ihre Korrespondenz ein, doch erfüllte sie niemals die Bitten der Freunde, etwas im Druck erscheinen zu lassen. Aus Liebe wurden einige Angehörige zu Dieben: sieben Gedichte wurden ohne ihr Zutun veröffentlicht. Die einzigen von ihr aus der Hand gegebenen „Texte“ sind also ihre Briefe. Über tausend sind erhalten, woraus zu schließen ist, dass die Empfänger ihre Besonderheit spürten. Eine Frau, eine Dichterin, schuf sich durch Briefe ihre eigene Öffentlichkeit für ihre Gedichte. Mehr noch: Die Briefe sind das Experimentierfeld für eine Sprache, die sich durch Verknappung, Auslassung, eigenwillige Syntax und den bedeutungsgeladenen Gedankenstrich auszeichnet. Die Sprachexperimente in ihren Briefen lassen den Übergang zwischen Brief und Gedicht verschwimmen.

Diese Tatsache ist erst seit der Gesamtedition aus dem Jahr 1958 bekannt. Die Übersetzerin Uda Strädling hat 270 Briefe ausgewählt, ins Deutsche übertragen und kommentiert: Eine Meisterleistung. Das Buch „Emily Dickinson: Ein Leben in Briefen“ wird hoffentlich aufräumen mit der irrigen Vorstellung, die Amerikanerin sei eine biedere Autorin erbaulicher kleiner Verse. Die Zeitgenossin Ralph Waldo Emersons, Hawthornes, Melvilles, E.A. Poes war ihrer Zeit so weit voraus, dass sie ihr unabhängiges Denken schützen musste, indem sie sich jedem gesellschaftlichen Druck durch Rückzug entzog.
Geboren in Amherst, Massachusetts, gehörte sie zu einer der einflussreichsten Familien der kleinen Universitätsstadt. Ihr Großvater war Mitbegründer des berühmten Amherst College. Nach ihrem 30. Lebensjahr verließ sie den 3000-Seelen-Ort nicht mehr, lebte lichtscheu, kleidete sich nur in Weiß, empfing kaum Besucher. An der stürmischen Entwicklung ihres Landes nahm sie nur durch Zeitungslektüre teil. Andererseits verweigerte sie sich den damals grassierenden restaurativen puritanischen Erweckungsbewegungen: „Ich bleibe Rebell.“ Während ganz Amerika Mitte des 19. Jahrhunderts nach Westen und Süden aufbrach, Tausende goldgierig nach Kalifornien strömten, Eisenbahnen die gewaltigen Entfernungen verkürzten, grub eine unbekannte kleine Frau immer tiefere Stollen in eine geistig und sprachlich bisher unbekannte Weite.

Verlassenheit und Tod
Ihre Briefe richtete sie an Verwandte, Freunde, Geistliche und kulturell offene Zeitungsmacher. Gebildet und belesen, spielte sie mit dem kulturellen Erbe der Alten Welt durch Bibel- und Shakespeare-Zitate; auch den englischen Romantiker Keats und den großen realistischen Erzähler Dickens hatte sie parat in ihren kunstvollen, rhapsodischen, bisweilen ironischen, witzigen, immer unverwechselbaren Briefen. Hauptthemen sind die Vergänglichkeit, die Verlassenheit, der Tod. Er war – durch Typhus, Scharlach, Cholera, Malaria – allgegenwärtig. Der Ton der Briefe verändert sich nach Schicksalsschlägen, wird dunkler: „Die Krisis der Trauer zu vieler Jahre, sie ist’s, die mich müde macht.“ Ihr Alltag als vom strengen Vater finanziell abhängige unverheiratete Frau wird in Nebensätzen erwähnt. Man darf nicht ein soziales Bild der USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erwarten, sondern einen Blick nach innen, in die „verwitterte Hütte der Seele“ einer Frau, die mit 52 ihre große Liebe erlebt und den geliebten Mann zwei Jahre später durch seinen Tod verliert. Da schreibt sie in einem Brief: „Nun wird es Nacht – nur träumen wir nicht. Halten Sie ihr Heim fest, denn die Fliehkraft der Geliebten macht alle Augenblicke – Angst – Die Zeit ist kurz wie der Kittel, dem man entwachsen ist –“
Dieses Buch ist ein Gegengift zu unserer marktschreierischen Welt: Man wird still und stellt bedauernd fest, dass solche Briefe zu einer ausgestorbenen Gattung gehören.


Wilde Nächte
Ein Leben in Briefen
Von Emily Dickinson. Ausgewählt und übersetzt von Uda Strätling
S. Fischer, Frankfurt 2006
430 Seiten, geb., € 25,60
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  14:51:59 07.15.2005