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Alles auf dem Rasen - 04/2007

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Neugierig auf die Welt
Dreißig Texte von Juli Zeh über Politik, Gesellschaft, Recht, Schreiben und Reisen.
Von Julia Kospach

Alles auf dem Rasen“ heißt das Buch, mit diesem Titel endet aber jede Art von Fussballaffinität auch schon wieder, denn in den 30 Texten ihres neuen Buches befasst sich Juli Zeh mit Politik, Gesellschaft, Recht, Schreiben und Reisen. Entstanden sind sie seit 1999. Zum Teil sind es Wettbewerbsbeiträge, zum Teil Artikel für Die Zeit, Süddeutsche Zeitung, F.A.Z., Welt oder den Spiegel, zum Teil Erstdrucke. 1999 war Juli Zeh 25 Jahre alt, ihr Romandebüt „Adler und Engel“, das sie gleichsam über Nacht berühmt machte und mittlerweile in 27 Sprachen übersetzt ist, erschien erst zwei Jahre später.

Blick in Labor
Das Schöne an „Alles auf dem Rasen“ ist, dass sich daran die Entwicklung einer jungen Schriftstellerin nachvollziehen lässt. Der Band ist wie ein Blick in ein Labor, in dem die deutsche Autorin über die Bedingungen ihrer Arbeit nachdenkt, in dem sich mit der Zeit Themen herausbilden, die sie als ihre ureigensten erkennt, in dem sie die Umgebung, in der sie lebt, ausgedehnten Betrachtungen unterzieht und sich in Formen und Stilen übt, in Zugängen und Perspektiven. Es gibt den fiktiven Freund F., der in einigen der Texte auftaucht und die Rolle des Diskussionspartners von Zehs „Ich“ übernimmt – eine Methode, die man als personifizierte Dialektik bezeichnen könnte. Es gibt ein Interview, das Zeh mit Zeh über Angela Merkel und die Frage nach einer Frau als Bundeskanzlerin führt. Es gibt das Porträt einer jungen bosnischen Frau, die in Sarajevo als DJ arbeitet, es gibt Reisefeuilletons, juristisch-linguistische Abhandlungen, humoristische Sketches, ein SciFi-Politszenario oder Gebrauchsanweisungen in mehreren Paragraphen.

Mit Sendungsbewusstsein
Lange Zeit, so Zeh, sei das Schreiben für sie ein „Mitstenographieren von Gedankentätigkeit“ gewesen, eine Tätigkeit, die sich keinesfalls an eine andere Person richtete und seit Zehs 7. Lebensjahr im Geheimen stattfand. Später, als ihr Schreiben öffentlich wurde, „verband sich das Schreibbedürfnis mit meinem Sendungsbewusstsein, das bislang auf anderen Äckern gepflügt hatte“, schreibt sie in gelassener Selbstironie.
Diesem Sendungsbewusstsein sind viele Texte geschuldet, die in ihrer ernsthaften Leidenschaftlichkeit bestechend sind: Zeh will sich äußern, sie will debattieren, von der heiklen Frage, ob die Demokratie tatsächlich die einzig denkbare Staatsform ist, über EU-Recht und nationales Recht, über die Post-Bürgerkriegs-Situation im Kosovo bis zur Frankfurter Buchmesse und dem Pressewesen.
Außerdem beschäftigt sich Zeh, die am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert hat, ausführlich mit der – auch ihr – immer wieder gestellten Frage, ob man Schreiben lernen könne. Warum aber, fragt sie, käme man nie auf die Idee, Musiker oder bildende Künstler nach der Erlernbarkeit ihrer Kunst zu fragen, wenn sie sich an Kunst- und Musikhochschulen ausbilden lassen?
Zehs Antwort: „Weil writing im Gegensatz zu den anderen genannten Disziplinen nicht notwendig creative ist! Das Arbeitsmaterial des Schriftstellers, die Sprache, steht jedem zur Verfügung … Etwas Unwägbares unterscheidet die Fähigkeit eines Schriftstellers von denen seiner Artgenossen! Hebt ihn aus dem Kreis der Postkarten- und Einkaufszettelverfasser heraus!“
Selten sind früh erfolgreiche Autoren so angstfrei experimentierfreudig wie Juli Zeh. Es mag einem der eine ihrer Texte mehr liegen als der andere, aber es gibt keinen, dessen Struktur nicht interessant wäre, der nicht eine unerwartete Wendung nähme, woanders hinführte, als man ursprünglich dachte, oder aber einem klassischen Genre in eigenwilliger und dadurch erst recht wieder reizvoll neuer Weise begegnet. Zeh gräbt eher in die Tiefe als dass sie überhöht, und sie tut das, ohne dabei jemals erdig schwer zu werden. Sie besitzt große Leichtigkeit im Schreiben, die Begabung zur Klarheit und die Kühnheit hemmungslos eigenständigen Denkens.

Mit großer Neugier
Juli Zeh ist erst 32 – es ist eine spannender Gedanke, sich vorzustellen, was in den nächsten Jahrzehnten noch alles von ihr kommen wird. Und zwar nicht, weil sie in irgendeiner Weise noch unfertig wäre, im Gegenteil, sondern weil sie die Kraft und Lust zur künstlerischen Neuerfindung besitzt und die große Neugier auf die Welt, die der beste Garant dafür ist, dauerhaft in Bewegung zu bleiben.

Alles auf dem Rasen
Kein Roman
Von Juli Zeh
Schöffling & Co.
296 Seiten, geb., € 20,50
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