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Älter werden - 13/2007

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„War ich das alles wirklich?“
Silvia Bovenschen schreibt über „Älter werden“.
Von Ingrid Pfeiffer

Literaturwissenschafterin Silvia Bovenschen, Jahrgang 1946, hat die feministischen Debatten der 80er Jahre durch ihre Untersuchungen der Präsentationsformen des Weiblichen wesentlich mitbestimmt. Nun ist sie 60 geworden und macht sich (auch) schreibend über das Älterwerden Gedanken. Die Idee allein reicht nicht um einfach loszuschreiben. Für dieses autobiografisch unwegsame Gelände braucht es einen Plan. Das Strukturierungsbedürfnis, von dem sie in den ersten Abschnitten auch schreibt, ist nicht die Marotte der Literaturwissenschafterin, es dient als Orientierungshilfe für die Schreibende und für die Lesenden. Das Ergebnis ist das Gegenteil der „geschlossenen Formen“, ein freies und dennoch strukturiertes Montieren im Dienst der Erinnerung und der Gegenwart.
Auf die Perspektive kommt es an. Die Vergangenheit wird in Bildern gesehen, die sich „einst“ eingeprägt haben. In Bovenschens Beschreibung werden sie bewahrt: „Dicke Pferde“ beispielsweise, die langsam aus dem Straßenbild verschwunden sind, wie auch die Kriegsverletzten mit ihren leeren Hemdsärmeln und hoch gesteckten Hosenbeinen. Die Vergangenheit, das heißt auch: Selbstvergleich mittels Fotos oder anderem Erinnerungsmaterial.

Kein Goldstaub
„War ich das alles wirklich?“ Das Misstrauen ist keine Attitüde, es ist die das Buch durchziehende kritische Gegenposition. Dem Wunsch nach Übereinstimmung von damals steht heute das liebevolle Verständnis für „kleine Schieflagen und Vergeblichkeitssignale“ gegenüber. Der alten Zeit wird kein Goldstaub gestreut, sie muss ohne Stereotype auskommen. Es ist hier nicht von Prägung die Rede, es wird nicht abgehandelt, nicht eingeordnet oder flüssig erzählt. Doch folgt man den kleinen Texteinheiten gern und leicht, die durch „erinnerndes Erinnern“ zusammengehalten werden, das sich erst mit ihrem 50. Lebensjahr eingestellt hat.
„Erinnerungsverpflichtung“ nennt Bovenschen einen der Abschnitte, in dem es darum geht, die eigene Individualität auch im historischen Zusammenhang sehen zu müssen. „Wir haben eine eigene und eine allgemeine Geschichte. Wir waren, wir sind.“ Nachkriegszeit, die Achtundsechziger, der Feminismus sind ebenso Themen wie Mode, Sprachgebrauch, Fernsehen oder die Pille.
Erinnerndes Erinnern heißt auch, dass der Zusammenhalt vom Heute aus entsteht. Er kommt von der „unumkehrbaren Richtung des Älterwerdens“ her. Einen „Zwangsgang“ nennt Bovenschen diese Unumkehrbarkeit, die sie seit ihrer Jugend durch eine schwere Krankheit vielleicht fordernder erlebt als andere. Nur Rückschau zu halten würde diesem Älterwerden nicht gerecht. Der Vorgang bestimmt die Gegenwart und damit auch das Schreiben darüber. Es ist umgeben von öffentlichen Debatten zu Pflegenotstand und Sterbehilfe, die von den unmittelbar Gemeinten wohl anders gehört werden als von den öffentlichen Verhandlern.

Düstere Seiten
Die düsteren Seiten des Buches verwundern daher nicht. „Das Alter lähmt. Das Alter ist zunehmende Zukunftslosigkeit.“ Ohne sich einem Zwangsoptimismus im Sinne der heutigen political correctness zu verpflichten, geht Bovenschen in ihrem Text auf die Beschränkungen ein, die aus dem Alter kommen. Dabei ist ihr Schreiben nicht ohne Ironie. Den späteren Jahren, dieser Perspektive ihres Buches, entspricht die „ältere Frau“, die immer jünger ist als eine „alte Frau“. Keine Zeile ist von einem trotzigen Bemühen diktiert, dieser Lebenszeit etwas abgewinnen zu müssen. Es ist ein (durchaus kritisches) Betrachten, ein fragendes, individuelles Bewahren innerhalb des persönlichen und geschichtlichen Rahmens. Es ist die Freiheit des Schreibens außerhalb der geschlossenen Formen. Es ist ein persönliches Begegnen der (eigenen) Zeit, in der die Langeweile durch die selbstgewählte „lange Weile“ abgelöst werden kann, vielleicht „als Abwehr der Endlichkeit“. Denn: „Angekommen im Rest, fühlt man es anders.“


Älter werden
Von Silvia Bovenschen
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2006
154 Seiten, geb., € 18,40
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