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4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage - 04/2008

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„Wir werden nie wieder darüber reden“
„4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“: Cristian Mungius Filmerzählung ist ein gutes Stück Aufarbeitung der Ceau¸sescu-Diktatur.
Von Otto Friedrich

Schockierend, was dem Zuschauer da im Kinosaal zugemutet wird: Wer sich Cristian Mungius Sozialdrama „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ zu Gemüte führt, braucht starke Nerven. Aber das ist nichts verglichen mit dem, was diejenigen, von denen die Geschichte erzählt, erlitten und durchgemacht haben: Eine Aufarbeitung der Ceau˛sescu-Diktatur in Rumänien ist der Film, der dieser Tage in den heimischen Kinos anläuft. Bis 1989 war Rumänien neben Albanien der letzte Hort des Stalinismus in Europa. Und zumindest im westlicheren Teil des Kontinents dürfte noch wenig Bewusstsein dafür herrschen, was das an konkreter systemimmanenter Brutalität bedeutete. „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ könnte die Augen öffnen – und auch ein wenig Verständnis dafür wecken, dass eine verkümmerte Gesellschaft sich auch in den bald zwei Jahrzehnten seither noch nicht endgültig regenerieren konnte (vgl. dazu Seite 3).

„4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ ist, so Regisseur Mungiu, Teil des Filmprojekts „Geschichten aus dem Goldenen Zeitalter“ (der Titel bezieht sich auf Ceau˛sescus zynische Charakteristik seiner Ära), das Alltagsgeschichten aus dem kommunistischen Rumänien darstellen soll: Nicht um explizite Ideologiekritik geht es da, aber sehr wohl um eine implizite, die aus dem Erzählen von Geschichten aus dem Alltag jener Zeit zwischen 1965, als Nicolae Ceau˛sescu die Macht in Partei und Staat übernahm, und seinem und seiner Frau Elena unrühmlichen Tod durch ein Standgericht 1989 erwächst. Schon 1966, als der „Conduc˘ator („Führer“, wie sich Ceau˛sescu dann titulieren ließ) die Spitze erklommen hatte, verbot er die Abtreibung, aber auch empfängnisverhütende Mittel, damit sich das Volk des sozialistischen Rumänien schnell vermehre.
Cristian Mungiu (Bild rechts oben), Jahrgang 1968, erzählt, dass er selbst erlebte, wie rasant die Bevölkerungszahl in diesen Jahren stieg. Die Zahl der Klassen in den Schulen sei von zwei bis drei auf neun bis zehn, die Durchschnittszahl der Schüler pro Klasse von 28 auf 36 gewachsen: „Als ich in die Schule kam, gab es sieben ‚Cristiane‘ in meiner Klasse – den Leuten gingen die Namen für ihre Kinder aus.“ In diesem Umfeld hätten mehr und mehr Frauen Zuflucht bei einer illegalen Abtreibung gesucht, die, so Mungiu, ihre moralische Konnotation verloren habe und „eher als Akt der Rebellion und Widerstand gegen das Regime wahrgenommen“ worden sei.

Terrorisierte Gesellschaft
In diesem Feld siedelt der Regisseur seine entsetzliche, aber wirklichkeitsnahe Alltagsgeschichte an: Otilia und G˘abi¸t˘a teilen sich ein Zimmer in einem tristen Studentenheim in ähnlich trister Stadt (Bild Seite 3, links oben). Die kleinen Dinge, die das Leben schön machen, sind auch auf dem Schwarzmarkt Mangelware, nicht zuletzt eine Schachtel Kent: Die Zigarettenmarke ist ein Konsum-Statussymbol wie ein Schmiergeld-Ersatz im Rumänien anno 1987.
Otilia ist schwanger – schon weit über den dritten Monat hinaus (auf das Schwangerschaftsstadium bezieht sich der Filmtitel), deshalb ist es noch schwieriger, einen zu finden, der die Abtreibung einleitet. G˘abi¸t˘a hilft der Freundin, ein Hotelzimmer zu finden (auch das ist eine Staatsaktion …). Sie holt auch den schmierigen Herrn Bebe ab, der Otilia die Sonde einführt, durch die es zur Fehlgeburt kommen soll. Nicht genug, dass dies alles unter haarsträubenden Hygienebedingungen stattfindet, Herr Bebe lässt sich seine Dienste außer mit Geld noch damit bezahlen, wozu er seine jungen „Kundinnen“ zwingen kann. Während Otilia im Hotel liegen bleiben muss, hat sich G˘abi¸t˘a auf Drängen ihres Freundes bei der Geburtstagsfeier seiner Mutter einzufinden. Dort ist eine bigott-„bourgeoise“ Runde von Ärzten versammelt, welche G˘abi¸t˘a ihre einfache Herkunft nur allzu spüren lässt: Auch in einer terrorisierten Gesellschaft gibt es die Schicht, die – vielleicht nur ein klein wenig, aber doch – weniger leidet als diejenigen, die kaum den tristen Alltag bewältigen können.

Der Cannes-Sieger 2007
Ein Tableau dieser Gesellschaft stellt der Film dar, auch die Kameraeinstellungen komponieren immer wieder solch ein Tableau. Und der Zuseher bleibt mit den Fragen ebenso allein wie die beiden Protagonistinnen G˘abi¸t˘a und Otilia: „Wir werden nie wieder darüber reden“, meint eine zur anderen am Ende des Films – und alle, die dabei sind, wissen: Damit wird es nicht getan sein …
„4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ hat 2007 die Goldene Palme in Cannes und den Europäischen Filmpreis gewonnen. Absolut keine Zufälle: Trotz des exorbitant kleinen Budgets ist Regisseur Cristian Mungiu ein exorbitant großer Film gelungen. Einige Kritiker apostrophieren dies gar als „rumänische Nouvelle Vague“; man könnte, wenn man den Ausflug in die Filmgeschichte weitertreibt, auch gut einen „rumänischen Neorealismo“ postulieren. Genaue Beobachtung machen das Drehbuch ebenso aus wie dessen filmische Umsetzung. Und die Schauspielerei tut ihr Übriges: Anamaria Marinca gibt der schwangeren Otilia eine Seele, Laura Vasiliu macht die treue wie hin- und hergerissene G˘abi¸t˘a lebendig, und der rumänische Filmstar Vlad Ivanov spielt den einfältig skrupellosen Herrn Bebe mit solcher Eisigkeit, dass die Verstörung dieses Films ins kaum Übertreffliche anschwillt.
Muss man den Wahnwitz solcher Gesellschaft gesehen haben? Man sollte. Mehr als beim Aufzählen von Fakten wird das Grauen des Ceau˛sescu-Systems in dieser Filmerzählung erahnbar. Auch hierzulande kann solch bleiernes Beispiel rumänischer Zeit-Aufarbeitung da wichtige Dienste leisten.


4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage
4 luni, 3 s ˘apt ˘amâni ¸si 2 zile
RO 2007.
Regie: Cristian Mungiu.
Mit Anamaria Amrinca, Laura Vasiliu, Vlad Ivanov.
Verleih: Filmladen. 113 Min.
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