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Der Tag des Opritschniks - 05/2008

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„Nach getaner Arbeit ist gut Beten“
Vladimir Sorokin hält Russland einen Spiegel vor: Was man darin zu sehen bekommt,
ist alles andere als schön. Von Brigitte Schwens-Harrant

Ist Literatur ein Spiegel der Gesellschaft? Wenn sie einer ist, dann ist sie auch moralisch. Dann erzählt nämlich die Literatur der Gesellschaft, wie sie sein soll oder eben nicht sein soll, hält ihr also einen Spiegel vor. Aus den gängigen Literaturtheorien ist diese Funktion weitgehend verschwunden, meinte der Literaturwissenschafter Peter von Matt einmal in einem Essay. Doch angesichts dessen, wie die Welt aussieht, kam er zu dem Schluss: „Man hole ruhig den Spiegel wieder von der Müllhalde der Theorie, denn wir wissen nicht mehr, wer wir sind.“ Wer, wenn nicht die Literaten, könne der Welt den Spiegel vorhalten? „Wie ihr das tut, ist eure Sache, aber tut’s. Eure Kunstgriffe veralten, gewiß. Eure Erzähltricks nutzen sich ab, zweifellos. Eure Verfahren müssen immerzu revidiert werden, wer wollte es bestreiten? An der Aufgabe selbst aber hat sich – leider – … wenig geändert.“ Soweit der Appell von Peter von Matt an die Schriftsteller.
Subversive Kraft der Satire
Umso dringender erscheint diese Aufgabe an Orten, an denen die journalistische Meinungsfreiheit stark eingeschränkt, wenn nicht gar verschwunden ist. Solange die Zensur es zulässt, kann die Literatur ihre subversive Kraft ins Spiel bringen, zum Beispiel in Form einer Satire, mit der sich aussprechen lässt, was anders nicht gesagt werden kann. Ein möglicher Trick der Verkleidung: man schreibt über den Ort, den man meint, wechselt aber die Zeit.
Vladimir Sorokin, einer der berühmtesten russischen Schriftsteller der Gegenwart, hat diesen Weg gewählt. Er verlegt die Handlung seines satirischen Romans „Der Tag des Opritschniks“ um zwanzig Jahre in die Zukunft. Russland hat seine Abschottung von Europa durch eine Große Mauer zementiert, unterhält nur Beziehungen mit China, aus wirtschaftlichen Gründen. Ab und zu wird Europa der Gashahn zugedreht. Eine Trasse mit einer zehnspurigen Autobahn plus vier unterirdischen Schnellzuggleisen beginnt in der Produktionshochburg China und führt von Guangzhou nach Brest und bis Paris.
Dieses neue, hoch technisierte Russland ist ideologisch und politisch erschreckend alt und bekannt. Sorokin hat das System Iwan des Schrecklichen als „Vorlage“ für das künftige Russland gewählt, es finden sich also Kennzeichen jener Herrschaft des 16. Jahrhunderts, die aufgrund ihrer besonders brutalen Strafvollzüge in die Geschichte einging und Iwan seinen Beinamen Grosny eingebracht hat: der Frucht Gebietende. Er ließ sich nach byzantinischem Zeremoniell zum ersten Zaren krönen.
Der Kreml ist bei Sorokin nicht mehr rot, sondern weiß, und anstelle der „satanischen Fünfzacke“ prangen dort jetzt die goldglänzenden doppelköpfigen Staatsadler. Herrscher ist der Gossudar, dem seine Untertanen stets Gehorsam zu leisten haben. Exekutiert wird auch dieses Machtsystem mit grausamer Gewalt und mit Hilfe einer privilegierten Bruderschaft. Sorokin nennt sie die Opritschniks und leiht sich damit den Namen der Leibwache Iwan des Schrecklichen. Wie bei den historischen Opritschniks werden auch Sorokins Opritschniks durch quasireligiöse Rituale aneinander gebunden. Man erkennt sie an dem Ring mit dem Glöckchen im Ohr, sie fahren nie ohne Gebet zum Einsatz, erhalten die Güter jener, die von gestern auf heute in Ungnade gefallen sind, und besiegeln ihren Männerbund auch sexuell. Und: „Nach getaner Arbeit ist gut Beten.“
Macht durch Gewalt
Die unselige Verbindung von Kirche und Staat, von Orthodoxie und Nationalismus, die klaren zentralistischen Machtstrukturen, der unbedingte Gehorsam der Gefolgsleute bis zur Selbstverstümmelung, und vor allem die Gewalt halten dieses System aufrecht und die Masse still: die Unterdrückung aller Andersdenkenden, das öffentliche Züchtigen der Intelligenz, das Morden und Brandschatzen …
Keine schöne literarische Prognose für Russland. Die Zukunft sieht dem Vergangenen täuschend ähnlich. Auch stilistisch hat der Autor diese Kehrtwendung Russlands in die eigene schreckliche Vergangenheit ausgedrückt. Dass Sorokin die Perspektive des Täters wählt, macht den Roman umso verstörender. Erzählt wird nicht wie bei Solschenizyn ein Tag im Leben eines Häftlings, sondern es ein Tag im Leben eines Opritschniks, des Ich-Erzählers Andrej Danilowitsch. Er beginnt mit Klingeltönen, aufgenommen bei der Folter eines Wojewoden aus Fernost: „Musik, die einen Toten aufweckt.“ Es liegen drei Dinge an: Vorzensur eines Konzertes, einen „Stern auslöschen“, eine Wahrsagerin besuchen. Dazwischen wird ein wenig vergewaltigt, gemordet, bestochen …
Trotz der vielen Gewaltschilderungen ist dieser Roman stellenweise auch unheimlich witzig, weil er schonungslos und scharfsinnig die Dummheit der Träger des Systems aufdeckt. Besonders böse: die Darstellung der Absurditäten einer Zensur vor einem Konzert. Literatur spielt als subversive Kraft eine wichtige Rolle, Spottlieder tummeln sich durch den Text und beschäftigen die Behörden und deren unverständige Vertreter. Außerdem hat auch dieses Russland einen dunklen Fleck auf seiner Weste, eine weibliche Achillesferse: die männerhungrige Gemahlin des Gossudaren, von der auch der Opritschnik träumt.
Sorokin hat seinen Roman verfasst, bevor die Journalistin Anna Politkowskaja ermordet wurde. Manches wirkt in dem Text, der 2006 in Russland und nun auf Deutsch erschien, gar nicht mehr satirisch, sondern grauenhaft prophetisch.
Feinde, äußere wie innere, hatte unser Staat zu allen Zeiten, doch nie zuvor hat sich der Kampf mit ihnen so zugespitzt wie in der Periode der Auferstehung des Heiligen Russland. Nicht wenige Köpfe sind in diesen sechzehn Jahren auf der Schädelstätte beim Kreml gerollt, nicht wenige Züge voll mit Staatsfeinden und ihrer Sippschaft hinter den Ural gedampft, nicht wenig rote Hähne haben auf den Dächern ach so hoher Herren im Abendlicht gekräht, nicht wenige Wojewoden auf der Streckbank in der Geheimen Kanzlei gefurzt, nicht wenige anonyme Briefe sind im Postkasten der Abteilung Schuld und Sühne auf der Lubjanka gelandet, nicht wenigen Geldschneidern ward das Maul mit ihren schändlich gehorteten Scheinen gestopft, nicht wenige Sekretäre hat man gar heiß gebadet, nicht wenige fremdländische Gesandte mit den drei gelben Merins, den „Schandwagen“, aus der Stadt hinausbefördert, nicht wenige Zeitungsschreiber mit Entenfedern im Arsch vom Fernsehturm Ostankino gestürzt, nicht wenige aufwieglerische Federfuchser in der Moskawa ertränkt …
Mutiger Roman
Schriftsteller, die so deutlich werden, machen ihr eigenes Leben nicht gerade einfacher und sicherer. Bei der Lektüre von Vladimir Sorokins Roman hält man nicht nur deswegen ab und zu den Atem an, weil die Lust an der Gewalt so ungeschönt aus Täterperspektive daherkommt, sondern weil man sich auch bange fragt: welche Folgen hat dieses Buch für den Autor? Der mutige Roman nimmt die Literatur wieder als subversive Kraft in Anspruch. Er wird gelesen, auch in Russland. Was hat Carlos Fuentes einmal über die Aufgabe des Schriftstellers geschrieben? „Wenn wir nicht sprechen, wird das Schweigen seine dunkle Herrschaft walten lassen.“

Der Tag des Opritschniks
Roman von Vladimir Sorokin
Deutsch v. Andreas Tretner
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008
220 Seiten, geb., € 19,50
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