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Am Ende eines kurzen Tages - 31/2007

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Gräte in der Kehle
Der Roman „Am Ende eines kurzen Tages“ erzählt vom Ringen eines Methodisten um Gewissen und Glauben.
Von Sylvia M. Patsch

In Cornwall begegnen dem Reisenden inmitten unberührter Landschaft Industrieruinen, die heute unter Denkmalschutz stehen und sorgfältig gepflegt werden: Steinerne Maschinenhäuser, die von hohen, runden Ziegelkaminen überragt werden. Um 1870 gab es 600 Bergwerke im Westen Großbritanniens, in denen Kupfer und Zinn, Wolfram und Arsenik abgebaut wurden.
Im Cornwall des Jahres 1870 siedelt der 33-jährige Peter Hobbs seinen ersten Roman an: Am Ende eines kurzen Tages. Er hat in der britischen Presse große Aufmerksamkeit erregt, weil er einerseits die Auswirkungen der Industrialisierung auf die traditionelle Landbevölkerung beschreibt, andererseits den Glaubensverlust eines jungen methodistischen Laienpredigers.
Der Ich-Erzähler Charles Wenmoth führt ein Jahr lang ein spirituelles Tagebuch, wie es der Begründer der Methodistenbewegung, John Wesley (1703–1791), selbst getan hatte. Peter Hobbs konnte auf die Tagebücher seines Urgroßvaters zurückgreifen. Damit erklärt sich die Sprache, die „unliterarisch“ ist, ungefiltert, spontan – und biblisch im Klang.
Was hat der deutschsprachige Leser von der Übersetzung eines Buches, das ihn in die Welt der Methodisten (ursprünglich ein Spottname, denn die Methodisten studierten ebenso methodisch, wie sie beteten) führt? Jener Leute, die die intellektuelle Arroganz der anglikanischen Kirche ablehnten und in ihren Chapels (Kapellen) einem schlichten, strengen Nächstenliebe-Christentum anhingen, den Alkohol verteufelten, am Sabbat zweimal in die Kirche gingen und nichts mehr ersehnten als ein religiöses Erweckungserlebnis?

Die Kirche in mir
Ein solches hat der junge Charles Wenmoth. Wie sein Vater und sein Großvater fühlt er sich zum Laienprediger berufen. Jede Woche legt er sich gewissenhaft Rechenschaft über sein Tun ab als Lehrling in einer Schmiede, als „Seelsorger“, als Mitmensch der Armen. Wenig Aufregendes geschieht in diesem Leben und dem Roman. Bis der Ich-Erzähler – in heutiger Terminologie – ausgebrannt ist, freudlos, lustlos: „Die Kirche steckt in mir, sie ist eine Fischgräte in meiner Kehle, ich kann sie nicht loswerden, aber ich drohe daran zu ersticken.“ Dieses Problem dürfte den meisten Menschen heute fremd sein, haben sie sich doch zunehmend aus der Umklammerung welcher Kirche auch immer gelöst.

Grübelei statt Liebe
Was das Buch lesenswert macht, ist die nie ausgesprochene, sondern gezeigte Einsicht, dass vor lauter Gewissensgrübelei ein Leben in der Gegenwart, geschweige denn Lebensfreude unmöglich werden. Zu viel Gewissenserforschung macht übersensibel. Ein Beispiel: Der junge Mann besucht nach einem Jahr Abwesenheit seine Familie und beobachtet, wie die Mutter gealtert ist: „Ich glaube, dass ich sie gerade wegen meiner Nähe zu ihr niemals wirklich kennen werde.“ Grübelei statt Liebe.
Lesenswert ist der Roman auch, weil er einen Gegenpol zu dem engen Korsett des Glaubens bietet – in der Natur: Der Ich-Erzähler erlebt die karge Schönheit Cornwalls mit allen Sinnen. Während eines Sturms kommt er fast in einem reißenden Fluss um; da beginnt er plötzlich, sich lebendig zu fühlen und um sein Leben zu kämpfen.
Und auf der letzten Seite dieser bedrückenden fiktiven Autobiografie taucht ein Licht auf, nämlich die Erkenntnis: „Jeder Augenblick muss neu empfunden werden … Ohne Freiheit sind wir alle dazu verdammt, von dieser Welt verzehrt und vernichtet zu werden. Wir müssen doch eine Wahl haben.“


Am Ende eines kurzen Tages
Roman von Peter Hobbs.
Aus dem Engl. von Patricia Klobusiczky
Deutsche Verlags Anstalt, München, 2007. 284 Seiten, geb., € 20,60
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