Liebe, Freude, Heidelbeerkuchen
Von Otto Friedrich
Am Anfang war der Heidelbeerkuchen: In ein Café im abgelebten New Yorker Vergnügungsviertel Coney Island verschlägt es Elizabeth, liebeskrank, das Ende einer Beziehung erleidend und mit einer Blueberry Pie samt dem verständnisvollen Ohr von Cafetier Jeremy ein wenig der Verstörung entkommend. Oder doch nicht: In Wong Kar-Wais neuem Film „My Blueberry Nights“, seinem ersten englischsprachigen Opus, geht nichts auf die schnelle Tour: „Die Geschichte einer Frau, die den langen statt den kurzen Weg nimmt, um bei dem Mann anzukommen, den sie liebt“, so des Regisseurs eigene Charakteristik.
Auf ein US-Roadmovie hat sich Hongkongs Regiestar bei diesem US-(Film-)Trip versteift – er ist nicht der erste Fremde (man denke an Wim Wenders!), der sich darauf einlässt. Und es ist ein Film um einen Kuss, „den“ Kuss zwischen Jeremy und Elizabeth, dem die Protagonistin nicht vertraut und schließlich einen ganzen Film lang nachläuft. Elizabeth verschlägt es durch die ganze Bilderweite der USA, sie trifft auf einen Polizisten im Liebeskummer und dessen von ihm getrennte Frau, oder sie schlägt sich mit einer Spielerin herum – bis sie erkennt, dass Einsamkeit, Leere und übergroße Sehnsucht anderswo noch drängender sind als in ihrer eigenen Existenz. Die prototypischen Orte (und Klischees!) für solche Erfahrung – New York, Memphis, Las Vegas, die Wüste von Nevada – fährt der Film ab.
Mit der Rolle der Elizabeth hat Wong Kar-Wai der Sängerin Norah Jones den ersten Filmauftritt verschafft, sie steuert zum beeindruckenden Soundtrack auch den eigenen Song „The Story“ bei. Den gefundenen/hinter sich gelassenen/ersehnten Jeremy gibt Jude Law – exzeptionell.
Der 49-jährige Wong Kar-Wai hat mit „My Blueberry Nights“ sein chinesisches Œuvre verlassen, das er zuletzt (2004) mit dem SciFi-Drama „2046“ so gekonnt weiterentwickelt hat, und in dem mit ihm die Schauspieler Maggie Cheung (seit „As Tears Go By“, 1988) und Tony Leung (ab „Days of Being Wild“, 1990) zu Stars des Weltkinos heranwuchsen. „My Blueberry Nights“ erweist sich dem gegenüber als Neuland, das der Weiterentwicklung bedarf. Man kann sich aber jedenfalls auf einen Kuss einrichten, der in die Filmgeschichte eingehen könnte.
MY BLUEBERRY NIGHTS.
HK/China/F 2007.
Regie: Wong Kar-Wai.
Mit Norah Jones, Jude Law, Natalie Portman, Rachel Weisz, David Strathairn.
Verleih: Polyfilm. 111 Min.