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Anna nicht vergessen - 33/2007

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Figuren, die reden
Arno Geiger zeigt in seinen Erzählungen, was er kann.
Von Daniela Strigl

Ein rundes Dutzend Erzählungen, eingeteilt in drei Gruppen zu je vier Texten mit unterschiedlicher Zoom-Stärke: „Tage“, „Jahre“, „Leben“. Der erste Eindruck der Geschlossenheit trügt, bei der Lektüre überrascht die formale Bandbreite, wüsste man es nicht, würde man die Geschichten nicht unbedingt ein und demselben Autor zuordnen. Arno Geiger erzählt, bald in der ersten, bald in der dritten Person, bald mit der Stimme eines Mannes, bald mit der einer Frau, vom Glück, von dem Freud, wie sich eine Heldin erinnert, „sagt, daß es im Schöpfungsplan für den Menschen nicht vorgesehen sei“.

Auch Unkonventionelles
Nach seinem großartigen rotweißroten Familienroman Es geht uns gut, der Geiger den ersten Deutschen Buchpreis des Jahres 2005 eintrug, war man allseits gespannt, wie des Autors Tugenden nun in der kleinen Form zu Buche schlügen: das Bedächtige und Weitausholende, der Verzicht auf Effekt, die Personenzeichnung mit dem Bleistift, das akkurate Auspinseln des Zeitkolorits empfehlen sich ja nicht unbedingt für eine Gattung, die auf das Knappe und Pointierte hin angelegt ist.
Arno Geiger bewältigt diese Herausforderung in Anna nicht vergessen mit Bravour und nutzt die formale Bewegungsfreiheit der Kurzprosa geradezu genüsslich. Ohne zur verspielten Erzählverweigerung von Irrlichterloh (1999) oder Schöne Freunde (2002) zurückzukehren, probiert er hier auch Unkonventionelles aus: „Neuigkeiten aus Hokkaido“, skurrile Zeitungsmeldungen, schickt eine japanische Frau, die an ihrem Deutsch arbeitet, an den fernen Geliebten. „Also, das wär’s so ziemlich“ ist die Abschrift mehrerer Tonbandaufnahmen und wirkt, als wäre es fürs Radio geschrieben: Eine Witwe in den besten Jahren schickt 1973 ihrer großen Liebe, einem aus Wien emigrierten jüdischen Wissenschaftler, der sich zu einem gemeinsamen Leben nicht aufraffen will, von ihr besprochene Bänder nach Sydney. Und „Das Gedächtnisprotokoll“ hat den Untertitel „Auflistung der bei der Brandlegung durch den Gärtnergehilfen zerstörten Einrichtungsgegenstände und Besitztümer“ – Zimmer für Zimmer geht eine Döblinger Villenbesitzerin für die Versicherung das Verlorene durch, wobei sie „1 Armbanduhr, echt Gold, Rolex“ genauso anführt wie „5 Flaschen Quittenschnaps (Südsteiermark)“. Was immer man erfahren kann über bourgeoise Kleinlichkeit (man weiß ja, nur so kommt man zu einer Villa) und wenig diskreten Charme, über Statussymbole, Champagnersammeln und die Freuden der Jagd, steht in und manchmal auch zwischen den Zeilen dieser Liste. Auch so kann Gesellschaftskritik aussehen. Die Brandstiftung war ein Racheakt, die Dame des Hauses hatte den Gärtnerburschen als Blumendieb verunglimpft. Und trotzdem empfindet man auch einen Hauch von Mitleid für diese bornierte Beraubte, deren accessoirereiches Leben hier „bis auf die Grundmauern“ abgebrannt ist.
Die schönsten Stücke dieser Sammlung finden sich freilich unter den konventionell daherkommenden Geschichten, unter denen nur eine Udo-Proksch-Milieustudie nicht recht zu überzeugen vermag. In der Titelerzählung „Anna nicht vergessen“ destilliert Geiger aus einem Mutter-Tochter-Konflikt, einer kontrastreichen Schwestern-Beziehung und einem etwas frivolen Job knapp dreißig Seiten prägnantester Prosa: Die Alleinerzieherin Ella verdient ihr Geld als Agent provocateur für latent untreue Ehemänner, die in ihr den Beginn einer neuen, glücklichen Zeitrechnung sehen. So sehr sie hier ihre Macht genießt, so unsicher fühlt sie sich gegenüber ihrer sechsjährigen Tochter Anna, zu der sie eine „bedrückende Distanz“ empfindet. Auf Verbote reagiert Anna mit der trotzigen Feststellung, demnächst komme sie ohnehin ihre „richtige Mutter“ holen. Und als Ella sich einmal nach der Schule verspätete, bestand Anna darauf, in der ganzen Wohnung mahnende Zettel anzubringen: „Anna nicht vergessen!“
Berührend und komisch zugleich ist auch „Abschied von Berlin“: Nach dem totalen Scheitern von Glück und Liebe in der fremden Stadt findet Lukas an seinem letzten Abend bei einer Kellnerin Unterschlupf, empfängt am nächsten Morgen den Installateur und phantasiert sich ihm gegenüber in die Rolle des glücklichen Liebhabers.
Die Uneinholbarkeit des Glücks hält alle Protagonisten auf Trab, auch jenen sagenhaft lästigen Mann, der nicht versteht, warum seine Jenny immer weniger von ihm wissen will, und der über seine vergeblichen Anrufe und Mails genauestens Buch führt. „Das Glück ist dunkel / und es läuft schnell! / Das Unglück aber / ist lang und hell“, hat er sich notiert, von Brecht, denn Jenny zuliebe liest er sogar Gedichte.

Angemessener Ton
Geiger lässt seine Figuren reden, lässt sie exakt den ihnen angemessenen Ton anschlagen. Er entblößt ihre Abgründe, ohne sie zu denunzieren. In der rasanten und medizinisch fundierten Schlusserzählung denkt ein Arzt, während er um das Leben eines Zwölfjährigen kämpft, an die eigene Kindheit und die Beziehung zum ewig unzufriedenen Vater, dessen Garten er noch heute in Schuss hält: „Doppelte Buchführung“ nennt das der Autor, der Begriff meint bekanntlich eine betrügerische Praxis, der Leser wird jedoch keineswegs hinters Licht geführt. Sogar ein Faust-Zitat hat noch Platz im übervollen Doktorkopf: „Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage / Des Lebens labyrinthisch irren Lauf.“ Arno Geiger ist keiner, der vorgibt, den Weg aus dem Labyrinth zu weisen. Aber er erhält die Ahnung am Leben, es könnte einen geben.


Anna nicht vergessen
Erzählungen von Arno Geiger
Verlag Hanser, München 2007
250 Seiten, geb., € 20,50
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