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Der lange Gang über die Stationen - 07/2008

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Wid und Moar
Reinhard Kaiser-Mühleckers Romandebüt führt ein paar Jahrzehnte zurück und aufs Land.
Von Evelyne Polt-Heinzl

Fast reflexartig stellt sich beim Debütroman „Der lange Gang über die Stationen“ des 1982 geborenen Oberösterreichers Reinhard Kaiser-Mühlecker eine Reminiszenz an Robert Schneiders „Schlafes Bruder“ ein. Wie Schneider ist Kaiser-Mühlecker im ländlichen Milieu aufgewachsen, das er mit einer einfühlenden Antiquiertheit in Sprache und Gestus schildert. Freilich gerät das hier aufgrund der geringeren zeitlichen Distanz zur Handlungszeit weniger manieriert wie dazumal bei Schneider, aber immerhin liest man von Schnäuztuch und Bettbank, von der Arbeit im Wid und dem Moar beim Eisstockschießen – aus dem „Fetzen“ wird allerdings wohl aus bundesdeutscher Rücksichtnahme sicherheitshalber doch ein „Lappen“, der noch dazu in „Spülwasser“ getaucht wird. Dass dem jungen Autor auch einige historische Fehler unterlaufen, etwa wenn von „Tests“ in der Schule die Rede ist, sind lässliche Ungleichzeitigkeiten wie die Hühner im Maschendrahtgehege, das sich kein Einschichtbauer leisten konnte in jenen gar nicht so fernen Tagen, als noch mit Ochsen gepflügt wurde. Genau in dieser Zeit knapp vor dem Umbruch in der österreichischen Landwirtschaft im Zuge des Wirtschaftswunders der Wiederaufbauzeit ist die Romanhandlung angesiedelt. Die Erzählstimme gehört Theodor. Der nicht mehr ganz junge Bauernsohn in einer abgeschiedenen Gegend hat sich soeben eine Frau aus Linz „geholt“. „Meine Frau war zu mir gezogen“, heißt es eingangs, und schon diese Formulierung lässt erahnen, dass die Geschichte nicht gut ausgehen wird. Es beginnt mit gemeinsamen Ausflügen, die Theodor ganz anders erlebt als seine Frau, und endet mit deren einsamen Ausbrüchen und diversen Verhältnissen, auch mit dem Nachbarn, der sich dann, vielleicht auch ihretwegen, das Leben nimmt.

Auch für den Autor entwickelt sich die Geschichte nicht ganz glücklich, denn als Erzähler schwebt der im realen Leben wortkarge bis sprachlose Theodor ein wenig im luftleeren Raum. Er beobachtet seine Umwelt sorgfältig, beschreibt alles mit geduldigen und oft zarten, poetischen Bildern; seine Tiere liebt er so sehr, dass sogar ein einsames Schaf in seinem Stall prächtig gedeiht. Immer wieder bricht der Jungbauer zu spontanen Spaziergängen auf, mit seiner Frau, seiner Mutter und auch seinem Knecht, der eines Tages aus dem Nichts auftaucht, und um dann wieder zu verschwinden. Mit ihm nahm Theodor den Bau eines Schafstalls in Angriff, so einen, wie ihn sein Großvater einmal hatte und wie Theodor ihn auf seiner Wanderschaft gesehen hat. Auch das ist etwas ganz und gar Unübliches: Theodor nimmt sich ein halbes Jahr Auszeit, um in der Welt herumzukommen, eine Art Walz von Hof zu Hof, um andere Wirtschaften kennen zu lernen. Für den einzigen Erben eines Kleinbauern im Jahr 1956 ein originelles Projekt.
Theodor hat also durchaus ungewöhnliche Facetten, und bei aller Langsamkeit und Umständlichkeit seiner Formulierungen – sprachlich schlägt sich das in fehlenden Verben und häufigen Gerundivkonstruktionen nieder – ist der hartnäckige Schweiger, der sich zunehmend körperlich verwahrlosen lässt und das Anwesen für seinen Traum von der künftigen Schafzucht verschuldet, überraschend beredt und sensibel in seinem Erzählen.
Auch wenn die Konstruktion ein leises Unbehagen hinterlässt, entwickelt das Buch einen Sog, und man liest über Ungereimtheiten und Stilbrüche immer wieder hinweg. Wenn es gegen Ende heißt: „Im Vorraum kleidete ich mich an“, würde man jedenfalls nicht vermuten, dass hier ein reichlich verwilderter Mann beschreibt, wie er sein „Arbeitsgewand“ für die Stallarbeit anzieht. Trotzdem geht von diesen Brüchen auch eine gewisse Faszination aus, ebenso wie von den vielen Seitenthemen, die der Autor anreißt und als Leerstellen dem Leser überantwortet.


Der lange Gang über die Stationen
Roman von Reinhard Kaiser-Mühlecker
Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2008. 160 Seiten, geb., € 17,50
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