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Briefe 1 und Briefe 2 - 28/2007

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Einfach losstürmen
Virginia Woolfs Briefe.
Von Sylvia M. Patsch

Virginia Woolf überlebte schreibend, bis sie mit 59 Jahren den Wahnsinn wiederkommen spürte, dem sie in ihrer Jugend zweimal knapp entronnen war: zehn Romane, 36 Kurzgeschichten, 600 Essays, Rezensionen und Vorträge, fünf Bände Tagebücher, sechs Bände Briefe.
Ihren Tod suchte und fand Woolf im Jahr 1941 mit steinebeschwerten Manteltaschen im Fluss Ouse (Sussex); danach wurde es erst einmal still um die Autorin. Ihre experimentellen Romane, mit wenig Handlung, dafür umso mehr Bewusstseinsströmen gelangten zusammen mit James Joyces Ulysses auf das Klassikerbücherbrett der Moderne, wo man viel gelobt und wenig gelesen wird. In den siebziger Jahren erlebten ihre frauenemanzipatorischen Essays besonders bei den Feministinnen in den USA Kultstatus. Geglückte Romanverfilmungen öffneten ihr neue Wege in die Bekanntheit. So war es nur eine Frage der Zeit, bis ihre nie für die Veröffentlichung gedachten Briefe herausgegeben wurden: 4000 Stück, sie füllten gedruckt sechs Bände. Als hundert weitere auftauchten, gab es 1989 eine kluge Auswahl samt den neu entdeckten in einem Band. Diese englische Ausgabe zeichnete sich dadurch aus, dass die Herausgeberin die Briefe in sich kürzte. Jetzt liegt zum ersten Mal eine deutsche Ausgabe vor; sie umfasst zirka ein Drittel des gewaltigen Briefwerks.

„… wenn man einen Brief schreibt, kommt es einzig und allein darauf an, loszustürmen; und alles könnte aus der Tülle der Teekanne gesprudelt kommen“, schrieb Virginia Woolf an eine Freundin. Bei ihr kam tatsächlich alles. Den ersten datierten Brief schrieb die Sechsjährige; der letzte war an ihren Mann gerichtet, den Kritiker Leonard Woolf: „Ich bin mir sicher, dass ich wieder wahnsinnig werde … Wenn überhaupt jemand mich hätte retten können, wärst du es gewesen. Alles ist von mir gegangen bis auf die Gewissheit deiner Güte. Ich kann dein Leben nicht länger ruinieren.“ Dazwischen liegt der versunkene Kontinent einer intellektuell brillanten Gesellschaft, aus der Virginia Woolf stammte. Eifrig korrespondierte sie mit ihren drei Stiefgeschwistern, die aus der ersten Ehe ihrer Mutter stammten, noch eifriger mit ihren drei Geschwistern aus der Ehe ihrer Mutter mit ihrem Vater, am eifrigsten mit ihrer älteren Schwester, der Künstlerin Vanessa Bell. Ihr Kreis an Freunden und Bekannten wurde immer größer. Aus der Brieffülle ragen die an ihre Geliebte, die hochadelige Schriftstellerin Vita Sackville-West, und jene an die Komponistin und Frauenrechtlerin Ethel Smyth heraus, die wiederum leidenschaftlich in Virginia Woolf verliebt war.
Nach dem Tod des Vaters zogen Virginia und ihre Geschwister in den Londoner Stadtteil Bloomsbury beim British Museum, und Bloomsbury wurde der Name einer Künstler- und Intellektuellengruppe, aus der es einige Mitglieder zu internationalem Ruhm brachten. Ihnen oder über sie schrieb Virginia Woolf in ihren Briefen: Da sind der Romanautor E.M. Forster zu nennen und der Dichter und Dramatiker T.S. Eliot, der Ökonom John Maynard Keynes, der Philosoph Bertrand Russell und viele, deren Glanz nicht über die Britischen Inseln hinausgelangte. Sie schrieb auch an Nicht-Bloomsbury-Mitglieder wie die Schriftsteller-Kollegen Katherine Mansfield, G.B. Shaw und Thomas Hardy. Worüber? Der Herausgeber der deutschen Briefausgabe, der Anglistik-Professor Klaus Reichert, charakterisiert den Inhalt der Briefe so: „Es gibt kaum ‚große‘ Themen, wie etwa die Kunst der Schreibens. Vielmehr haben die Briefe etwas von der Intensität des Beiläufigen, des Alltäglichen … Ähnlich wie die Tagebuchform hat Virginia Woolf auch den Brief für sich benutzt als ein Medium, in dem sie die Zügel schleifen lassen konnte, wenn sie wollte …“ Sie wollte oft: Sie war boshaft, gnadenlos gehässig, klatschsüchtig, ein „upper-middle class snob“: „Eton und King’s sind mir wirklich lieber als die Grundschule in Glasgow.“

Viele Briefe strotzen von Anspielungen auf längst vergessene Personen, die für den heutigen Leser auf jeder Seite durch Fußnoten erklärt werden müssen. Von einer nicht funktionierenden WC-Spülung im Haus von Freunden in Granada bis zu kühlen Aussagen über Inzest und Kochrezepte war ihr alles berichtenswert. Damals kam der Briefträger ja auch noch zwei- bis dreimal am Tag. Über tausend Seiten umfasst die neue Ausgabe. Der deutsche Herausgeber hat die Kürzungen der englischen Fassung „aufgehoben“. Diese Gründlichkeit macht es umso mühsamer, die zweifellos vorhandenen Edelsteine zu finden.


Briefe 1 (1888–1927)
Briefe 2 (1928–1941)
Von Virginia Woolf. Hg. von Klaus Reichert. Deutsch von Brigitte Walitzek
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2006
548 und 514 Seiten, geb. je € 40,10
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  01:29:38 07.20.2005