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24 Stunden im Leben einer empfindsamen... - 11/200

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Gesellschaftliches Off
Ein Sittenbild der Zeit aus der Sicht einer alleinstehenden Frau: der Briefroman von Constance de Salm (1767–1845).

Von Evelyne Polt-Heinzl

Constance de Salm ist eine jener Frauenfiguren, die die Salonkultur der Empfindsamkeit und der Romantik trugen, und die daraufhin gleichsam als imaginäres Kollektiv so radikal in Vergessenheit gerieten, dass sie erst allmählich wieder ans Licht der Öffentlichkeit gelangen. Konnte man bei den ersten Neuedierungen noch denken, es handle sich um Einzelfiguren, wird mit jedem neuen Namen klarer, dass Umfang wie Bedeutung dieser Salonkultur und vor allem auch die schriftstellerischen Werke der Salonieren noch gar nicht richtig abzuschätzenm sind. Constance de Salm schrieb Dramen, Lyrik und Romane, trug publizistische Duelle mittels Essays und „Episteln“ aus und schrieb für die Pariser Journale der Zeit.

Fehlende Weiblichkeit?
Entdecken hätte man sie schon früher können, denn wie bei den meisten vergessenen intellektuellen Frauen sind meist rüde, sexistische und überhebliche Kommentare in der Memoirenliteratur von männlichen Zeitgenossen zu finden. Diesfalls bei Stendhal, der zumindest ihren außerordentlichen „Busen“ bewunderte. Ihren Schriften allerdings warfen die Zeitgenossen fehlende Weiblichkeit vor, vielleicht war das auch eine Motivation für den nun vorgelegten schmalen Briefroman „24 Stunden aus dem Leben einer empfindsamen Frau“, der sich formal und thematisch gut in die Vorlieben der Zeit fügt. Das Buch erschien erst 1824, also fast ein halbes Jahrhundert nach Sophie La Roches „Fräulein von Sternheim“; geschrieben wurde es 1814/15, gleichsam wie das „Decamerone“ um sich von den Unbilden eines unfreiwilligen Exils am Land abzulenken, nicht wegen der Pest, sondern der Napoleonischen Kriege. So heißt es zumindest in der fingierten Vorrede an die „Prinzessin von ***“, in der de Salm auch behauptet, mit dem Roman ein Lehrstück für eifersüchtige Frauen im Sinn gehabt zu haben. Karl-Heinz Ott nimmt in seinem umfangreichen Nachwort diese Selbstaussage ernst und liest das Buch ausschließlich unter diesem Aspekt. Natürlich ist die Briefschreiberin bald rasend vor Eifersucht, als sich ihr heimlicher Geliebter bei ihr nicht mehr meldet, nachdem er am Vorabend mit der Baronin B. in einer Kutsche verschwunden ist. 24 Stunden durchlebt sie alle Abgründe der Verzweiflung und Unsicherheit, wie sie diese Ereignisse nun einzuschätzen habe. Doch das Problem dabei ist nicht ihre „lebhafte Einbildungskraft“, sondern ihre geschlechtsbedingte Handlungsunfähigkeit. Als Frau – und Witwe – kann sie sich nicht einfach im öffentlichen Raum bewegen, geschweige denn direkten Kontakt aufnehmen. Auf ihre verzweifelten Hilferufe in Billet- und Briefform erhält sie keine Antwort. Dadurch, so Ott, bekomme „dieser Roman nicht nur etwas Klaustrophobisches, er verwirklicht damit vor allem die Einheit von Zeit, Ort und Handlung in noch weit konsequenterer Weise, als sie bei Aristoteles gemeint gewesen ist“.

Das kann man so sehen, aber eigentlich präsentiert de Salm ein Sittenbild der Zeit aus der Sicht einer alleinstehenden Frau. Wie viele Dienstboten muss die Dame bestechen, um aus dem gesellschaftlichen Off ihre verdeckte Recherche zu führen. Schließlich gelangt sie auf ähnlich dunklen Wegen sogar in das Haus des Geliebten und bricht in seinen Sekretär ein; das ist eine offene Provokation, denn diese Form der Indiskretion ist traditionell die Domäne eifersüchtiger Männer, die noch bis herauf zu Schnitzler dort die Liebesbriefbündel ihrer untreuen Gattinnen zu entdecken pflegen. Reichlich unverblümt schildert de Salm auch die Konstellation, die einer offenen Verbindung der Liebenden im Wege steht. Eigentlich sind beide ungebunden, aber es gibt einen alternden Onkel, der seinerseits auf die Briefschreiberin spitzt und der es offenbar in der Hand hat, seinen Neffen mit einer simplen Zeugenaussage zu vernichten oder zu etablieren. Bei der im Boudoir auf die verschiedenen Zuträger wartenden Frau müssen zwangsläufig klaustrophobe Gefühle auftreten.
„24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau“ enthält in jedem Fall viel mehr an Spannung, Zeitstimmung und -kritik, als das Nachwort vermuten lässt. Es nimmt immerhin fast ein Drittel des Buches ein und versucht einen Parforceritt zur Darstellung der Liebe bei Rousseau, Stendhal, Proust, Baudelaire, Cocteau oder Barthes. Zur Lektüre sollte man vielleicht besser ein wenig Witz mitbringen, dann ist die Begegnung mit Constance de Salms Briefroman ein Lesevergnügen und auch ein Beitrag zur Sozialgeschichte des Frauenlebens.


24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau
Roman von Constance de Salm
Übers. von Claudia Steinitz,
Nachw. von Karl-Heinz Ott.
Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2008.
128 Seiten, geb., € 15,40
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