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Von hier nach hier - 11/2008

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Ausgezogen um zu schweigen
Carsten Zimmermann sinniert über ein Großstadtleben.
Von Oliver Ruf

„Und“, fragt Marie, „wie hat es dir gefallen?“ – „Gut“, antwortet er. Damit scheint alles gesagt, nicht aber, dass er fühlt, nur den „Status einer Mutmaßung“ zu besitzen. Eine der „möglichen Abstraktionen vom Unendlichen“ zu sein. Dass sich das Ich, das „durch das Kaleidoskop namens Peter blickt“, sich jeder näheren Bestimmung entzieht. Wer so denkt, lebt nicht irgendwo. Wer ständig ausgiebig sinniert und doch beim Rendezvous einsilbig nur ein einziges Wort über die Lippen bringt, der muss – offenbar – in der Großstadt leben. In der Großstadt? Ja, zwischen Altbauzimmern und Hinterhoftristesse. Also wieder einmal ein Berlin-Roman. Jedoch auch etwas mehr. Carsten Zimmermann schreibt mit seinem Buch über ein Leben in dieser Stadt, was sich wie ein einziger großer Bewusstseinsstrom liest. Anfangs sieht Peter aus dem Fenster und lässt sich von dem „Volumen, das dies alles ihm darbietet, ergänzen“. Er würde sagen: „Wie ein riesiger Schleifstein poliert, schabt und kratzt die Stadt an ihm herum und holt dabei vielleicht das Beste aus ihm heraus.“ Hier und heute, mit Mitte Zwanzig, ein Physik-Student, der eigentlich die „Physik seiner Umwelt, seiner Mitmenschen, das unmittelbar ihm Erscheinende, die Physik seines Körpers und seiner Gedanken“ studieren will, lebt er in den Berliner Tag hinein und lernt doch unverhofft ein Mädchen kennen: Marie, die ihn auf dem Fahrrad umfährt und prompt auf ihre Party einlädt, welche er besucht, aber nur ganz kurz, weil er mit niemanden richtig ins Gespräch kommen kann. Er ist ungefähr so schweigsam anwesend, wie es ein auf Boethius zurückgehender Sinnspruch empfiehlt: „Wenn du geschwiegen hättest, wärst du Philosoph geblieben.“

Es ist kein Wunder, dass einem Boethius einfällt. Wenn Peter in einer Kreuzberger Kneipe einkehrt, nimmt er am hintersten Tisch Platz, ohne ein Wort zu verlieren. In seiner Wohnung sitzt er im Sessel und gibt sich seinen „Meditationen“ hin, seinen „inneren Permutationen“. In solchen Momenten sieht er auf seine Lebenszeit zurück und findet verschiedene Identitäten seiner selbst. Er lauscht nach innen, „auf die unterirdischen Gewässer“, und unterscheidet Peter1 von Peter2 und erkennt „situative Peters“, darunter auch „Lieblingspeters“. Man wird geradezu dazu angehalten, „Von hier nach hier“ als eine Art still stehenden, entschleunigten Entwicklungsroman zu lesen, in dessen Zentrum Peter als „teilnehmender Beobachter“ steht: „Peter ist der Mensch von innen erlebt.“ Hinzu kommt das äußere Geschehen, der viele einzelne Augenblicke umfassende Alltag eines nachdenklichen jungen Mannes in den Stadtbezirken Berlins, der Apfelschorle schlürft und belegte Brötchen an der Ampel verzehrt. Darin liegt das eigentliche Vermögen von Carsten Zimmermann, nicht allein existenzphilosophisch zu erzählen („Leben ist: anwesend zu sein“), sondern alltägliche Momentaufnahmen erlebbar zu machen: „Ach, Dasein ist schauen.“ Es ist eine anregende Leseaufgabe, vor die uns der (seit 1992 in Berlin lebende) Autor stellt, aber es ist eben doch eine Aufgabe und vielleicht liegt der Knackpunkt dieses kleinen Buches gerade darin: Dass es vor lauter Lust am Aufgabenstellen den Kopf des Lesers erobern kann, aber nur schwerlich sein Herz.


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Von Carsten Zimmermann
Luftschacht, Wien 2007
129 Seiten, geb., € 15,90
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