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Was wird morgen sein? - 12/2008

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„Züngeln des Abgrunds“
Vor 100 Jahren wurde der deutsche Dichter und Pastor Albrecht Goes geboren.
Von Oliver vom Hove

Wie kann man in Zeiten der alles verdrängenden Fernseh-Kochshows noch vom Hunger erzählen? Vielleicht so: Indem man die Regentschaft des Magens über das Hirn einmal aus der Warte der Darbenden, nicht wie heute der Übersättigten, wahrnimmt. Es war auch schon ganz anders, lässt man sich dann berichten, und der beschämende Kniefall unserer Zeitgenossen vor löffel- und redenschwingenden Köchen verfällt vollends der Dümmlichkeit.
Freilich, schon 1937 musste der deutsche Dichter (und Pastor) Albrecht Goes seine Erzählung „Der Beutezug“ mit einem Verweis auf Anachronismus beginnen: „Jetzt gib es wahrhaftig schon wieder junge Menschen, die ungläubig, aber doch gespannt dasitzen, wenn man ihnen die Geschichte vom Ofenanheizen mit Tausendmarkscheinen erzählt, von dem dazu verwendeten Streichholz, das seinerseits eine reine und runde Million kostete, während man für Holz und Kohlen nicht wenig Milliarden zu zahlen hatte. Sie lachten uns unverhohlen ins Gesicht, die Jungen, denen wir das erzählten.“

Jüdisches Kriegsleiden
Goes beschwor die Inflationszeit der frühen zwanziger Jahre herauf, damals, als er vom Hunger der schwäbischen Theologie-Studenten berichtete. Wollte er 1937 zeigen, um wie viel besser es mittlerweile unter Hitler geworden sei? Wohl kaum: Er zeigt Menschen unter dem Barmherzigkeitsgebot der Bibel, das Deutschlands Landvolk ehemals freigiebig und gastfreundlich gegenüber den Wenigbemittelten sein ließ. Ein Aufruf zur Mildtätigkeit inmitten einer entfesselt chauvinistischen, gemeingefährlichen „Volksgemeinschaft.“
Man muss sich als Leser schon einlassen auf eine ferne, auf die finstere Zeit des vergangenen Jahrhunderts, von der Albrecht Goes, den es als Soldatenpfarrer bis an die Ostfront verschlug, vorwiegend erzählt. Da ist die – dem „Fälscher“ nicht unähnliche, aber eben vor fünfzig Jahren aufgeschriebene – Geschichte vom jüdischen Heizer Leib im ukrainischen Wehrmachtslazarett, dessen Unverzichtbarkeit jeder schätzt, der deshalb sein Inkognito von allen gewahrt glauben darf und der doch, denunziert, eines Tages samt seinen Söhnen fortgeschleppt wird, gegen den Einspruch des Chefarztes. Da ist die „Begegnung in Ungarn“, genannte Prosaskizze über die beiden jüdischen Mediziner, Vater und Sohn, bei denen der Lazarettpastor vom Roten Kreuz Quartier nimmt, anfangs 1944, und ihnen doch keinen Schutz bieten kann vor dem drohenden Pogrom; nur das Bibelwort fällt ihm, hilflos, ein, auf Hebräisch: „Schema, Jisrael, Adonai elohenu Adonai aechad“, und es ist dann eben nur ein geistliches Solidaritätswort: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Gott.“ Und da ist die Erinnerung „Karfreitag 1945“, als ein Trupp versprengter Soldaten, darunter der Erzähler, im blühenden Thayatal sich vor dem Abmarsch am Ostermontag nach Wien fürchtet: „Nach Wien, das hieß: Barrikaden, Straßenkämpfe, Feinde auf allen Dächern, Feinde in allen Kellerluken; das Schlimmste ungefähr, was man sich denken konnte.“ Was vier Tage nach Ostern für den Freund des Erzählers auch eintraf, der „irgendwo in den Vorstadtstraßen von Wien lag, ein Sterbender unter Sterbenden“.

Der vor hundert Jahren, am 22. März 1908, in eine schwäbische Pastorenfamilie mit langer Ahnenreihe von Geistlichen hineingeborene Autor erweist sich in diesem Geschichtenband als leiser, doch nicht minder nachdrücklicher Erzähler von beeindruckender Wachheit allem Menschlichen und vielem Unmenschlichen gegenüber, das er erlebt hat. Der Absolvent des berühmten Tübinger Theologenstifts, dem so unterschiedliche Geistesgrößen wie Hölderlin, Hegel, Schelling, Mörike und Wilhelm Hauff, aber auch der Humanist Frischlin und der Astronom Johannes Kepler entwachsen sind, wurde 1930 zum evangelischen Pfarrer ordiniert. Vier Jahre später veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband „Der Hirte“, ab 1936 war er regelmäßiger Beiträger der renommierten Frankfurter Zeitung. Rund um Stuttgart war er als Pastor tätig, bis ihn die Wehrmacht für nicht weniger als fünf Jahre als geistlichen Trostspender ins trostlose Inferno eines selber entfesselten Kriegs schickte. Auf der Nachtwache im Fleckfieberlazarett reimte er 1943: „Welchem Ziel wir sterben? / Nicht dem Vaterland. / Nicht, dass die Enkel und Erben /
Von neuem Länder erwerben, /
Mit des Hasses grüngiftigen Schwaden / Von neuem die Seele
beladen / Mit patriotischem Tand. //
Welchem Glauben wir leben? /
Uns ward dies Land zu klein. / Die in Panzern verbrannt und in Gräben / Verschüttet, die uns umschweben, / Die Toten, hüben und drüben, / Was wollen sie, als dass wir begrüben / Den bewaffneten Wahn und endlich/Brüder sein.“

Schuldbewusstsein
Nach dem Krieg gehörte Albrecht Goes zu den ersten Autoren aus Deutschland selbst, die ohne Umschweife und Ausflüchte das Thema Schuld aufgriffen. Er wusste und schrieb es: „es geht um die Menschenwürde, um das in Auschwitz so tief versehrte Menschenantlitz.“ In dem Gedicht „Antlitz des Menschen“ heißt es: „Nicht dir, Schlange, zu gleichen ist mir geboten, / Dunkelgebürtig Getier und kriechend im Dunkeln, / Ungeliebt noch im Funkeln, und immer ein giftig / Züngeln des Abgrunds.“
In der Novelle „Unruhige Nacht“ stellte er 1949 das Schicksal eines fahnenflüchtigen Wehrmachtsoldaten dar, der, knapp vor Stalingrad, vors Militärgericht gestellt und erschossen wird: Sinnloser Tod, den auch der Pfarrer nicht verhindern kann. Die Verfilmung 1958, mit Bernhard Wicki und Hansjörg Felmy in den Hauptrollen, fand internationale Beachtung.
Ebenso erging es dem Autor mit der Erzählung „Das Brandopfer“, die, 1953 erstmals veröffentlicht, die Rechtfertigungsformel der Nachkriegsgesellschaft, man habe von der Judenverfolgung nichts gewusst, Lügen strafte. Eine ganze Stadt in Süddeutschland weiß darin von der „Judenmetzig“: jener Fleischhauerei, die nur am Abend vor Sabbat den jüdischen Kunden offensteht. Jeden Freitag wird die Metzgersfrau Margarete Walker Zeugin der Anpöbelung gegen Juden: „Machen Sie aber nur Freitag nachts gut Durchzug, sonst hälts kein Christenmensch am anderen Tag bei Ihnen aus, Frau Walker.“ Als sie miterleben muss, wie einer schwangere Jüdin von einem Untersturmführer beschieden wird, sie brauche sich um Windeln und Kinderwagen keine Sorgen mehr machen, da „sie nächstens durch den Schornstein gehe“, will sie sich selbst während eines Fliegerangriffs zum Sühneopfer darbringen, was aber durch einen Juden, dem der Luftschutzkeller verwehrt geblieben war, verhindert werden kann. Ein Brandmal indes bleibt Frau Walker im Gesicht: Symbol des versehrten Antlitzes. Für diese (spannend erzählte) Geschichte, die uns heute, mit ihrer wundersamen Schicksalsverschränkung von „guter Christin“ und „lebensrettendem Juden“ doch etwas erbaulich anmutet, erhielt der Autor, der 2000 hochbetagt in Stuttgart gestorben ist, 1978 die Buber-Rosenzweig-Medaille.


Anlässlich des 100. Geburtstages Albrecht Goes’ im S. Fischer Verlag neu erschienen:

Was wird morgen sein?
Erzählungen
brosch., 352 Seiten € 10,30

Gedichte
geb., 200 Seiten, € 14,40
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