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Der raunzende Rebbe - 14/2008

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Starke Worte

Polemisches von Hermann Hakel und
Miguel Herz-Kestranek. Von Daniela Strigl

Kaum jemand kommt bei ihm ungeschoren davon: nicht berühmte Kollegen und Kolleginnen, Handke, Bernhard, Bachmann, Doris Lessing; nicht die Deutschen und Österreicher, entweder alte Nazis oder „Zwangsdemokraten“; nicht „die Juden“, die zu „Erlösungssucht“ neigen würden, einen Kotau vor der deutschen Kultur gemacht und ihre eigenen Wurzeln verleugnet hätten: „Nicht einmal Hitler und seine Judenschlächter haben diese Leute davon abgebracht, sich womöglich auch noch für die besseren Deutschen zu halten.“ Erst recht schont Hermann Hakel Remigranten wie Marcel Prawy und Hans Weigel nicht: „Diese jüdischen Heimkehrer-Typen – zu denen leider auch ich gehöre, allerdings ohne den Österreichern und Deutschen in den Arsch zu kriechen – nehmen entweder die jüdische Tragödie nicht zur Kenntnis oder schieben die Schuld auf den ‚Faschismus‘ und seinen Terror“, womit ihre Landsleute exkulpiert seien.
Kein Blatt vorm Mund
Hermann Hakel (1911–1987) hat sich nie ein Blatt vor den Mund genommen und er hat boykottiert, was er für eine verlogene Form von Versöhnlichkeit hielt. Er selbst sah darin den Grund dafür, dass sein Einfluss in der literarischen Öffentlichkeit zusehends schwand. Nach dem Krieg war Hakel, zurückgekehrt aus der Emigration in Palästina, mit seiner Zeitschrift „Lynkeus“, neben dem großen Rivalen Hans Weigel, der wichtigste Förderer junger Talente gewesen. Der undogmatische Linke gab unter anderen Autorinnen wie Ingeborg Bachmann, Hertha Kräftner und Marlen Haushofer Starthilfe, wobei sein Verhältnis zu ihnen kein bloß väterliches war. In seinen postum unter dem Titel „Dürre Äste, welkes Gras“ veröffentlichten Skizzen hat er sich darüber wenig gentlemanlike geäußert. Die junge Generation erschien ihm orientierungslos und blind auf eine Moderne fixiert, die ihm, dem traditionell dichtenden Lyriker, fremd war.
Hakel, der später vor allem als Übersetzer aus dem Jiddischen und Herausgeber von Judaica tätig war, warf dem literarischen Nachwuchs vor, sich der Werke der Ermordeten eifrig anzunehmen und zugleich deren Erbe zu liquidieren, indem sie über die Überlebenden schwiegen: Es genüge nicht, gegen die Vergangenheit zu sein, solange man glaube, mit ihr nichts zu tun zu haben.
Dabei war Hermann Hakel als Lehrer und Mentor im persönlichen Umgang mit den „unschuldigen Nazikindern“, zu denen auch der Herausgeber dieses Bandes, Hans Raimund, zählte, überaus beeindruckend und gewinnend. Dessen kluge Zusammenstellung von Aufzeichnungen aus Hakels letzten Lebensjahren gewährt Einblick in das Denken eines Verbitterten, der seine geistige Heimat in der „österreichischen Blüte des Judentums“ unter den Habsburgern sah. Der „raunzende Rebbe“ bleibt auch dort faszinierend, wo er ungerecht urteilt: Wer traut sich schon, Bachmanns Roman „Malina“ die „schamlose Darstellung einer ich-besessenen Phantastin“ zu nennen oder gar „Liebeskitsch“?
Starke Worte liebt auch Miguel
Herz-Kestranek, der als Sohn (und Biograf) eines großbürgerlich-jüdischen Remigranten ganz bewusst an die Tradition der Wiener Kaffeehausliteratur anknüpft. Sein jüngstes Buch „Wortmeldung“ versammelt, wie dem Untertitel zu entnehmen, „Polemiken, Pointen, Poesien“, also durchaus Heterogenes: unanständige und unanständig gute Schüttelreime, geharnischte Korrespondenzstücke, ungehudelte Lobreden, Zeitungskommentare, patriotische Einmischungen, feine Porträts mehr oder weniger feiner Zeitgenossen wie des Journalisten Milan Dubrovic, des buddhistischen Mönchs Banthe oder der ungenannten
alten Burgtheater-Heroine, die dem Eleven als Schlusspunkt einer Diskussion im Sappho-Ton beschied: „Das Burgtheater – sollte man zuscheißen!“
Als „einer der ganz wenigen wertkonservativen, jüdisch-
buddh-christlichen Anarchen mit Maßhemden und Christbaum“, wohl nicht nur in seiner „ganzen Gasse“, sondern österreichweit, hat der Polemiker Miguel Herz-Kestranek einen entsprechend großen Zuständigkeitsbereich. Gescheites findet sich da, Witziges und Verstiegenes. In der Hitze des Gefechts schießt der Autor mitunter übers Ziel – aber dass er mit solchem Feuereifer bei der Sache ist und mit Genuss faule Konsense stört, ist allemal schön. Weil ein Schauspieler das Recht auf eine Portion Egozentrik hat, nimmt man MH-K auch nicht übel, dass er die zahlreichen Fragebögen, die er für diverse Zeitungen ausgefüllt hat, hier zum besten gibt. („Wofür ich zu teuer bezahlt habe: Gerne für Frauen; ungern für Autoreparaturen.“) Keinen Spaß freilich versteht er bei dem, was ihm wichtig ist. Wenn es ums Exil geht oder um die kollektive Erinnerung. Herz-Kestraneks „Plädoyer für Lauterkeit in der Gedenkpolitik“ hätte Hermann Hakel wohl gefallen, richtet es sich doch gegen „Betroffenheitsmonopole“ und einen „heuchlerischen Humanitätswettbewerb, als gelte es, einen alljährlichen Holocaust-Oscar zu erringen“.

Der raunzende Rebbe
Kritische Aufzeichnungen
Von Hermann Hakel
Hg. von Hans Raimund
Lynkeus, Wien 2007
185 Seiten, geb., € 14,–

Wortmeldungen
Polemiken, Pointen, Poesien
Von Miguel Herz-Kestranek
Ibera Verlag, Wien 2007
269 Seiten, geb., € 20,–
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  21:54:05 09.11.2005