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Du sollst Bestie sein - 14/2008

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„Alles geht nur an den Teufel“

Der Roman von Uzodinma Iweala erzählt vom Leben eines Kindersoldaten.
Von Sylvia M. Patsch

Biafra, Uganda, Ruanda, Nigeria, Darfur: Weit weg scheinen die Gegenden, aus denen seit Jahren Nachrichten dringen von Kindersoldaten. 300.000 zwischen sechs und 16 Jahren sollen es sein, eingefangen wie wilde Tiere, gefügig gemacht durch Drogen und Misshandlungen. Obwohl dauernd geredet wird von der Globalisierung: Solche Themen überliest man lieber, sind Kinder als Soldaten doch unvorstellbar.
Da kommt ein junger Amerikaner, dessen Familie aus Nigeria stammt, und schreibt einen Roman in Ich-Form, in dem ein Bub die Schrecknisse schildert, die er erlebt und anderen zugefügt hat. Uzodinma Iwealas Buch „Du sollst Bestie sein!“ beruht nicht auf selbst Erlebtem. Der Autor (geb. 1982) war bei der Veröffentlichung 23 Jahre alt; er hat mit nigerianischen Kindersoldaten in einem Rehabilitationszentrum gearbeitet.
„Ich bet zu Gott“
Das Buch öffnet die Augen für das Furchtbarste, das Menschen anderen, Hilflosen antun, und es ist gleichzeitig ein Kunstwerk. Denn Iweala hat eine Sprache gefunden, im Original ein Pidgin-Englisch, das seine Besonderheit in der deutschen Übersetzung von Marcus Ingendaay nicht verloren hat. Strikt wird in der Gegenwart erzählt; häufig fehlen die Artikel. Und ebenso konsequent hat der Autor eine Bildersprache verwendet, die fremd, unvertraut anmutet: „Ich bet zu Gott, aber alles, was ich sag, geht nur an den Teufel. Hilf mir zu tun, was du willst, dass ich tu, sag ich, aber überall hör ich nur Lachen, egal ob aus den Bäumen oder den Farmen, an denen wir vorbeikommen, wo aber nichts mehr wächst, keine Süßkartoffeln, kein Maniok, nichts, weil da ist keiner mehr, der noch was anbaut.“
Am Anfang steht das nackte Unverständnis des Buben Agu, vor dessen Augen der Vater erschossen wird. Mutter und Schwester sind von einem UN-Hilfstransport weggebracht worden. Man erfährt nicht, um welchen Krieg in welchem afrikanischen Land es sich handelt. In Rückblenden entfaltet sich eine glückliche Kindheit, eingebettet in eine christliche Familie, erfüllt vom Wunsch zu lernen, Englisch, und später Arzt oder Ingenieur zu werden. Agu wird aufgegriffen, vergewaltigt, zum Töten erzogen. Und tötet. Und vergewaltigt selbst. Und hört doch die Stimme des Gewissens: „Ich bin nicht mehr froh. Ich werd nie wieder froh sein… Jetzt ist mir klar, dass man erst nicht mehr kämpfen muss, wenn man tot ist. Ich will aber nicht tot sein.“
Das ist kein Buch für Zartbesaitete. In seiner Lakonie zwingt es den Blick hin zum Abgrund in jedem Menschen. Auch Kinder können zum Bösen verführt werden und es dann ungezügelt, weil unreflektiert ausleben. Doch lässt Iweala diesen kurzen, sprachgewaltigen Roman nicht in totaler Hoffnungslosigkeit enden. Er gesteht dem Buben wachsende Einsicht zu: „Wenn ich die Sonne wär, würd ich irgendwo scheinen, wo die Leute nicht so schlimme Sachen machen in meinem Licht. Nachts starr ich den Mond an und guck, ob da Mann drin lächelt. Die sagen, da wohnt Mann und lächelt, aber ich seh nichts, gar nichts. Da lächelt keiner. Egal, ob Tag oder Nacht ist, lächeln tut da keiner.“
„Da lächelt keiner“
Am Ende findet sich der Bub in der Obhut einer Weißen wieder, einer amerikanischen Helferin für Kindersoldaten: „Manchmal sag ich ihr, ich sag nicht viel, weil ich soviel schlimme Sachen weiß, dass ich die gar nicht alle sagen kann. Ich hab mehr schlimme Sachen gesehn als zehntausend Leute zusammen. Und ich hab mehr schlimme Sachen gemacht, als zwanzigtausend zusammen.“
Was dieses Buch einer Fernsehdokumentation voraus hat, ist die Erschütterung, die nicht von Bildern ausgeht, welche dem „Konsumenten“ vorgesetzt werden. Wer „Du sollst Bestie sein!“ liest, dem erschaffen sich Bilder durch Worte; er wird sie nicht vergessen. Uzodinma Iweala hat alle US-Preise erhalten, die es für Roman-Debüts gibt. Zu Recht.

Du sollst Bestie sein!
Von Uzodinma Iweala. Aus dem
Englischen von Marcus Ingendaay
Ammann Verlag, Zürich 2008
157 Seiten, geb., € 18,90
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