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Ein liebender Mann - 15/2008

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Goethe, brillenlos
Martin Walsers jüngster Roman erzählt eine berührende Geschichte
über Liebe im Alter, über Goethe und Ulrike von Levetzow.
Von Evelyne Polt-Heinzl


Nach Fertigstellung seines neuen Buches, so mutmaßte ein Kritiker, habe Martin Walser den „wunderbaren Befehl“ Suchen/Ersetzen gefunden und alle Walser-Nennungen mit Goethe überschrieben; so sei aus einem Roman über Walser einer über den glücklos verliebten alten Geheimrat geworden.
Tatsächlich regt sich leicht Misstrauen, wenn alternde Großschriftsteller sich ans literarische Ausschlachten ihres klassischen Vorgängers machen, daran ist schon Thomas Mann gescheitert. Doch im Unterschied zu Walsers letzten Romanen „Der Augenblick der Liebe“ (2004) und „Angstblüte“ (2006), mit denen „Ein liebender Mann“ das Sujet „alter Herr verliebt in sehr viel jüngere Frau“ teilt, hat Walser hier Peinlichkeiten erspart und eine berührende Geschichte geliefert. Eigentlich ist daraus mehr eine Studie zur Ökonomie der Liebesarbeit unter dem Diktat der tickenden Lebensuhr geworden, denn eine bloße Paraphrase auf des alten Goethe letzte Liebe zur 54 Jahre jüngeren Ulrike von Levetzow.

Im Zeichen des Augenspiels
Martin Walser ist immer, auch in den deutlich daneben gelungenen Romanen, ein Meister des Erzählauftakts, den es genau zu lesen lohnt. Hier eröffnet er mit einer Blickbegegnung und stellt den ganzen Roman ins Zeichen des Augenspiels. Da hat der alte Goethe schlechte Karten. Kurzsichtig aber eitel, lehnt er das Tragen einer Brille ab, natürlich nicht ohne dafür mit großer Geste eine Theorie zu entwerfen. Sie steht im „Wilhelm Meister“ und Walser zitiert sie ausführlich herbei: Apparative Hilfen, so Wilhelm, führen leicht zu Selbstüberhebung, sind also charakterschädigend.
Wie rückwärtsgewandt Weltsicht und Werthaltungen seines Wilhelm sind, lernt Walsers Goethe durch die kecke Ulrike bzw. durch die neue Sicht auf die Wirklichkeit, die ihm die Liebe aufzwingt. Brillenlos kann der Kurzsichtige jedenfalls die Geliebte im Vorbeifahren nicht erkennen. Das blicklenkende Motiv der Augen(schwäche) stellt ohne Worte die Frage in den Roman-Raum: Was sieht der alte Goethe, wenn er Ulrike sieht? Und beantwortet sie wahrheitsgemäß: das ist egal, die Liebesarbeit nimmt, einmal aufgenommen, ihren unaufhaltsamen Lauf. Wie man aus dem Literaturunterricht weiß, mündet der in diesem speziellen Fall in der „Marienbader Elegie“. Da sie dem Roman inkorporiert ist, kann man dieser lyrischen Hommage auf das Liebesleid hier mit Muße neu begegnen.
Goethe beginnt die Niederschrift noch während der Kutschenfahrt zurück nach Weimar; sie ist der Schlussstrich unter die 49 Tage des Jahres 1823, die seinem letzten Liebesprojekt beschieden waren. An ein finales Ende mag Goethe wie alle Liebenden nicht glauben und träumt und hofft und schreibt Briefe. Da flunkert Walser ordentlich, denn die klingen recht heutig; von „kultureller Einübung“ ist da die Rede, von „Sprachbildern“ und „gesellschaftlichen Mitteln“. Aber dazwischen stehen Sätze wie „Was ist eine Pflicht gegen eine aussichtslose Liebe!“ Und wer würde Walser unterstellen, dass der Sprung ins 21. Jahrhundert keine bewusste Entscheidung war? Goethe ist gut 170 Jahre tot, aber spätes Liebesleid gibt es immer noch. Und darum ist es Walser in erster Linie zu tun, auch wenn er noch so viele Realien aus der Historie der konkreten Liebesgeschichte auftischt und, zum Teil leicht umgefärbt wie Ulrikes Handschuh, in sein Altersthema von der Liebe jenseits von 70 plus hineinmixt.
In den letzten beiden Walser-Romanen kippte das immer wieder ins Peinliche – sexuelle Begegnungen beschreiben ist nicht die Stärke seiner späten Tage. Außerdem waren Konstellation wie farbloser Emeritus, dessen einzige wissenschaftlicher Leistung schon Jahrzehnte zurückliegt, und blutjunge Studentin, die mehr strickt als denkt, einfach kraftlos und uninteressant.
Im neuen Roman ist das anders. Der 73-jährige Goethe ist immer noch ein stattlicher Mann, wobei seine Erscheinung nicht vom enormen Gewicht seines Ruhms zu trennen ist, an dem er selbst ein Leben lang tüchtig gebastelt hat. Goethe, der (Medien)Star der Kurgesellschaft von Marienbad und Karlsbad. Trotzdem befürchtet er, sein Image könnte seine altersbedingten Wettbewerbsnachteile doch nicht ausreichend ausgleichen, also versucht er aufzutrumpfen und scheut nicht vor pubertärer Protzerei zurück, prahlt mit seinen adeligen Freunden (sein Lebensmakel), inszeniert sich als weltläufiger Briefediktierer. Doch solche Hohlheiten prallen an seinem wachen Gegenüber ab. Die 19-jährige Ulrike von Levetzow ist intelligent und als Angehörige einer neuen Generation weitgehend frei von pathetischer Ehrfurcht dem Althergekommenen gegenüber, das inkludiert die Person Goethes als Verkörperung des Rokoko. Schon bei ihrer ersten Begegnung zwei Jahre zuvor provozierte sie ihn mit der Behauptung, von ihm keine Zeile gelesen zu haben, dafür jede Menge Schiller. „Wenn ich an unsere Gespräche denke, weiß ich, dass ich vorher niemals solche Gespräche erlebt habe. Entweder wurde ich angefochten oder angebetet“, schreibt er ihr später. Wie diese Briefe sind natürlich auch die Dialoge Walser-Ton, aber doch stimmig.
Ulrike von Levetzows unbekümmerte Art, seine kleinen Eitelkeiten zu registrieren und aufzuspießen, ihm das Dozierende zu verwehren und die Altherrengeste der „Satzhoheit“ und des „Geltungstons“ in gleicher Weise für sich zu beanspruchen, ist erfrischend. Gleichzeitig ist sie auch taktvoll und lässt nicht erkennen, wie viel sie von seiner physischen Not durchschaut: sein Bemühen, die Zahnlücke zu verdecken, sein Verzicht auf den Kniefall, weil er weiß, dass das Aufstehen nicht mehr recht gelingen will. Doch diese Situation bleibt ihm nicht erspart. Der Sturz beim gemeinsamen Spaziergang ist auch ein Sturz aus dem Liebesparadies, in dem die beiden als Lotte und Werther am Kostümball für kurze Zeit gleichaltrig waren. „Wahrscheinlich war es ein furchtbarer Anblick gewesen, als er sich aufzurichten versuchte. Das würde sie nie mehr vergessen.“

Sturz aus dem Paradies

Als langjähriger Goethe-Kenner baut Walser auch kompositorische Bezüge ein und inszeniert ein Spiel mit Spiegelfiguren. Als der alte Dr. Rehbein sich mit einer sehr viel jüngeren Frau verlobt, nimmt Goethe das als Ermutigung und lässt den Großherzog für sich werben; Mutter Levetzow weiß sich mit einer diplomatischen Note aus der Affäre zu ziehen. Gegen Ende des Romans wiederholt sich die Konstellation, diesmal eindeutig als Farce: Als er hört, der fünf Jahre ältere Knebel heirate eine junge Frau, ist Goethe fassungslos – doch es war nur seine Projektion, nicht Vater Knebel, dessen Sohn ist der Bräutigam.
Ein liebendes Herz mag leicht kurzsichtig sein, die Austreibung der Obsession mit ritualhaften
Befreiungsschlägen, die Goethe in der Schlussszene mit der Entfernung und Vernichtung von Erinnerungsstücken versucht, ist selten erfolgreich. Also bastelt Goethe an einem anderen Tröstungsversuch: „Du sollst nicht lieben“, so habe das erste Gebot gelautet, das der vom Aufstieg ermüdete Moses am Berg Sinai nur überhört habe. Es wird nicht helfen, denn: „Nichts macht so arm, wie eine Liebe, die nicht glückt.“ Nicht einmal, dass Walsers Goethe an einem Roman mit dem Titel „Ein liebender Mann“ schreibt, wird etwas ändern, denn schon über seine Elegie schrieb er an Ulrike: „Zum ersten Mal hilft es nicht, geschrieben zu haben.“ Dennoch, der Roman liegt vor und man kann, wie bei Schuberts „Winterreise“, in einer Endlosschleife immer wieder von vorne mit der Lektüre beginnen.

Ein liebender Mann
Roman von Martin Walser
Rowohlt Verlag, Reinbek 2008
284 Seiten, geb., € 20,50
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