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Baggersee - 16/2008

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Abgesoffen im Baggersee
Der Ungar Gergely Péterfy, in seiner Heimat bereits mit großen Literaturpreisen ausgezeichnet, ist im deutschen Sprachraum angekommen:mit einem Kammerstück des Grotesken, gewaschen mit allen Wassern der Erzählkunst.
Von Cornelius Hell

Sie kommen her, um im Wasser zu ersticken, sagt der Wächter. Sie glauben, sie kämen zum Baden, weil sie nicht wissen, dass sie zum Ersticken kommen.“ Schon die ersten beiden Sätze machen klar: Der ungarische Autor Gergely Péterfy erzählt in seinem ersten ins Deutsche übersetzten Buch nicht nur von einem Baggersee als hinlänglich bekanntem illegalem Eingriff in die Landschaft, sondern von einem modellhaften Zentrum des Scheiterns: des Scheiterns von Lebensgeschichten, aber auch des Scheiterns ihrer Erzählbarkeit, denn die immer skurriler werdenden Geschichten brechen einfach ab, oft mitten im Wort. Der Erzähler lässt sie den Wächter erzählen, aber so, dass man es nicht immer gleich bemerkt in dem raffinierten Spiel von gelegentlich sich überschneidender direkter und indirekter Rede.
Erzählt wird natürlich von Figuren des Scheiterns: vom alten Hobbyangler Kálmán etwa, den es drängt, endlich die Witwe Katalin Vadász zu besuchen, der sich aber dabei in so vielen Details (und nicht wenig Alkohol) verheddert, dass er schließlich auf und davon läuft. Oder vom narbigen Anti, der als „Familienvater auf Freigang“ an den See gekommen ist und sich dann irgendwann in seiner Knochensammlung vergraben hat – bis er von einem Brief ohne Absender völlig irritiert ist. Dann ist da noch die böse Vera, die den Landschaftsmaler Ervin fasziniert hat; sie macht krumme Geschichten mit seinen Bildern und verzieht sich eines Tages, niemand weiß wohin. Und der Simulant János Trockenhand gehört ebenso zu diesem Personal wie die Wirtin Irma, die täglich einmal ihr Höschen auszieht, um sich zu lüften, und eines Tages eine Goldmünze darin findet.
Die schrägste Figur ist natürlich der Wächter selbst mit seinem Stofffetzen, mit dem er sich zum Wächter proklamiert hat. Eines Tages spielt er auf einem kaputten Kassettenrecorder ein kaputtes Band ab, dann macht er Aufnahmen von seinen eigenen Geräuschen, und am Ende mischt er das alles, bis er nichts mehr versteht und sich in den Geräuschen verliert. Dass er noch immer fremd ist am Baggersee, stellt für den Wächter geradezu eine Befriedigung dar, denn er hat sich nirgends so schlecht gefühlt wie daheim; und um das zu untermauern, erzählt er von seinem ehemaligen Nachbarn, der sich „vierundzwanzig Stunden am Tag dem Genuss des Daheimseins hingeben“ konnte und aus dessen Fenster „Daheimgestank“ strömte. Seither kämpft der Wächter „systematisch gegen die Verdaheimgeruchisierung an“.
Am Ende bleibt nur die „Ars moriendi“, die alte Kunst des Sterbens. Sie wird exemplifiziert an einem Vogel, der in seinem Sterben auch die Erzählung mit sich reißt. Und das ist ein weiser Trick des mit allen Wassern der Erzähl- wie der Filmkunst gewaschenen Autors Péterfy, denn so entgeht er der tendenziell unendlichen Fortsetzbarkeit dieser Geschichten, und „Baggersee“ bleibt, was es ist: ein Kammerstück des Grotesken, ebenso detailgenau wie modellhaft-abstrakt – ohne dass die Erzählung überfrachtet würde durch das Bemühen, gleich ein Weltmodell zu konstruieren.

BAGGERSEE
Roman von Gergely Péterfy
Aus dem Ungarischen von Agnes Relle
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2008
144 Seiten, geb., € 16,40
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