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Das wilde Leben der Boheme - 10/2007

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Der Herr mit dem Zwicker
In seinen Tagebüchern offenbart sich Oscar A. H. Schmitz als rastloser Reisender mit vielen Affären und geringer Wahrnehmungsfähigkeit.
Von Evelyne Polt-Heinzl

Vier Seiten umfasst die Bibliographie der Stücke, Novellen und kulturhistorischen Schriften, die der Herausgeber Wolfgang Martynkewicz im Anhang zusammenstellt – trotzdem ist Oscar A. H. Schmitz heute als Autor wohl kaum bekannt, allenfalls als Figur, die im Leben Gustav Meyrinks und Alfred Kubins eine gewisse Rolle gespielt hat. Beide kommen auch vor: Schmitz’ Schwester Hedwig heiratet Kubin, und Meyrink, damals noch Gustav Meyer, lernt Schmitz 1900 in München kennen und motiviert ihn, seine Geschichten an den Simplicissimus zu schicken.
Mehr erfährt man nicht, und so bleibt es auch bei all den anderen berühmten (Wolfskehl, George, Strindberg, Munch …) oder auch halbberühmten Zeitgenossen, denen der rastlos Reisende begegnet, sei es in München, Berlin oder Paris, wo sich Schmitz immer wieder aufhält.

Nichts gesehen
Dieser Mann hat nichts gesehen und sehen wollen, nichts von der Zeit, nichts vom Alltag, nichts von den Menschen. Jahrelang ist er mit dem Flaneur Franz Hessel befreundet, lebt sogar mit ihm zusammen, und trotzdem weiß man nach der Lektüre der quälend ausufernden Tagebuchaufzeichnungen absolut nicht mehr über diese schillernde Figur – außer dass sich Hessel in Paris eine Geschlechtskrankheit geholt hat und die folgende Quecksilberbehandlung schlecht vertrug.
Beides verwundert wenig; auch bei Schmitz’ Reisetätigkeit spielt die Visitation der örtlichen Bordelle eine herausragende Rolle. Gleich zu Beginn erfahren wir das erschöpfende Urteil über Trient: Es hat „ziemlich klägliche Lupanare“. Als er dies 1897 niederschrieb, war er freilich erst 24 Jahre und gerade aufgebrochen, seiner bürgerlichen Herkunft zu entkommen, aber die Ton- und Interessenlage ändert sich bis ins Jahr 1906 kaum.

Systematisieren, typisieren
Oscar A. H. Schmitz wurde 1873 in Bad Homburg geboren als Sohn eines Eisenbahndirektors; da der Vater bereits 1895 stirbt, kann Schmitz das Leben des Gründerzeiterben fortan ohne väterliche Einmischung und wohl abgesichert genießen. Ein Boheme-Leben wird deshalb noch lange nicht daraus. Tucholsky nannte ihn „den Typus des Philosophen mit Bad und allem Komfort“, und Franziska von Reventlow porträtiert Schmitz in ihrem Schwabing-Roman als „der Herr mit dem Zwicker, der sich in eine Toga hüllt und trotzdem aussieht, als ob er eigentlich in den Frack gehörte.“
Schmitz weiß darum und beschwört sich selbst immer wieder, mehr Spontaneität in sein Leben zu bringen, doch sein Hang, alles zu systematisieren und – oft reichlich schräg – zu „typisieren“ ist stärker. Mit großer Akribie hakt er die erledigten Reiseziele und Sehenswürdigkeiten ab, ohne je mehr als Banalitäten über die Eindrücke niederzuschreiben, die ihm die Städte, Landschaften, Kunstwerke gemacht haben. Nur die Frauen – die prinzipiell in die Kategorien Offiziersgeschmack oder Künstlergeschmack zerfallen – studiert er in ihren regional typischen Ausformungen unermüdlich. Die Pariserin zum Beispiel hat er nach drei Wochen entschlüsselt: „Die Pariserin ist ganz naiv in ihrer Leerheit.“ Weshalb die französischen Kokotten ganz anders, aber nicht unbedingt besser sind als die englischen oder italienischen, wird über die Jahre immer wieder aufgerollt. Das hat zu tun mit offensichtlichen Potenzproblemen. Es müssen in jedem Fall „liebe Geschöpfchen“ sein, oder sie punkten wie das Tillergirl Irene so: „das Bisschen, was sie ist, ist sie ganz“. Dann funktioniert’s offenbar einigermaßen. So wählt er auch seine beiden Ehepartnerinnen aus, jede auf ihre Art ein „Notbehelf“. Von den Frauen der Szene hält er sich erotisch fern; an Grete Gulbransson stören ihn die vielen „Übertriebenheiten und Zerfahrenheiten“ (er hat „niemals auch nur einen Finger von mir angerührt“, ist in ihrem Tagebuch im März 1905 zu lesen), Lou Andreas-Salomé hat „diese verfeinerte innige Geistigkeit, die aber auf die Spitze getrieben ist“, und auch seine „erotischen Möglichkeiten“ mit der Gräfin Reventlow waren „in einem flüchtigen Augenblick erschöpft … als Weib kann sie mir nichts sein.“

Affärchen und Ehen
Was bleibt ist eine lange Kette von Affären und Affärchen, zwei kurze Ehen und lange Ehescheidungskämpfe, in den späteren Jahren vermehrt auch nicht uninteressante Traumprotokolle – als Rohstoff für seine Novellen mögen
diese Tagebuchaufzeichnungen für den Autor durchaus nützlich gewesen sein. Hundert Jahre später wäre man mehr an Zeitstimmung und weniger an Wehleidigkeit und Repetition interessiert. Gemessen an der Akribie und Luxuriosität, die Herausgeber und Verlag diesem Band angedeihen ließen, ist mit einem Folgeband wohl zu rechnen; vielleicht gelingt es Schmitz in reiferen Jahren dann, all die Berühmtheiten nicht nur aufzuzählen, mit denen er seine Abende verplaudert.

Aufgezählte Berühmtheiten
Gegen Ende dieses Bandes, im November 1906, steht immerhin folgende kurze Miniatur: „Herwarth Walden, Vorsitzender des Vereins für Kunst, in violetter Sammetweste, schwarzem Sammetrock mit Fransen, gelbgestreifter Lavallière, zurückgestrichenen Borsten wie ein Stachelschwein, zwei Zwicker übereinander; in ein Glas hat sich ein langes schuppenbesetztes Haar eingeklemmt, das über seiner Nase wackelt. Schlecht rasiertes scharfes Vogelgesicht und schmutzige Nägel; das ist Else Lasker-Schülers Mann.“
Auch wenn solche Porträts vielleicht genauso viel aussagen über den Porträtierenden wie über den Porträtierten – man möchte doch auf mehr davon hoffen. Die abschließende Silvesternacht 1906 mit irgendeiner Mary, eine „tolle, etwas zigeunerhafte Brünette“, lässt eher das Gegenteil befürchten. An diesem ersten Band bleibt das Interessanteste der umfangreiche Anmerkungsapparat, der einiges davon liefert, was Schmitz dem Leser schuldig bleibt.


DAS WILDE LEBEN DER BOHEME
Tagebücher von Oscar A. H. Schmitz Band 1: 1896 – 1906
Hrsg. von Wolfgang Martynkewicz
Aufbau Verlag, Berlin 2006
540 Seiten, geb., m. Abb., € 59,70
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