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Das Walnusshaus -20/2008

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Welcher Staat hat schon ein gutes Ende?
Ein Rundgemälde mitteleuropäischer Geschichte und ein Fest des Erzählens: Miljenko Jergovi´c’ Roman „Das Walnusshaus“.

Von Daniela Strigl

Im Jahr 1879 wird Rafo Sikiri´c als jüngstes von zwölf Kindern in Trebinje geboren. Aus dem ganzen Kaiserreich kommen Ärzte, um das medizinische Wunderkind zu bestaunen, denn seine Mutter ist fast zweiundsechzig Jahre alt: „Rafos Geburt ist der zweite herzegowinische Beitrag zur Medizin der Monarchie. Der erste und bedeutsamere war die endemische Syphilis.“ Der Kaiser höchstselbst übernimmt die Patenschaft für den kleinen Rafo, das heißt: eine Rente bis zum Ende einer selbstgewählten Ausbildung. Der Bub kommt nach Sarajewo ins Gymnasium, doch die Bürde der kaiserlichen Auszeichnung wird ihm bald zu schwer. In den Ferien versucht er, sich in einem Zwetschkenbaum zu erhängen.
Diesen armen, in mancherlei Hinsicht vom Leben überforderten Knaben macht Miljenko Jergovi´c zum Stammherrn jener Familie, deren Schicksal er in seinem großen Roman über gut 120 Jahre verfolgt: fürwahr ein Jahrhundertroman, auch, was seinen literarischen Rang angeht, ein Rundgemälde mitteleuropäischer Geschichte und zugleich ein Fest des Erzählens. Ein Jahr vor Rafos Geburt war Bosnien-Herzegowina, das formell nach wie vor dem türkischen Sultan unterstand, unter österreichisch-ungarische Verwaltung gestellt worden. Damals, so meint der Erzähler, war das böse Ende nicht absehbar, freilich: „welcher Staat hat schon ein gutes Ende gefunden?“ Alle Gemeinwesen würden „in Blut geboren“ und „sterben im Bewusstsein, sinnlos geboren worden zu sein. In dieser banalen, jeder göttlichen Absicht baren Wiederholung des immer gleichen Schicksals von Staaten spielt sich das kleine menschliche Leben ab.“

Eindrückliche Gestalten

Rafo Sikiri´c ist nur eine von vielen eindrücklichen Gestalten, an denen der Autor dieses geschichtsphilosophische Credo exemplifiziert. Rafo lässt sich an der Adria nieder, in Dubrovnik, und gründet wider Erwarten eine Familie, die sich damit abfinden muss, dass ihr Oberhaupt kein Mann nach Balkanart ist und täglich Stunden mit dem Ordnen von Nägeln zubringt. In seinem Autismus findet er einzig zu seiner Tochter Regina Zugang, der Hauptfigur des Romans: Sie kommt 1905 zur Welt und erhält von ihrem Großvater, Rafos Schwiegervater, ein besonderes Geschenk, das dieser Monate vor der Geburt bei einem berühmten Schnitzer bestellt hat: ein Miniaturhaus aus Walnussholz, ein (geschlechtsneutrales) Spielzeug, zugleich ein Modell zukünftigen Wohnens: so wie man sich um die Jahrhundertwende das Leben fünfzig Jahre später vorstellte.
All das erfährt man aber erst gegen Ende des Buches. Die Geschichte beginnt mit Reginas Tod im Jahr 2002 und schreitet im Krebsgang zurück. Regina stirbt mit 97 Jahren im Krankenhaus, keineswegs friedlich – ein junger Arzt gibt der Tobenden eine tödliche Spritze. Nicht nur ihre Tochter Diana atmet auf.
Indem Jergovi´c das Pferd der Geschichte von hinten aufzäumt, unterläuft er die Vorstellung vom Erzählen als der Mimikry einer zwingenden Kausalität. Geschichte fällt den Menschen zu, das Komische und Bizarre passiert neben dem Tragischen. Jergovi´c erzählt Merkwürdiges aus Titos Jugoslawien, einem kommunistischen Staat, in dem eine Trauergesellschaft die Hälfte des Schnapses auf den Hotelteppichboden gießt, für die toten Seelen, und in dem ein Gemeindebediensteter auf Wunsch der Hinterbliebenen für die Zeit der Trauer den Fernseher „versiegelt“.

Schaurig unterkühlt

Vom letzten Bürgerkrieg ist kaum die Rede in „Das Walnusshaus“. Die ethnische Zugehörigkeit seiner Figuren interessiert den Autor weniger als alles andere: Familie, Liebe, Gewalt, Zufall, Krankheit, Wahnsinn, Tod. Hinter der Maske des Amoralischen bewahrt Miljenko Jergovi´c seine Souveränität als Erzähler. Wie der Serbe Aleksandar Tišma erzählt der gebürtige Bosnier, der heute in Kroatien lebt, von dem, was Menschen einander antun, mit schauriger Unterkühltheit.
Im Zweiten Weltkrieg hat es einen jeden von Reginas Brüdern auf eine andere Seite verschlagen, einen zu den faschistischen Ustascha, einen zu den königstreuen Tschetniks, einen zu den Partisanen, und alle blickten sie tief in das balkanische Herz der Finsternis, erlebten die „mystische Erfahrung von Blut und Morden“. Wie brave Bürger zu Mördern werden, das fragt sich auch Samuel F. Klein 1942 auf dem Dachboden des Gymnasiums von Banja Luka. Er selbst war einst, im Überschwang der jugoslawischen Staatsgründung, auf die Idee verfallen, die streunenden Hunde von Sušak auszurotten: „Der Patriotismus läuft wie Honig vom silbernen Löffel und sucht Blut, mit dem er sich vermischen kann. Hundeblut oder Menschenblut, das hängt mehr von der Natur des neugeborenen Staates ab als von der Seele derjenigen, aus denen der Patriotismus fließt.“
Das mag klingen, als hätte jede Figur in diesem Panorama eine repräsentative Funktion. Aber Jergovi´c hat derlei nicht nötig. Er hat seinen Roman zwar komponiert, aber nicht am Reißbrett entworfen. Vielmehr pfeift er auf so etwas wie Erzählökonomie und frönt mit Lust dem Überflüssigen. Der Leser verzeiht ihm alles. Wegen der hinreißenden Gestalten, der Dialoge, die ganze Lebensgeschichten enthalten, der eindrücklichen Szenen: die kleine Diana, die im Sturm durch Dubrovnik läuft und ihre Hände nicht aus den Haaren bekommt, weil ihre Mutter sie für das trotzige Büschelausreißen mit dem Einsatz von Superkleber bestraft hat. Rafos älterer Bruder, der an einem Angelhaken in seiner Wange auf allen Vieren durch die Stadt geschleift und gezwungen wird, das Grab eines von ihm Geschmähten abzulecken. Oder, grauenhaft und atemberaubend: die Abschlachtung einer Zigeunerkapelle durch die Ustascha.

Sinnlich erzählt

Jergovi´c ist ein sinnlicher Erzähler, einer, der in Bildern denkt, wie die Schneiderin Mina, die in der Stadt als verrückt gilt, weil ihr Kopf voll davon ist: „Laken und Drachen, Riesenoktopusse, die sie einmal auf dem Fischmarkt gesehen hatte, (…) der Ameisenbau im stillgelegten Kamin einer Patriziervilla, die als Museum genutzt wurde, Blumentöpfe mit Tagetes am Fenster der vornehmen Musliminnen und Männer mit Fez, die unter dem Tagetes-Fenster vorbeigehen, (…) der sonnenbeschienene Velež an einem stillen Sommertag, während am Gipfel ein Gewitter wütet und Blitze schleudert, Allahs Steinbrüche, Sardellen, die die Augen öffnen und schließen und auf das Messer warten, das sie schuppt, das Salz mit ihren letzten Fischgedanken, die Qualen der gesalzenen Fischleiber, ihre sündigen Seelen, christliche Heilige, gefangen in Fischernetzen, Kruzifixe aus Kiefernzweigen, Kissen, die im Fenster von einem, der gestern gestorben ist, lüften, Meer, schwarz wie Teer.“
Immer wechselt die Erzählung von Dubrovnik nach Sarajewo, vom Meer zu den Bergen, von den Bosniern, die gerne daheim sind, weil sie ihre Häuser in luftiger Entfernung von den Nachbarn gebaut haben, zu den Dalmatinern, die sich gegenseitig so auf den Leib gerückt sind, dass ihnen nur die Flucht aufs Wasser bleibt. Zur See fuhr auch Reginas Mann Ivo, dessen Tod seine Witwe vor allem deshalb ins Unglück stürzt, weil sie erfährt, dass er in Amerika eine zweite Frau hatte.
Brigitte Döberts Übersetzung ist vorzüglich. Das Lektorat hätte allerdings einen kakanisch versierten Konsulenten hinzuziehen sollen, der weiß, dass man den Fallwind „Bora“ nennt, nicht „Bura“, und dass es weder der Gulasch heißt noch der Palatschinken – ebenso wenig wie der Plebs.

Das Walnusshaus
Roman von Miljenko Jergovic Deutsch von Brigitte Döbert
Verlag Schöffling & Co., Frankfurt 2008. 613 Seiten, geb., € 25,60
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