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Balthasar - 20/2008

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Atmen und Lachen nicht vergessen

Der „polnische Ionesco“, Sławomir Mro˙zek, gab auch zermürbende Erfahrungen der Lächerlichkeit preis. Als „Balthasar“ schrieb er seine Lebenserinnerungen auf.

Von Oliver vom Hove

Eine bizarre Jugenderinnerung an das Krakau unmittelbar nach dem Krieg. Dann die stalinistische Erstarrung, ablesbar an der Zerrissenheit des jungen Journalisten zwischen sinnloser Pflicht und vermutlich ebenso sinnloser Eifersucht. Und dazwischen der Zweifel und das Staunen über das offenkundig verschwundene kommunistische Ungeheuer: In diesem Spannungsfeld muss man sich das Leben und die Gedankenwelt von Sławomir Mro˙zek, des neben Stanisław Lem erfolgreichsten polnischen Schriftstellers der Nachkriegszeit, vorstellen.
Er wurde bekannt als der Meister der Groteske und als der politisch wirksamste Vertreter des absurden Theaters, vor allem von Ende der fünfziger und bis in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Aber was heißt das, „Groteske“ und „absurdes Theater“, angesichts einer Wirklichkeit, die jedem, der sie mit wachen Sinnen in dieser Zeit in Polen erlebte, verzerrt und aus den Fugen erscheinen musste?

Satirische Entlarvung

Sławomir Mro˙zek, der 1930 nahe Krakau geboren wurde, war einst Karikaturist und hatte an der Hochschule für Bildende Kunst in Krakau studiert. Die satirische Entlarvung und der groteske Blick auf nicht nur gesellschaftliche, sondern ganz allgemeine menschliche Verhaltensweisen waren ihm also schon als künstlerisches Ausdrucksmittel, als überlieferte Form gewissermaßen, vertraut. Außerdem gab es in der polnischen Literatur ja auch das große Vorbild Witold Gombrówicz, und der wiederum hatte schon eine lange literarische Ahnenreihe von auf das Groteske geeichten Autoren.
Indes, was Mro˙zek in seiner Reifezeit an gesellschaftlichen Missständen, an entgleisten Lebensumständen in Polen vorfand, genügte vollauf als Zunder
für eine satirische Phantasie vom Schlag Mro˙zeks. Neben den frühen Kurz- und Kürzesterzählungen des Bandes „Der Elefant“ entstanden damals vor allem die hochpolitischen Einakter „Auf hoher See“, „Karol“ und „Striptease“ sowie das Drama „Polizei“, die international Furore gemacht haben. Seither war Sławomir Mro˙zek ein arrivierter, selbst in seinem Land – zumindest bis 1968 – unangefochtener Autor, der, wie er es beispielsweise in der Parabel „Als der Reisende…“ geschildert hat, ab 1963 nicht ganz freiwillig auf Reisen ging: Italien, Paris, schließlich Mexiko. Nach 1968 war er, für lange Zeit, exterritorialisiert: mit französischem Pass, weltläufig ohnedies schon seit langem.
Es waren Flüchtlingsjahre, deren zermürbende Erfahrungen er zum einen im Drama „Emigranten“
(1975) auf seine unverkennbare Art dem Lächerlichen preisgegeben hat, zum andern in seinem wohl hellsichtigsten Stück „Der Botschafter“ in ihrer Tragik ausgeleuchtet hat: Darin wird die absurd wahre Situation eines Botschafters ausgedacht, dem sein Land abhandengekommen ist. Drangsaliert vom Gastgeberstaat wegen eines Dissidenten, dem er Asyl gewährt hat, sitzt er am Ende allein auf seiner Botschaftsinsel: das Individuum, isoliert von seiner Geschichte.

Aufklärerische Absicht

Mro˙zek hat immer wieder betont, dass seine szenischen oder erzählerischen Erfindungen Parabeln für allgemeine menschliche Erfahrungen seien, aber natürlich war ihr Erfahrungsboden polnisch. So zum Beispiel in seinem berühmtesten, noch immer gespielten Bühnenstück „Tango“ (1964), in dem die Jungen gegen die revolutionären Eltern rebellieren, indem sie schlichtweg zur bürgerlichen Norm zurückkehren. Indes, der traditionelle Heiratsantrag, den der Sohn Arthur seiner Kusine Ala macht, wird durch ihr Geständnis zunichte, sie habe ihn mit dem brutalen „Volksvertreter“ Edek betrogen. Der greift prompt zur blanken Gewalt, ermordet Arthur und kujoniert die Familie. Am Ende feiern die reaktionären Kräfte ihren erbärmlichen Sieg, indem sie über die Verhältnisse hinweg den Tango des rohen Triumphs tanzen.
Nahezu 40 Theaterstücke und ein paar hundert Erzählungen hat Mro˙zek verfasst. Darin hat er sich nicht ausschließlich, doch oft subtil gleichnishaft mit der jüngeren Geschichte Polens auseinandergesetzt. Wie vertrackt sich diese im Rückblick darstellt, ist etwa in dem Drama „Das Porträt“ nachzuerleben, in dem sich der kommunistische Denunziant Bartodiej und sein einstiges Opfer Anatol vor der Aufklärung suchenden Psychiaterin wechselweise beschuldigen. Die zur prägnanten absurden Form geronnenen Erfahrungen mit totalitären Systemen, an der sich heutige Bühnenautoren wie beispielsweise der Bulgare Dimitré Dinev oder die Serbin Biljana Srbljanovi´c abzuarbeiten versuchen – die wünscht man ihnen zuweilen durch einen Lehrmeister wie Sławomir Mro˙zek nahegebracht.
In seinen ganz schlanken, gleichsam wie mit einem Stilett auf die satirische Pointe zugespitzten Erzählungen besteht Mro˙zeks Eigenart wohl darin, dass er einer bestimmten Denklogik, die er in der Wirklichkeit vorfindet, so erbarmungslos konsequent folgt, dass sich dabei ihre Unmenschlichkeit, ihre maßlose Lebensentfremdung und Unnatürlichkeit demaskiert. Dabei ist natürlich eine grundlegende aufklärerische Absicht im Spiel: Haltet ein, sagt der Satiriker, nehmt euch nicht so monströs wichtig, blickt skeptisch auf eure Grundsätze, nehmt aber die Verhältnisse so todernst, wie sie zuweilen sind.
Vor sechs Jahren erlitt Sławomir Mro˙zek einen Gehirnschlag, der eine Aphasie auslöste: Verlust, sich der Sprache zu bedienen, Auslöschung auch aller gelernten Fremdsprachen. Mühsam hat sich der Autor, wieder in Krakau wohnhaft, seine Sprache zurückerobert und damit gleichsam eine neue Identität, der er den Namen Balthasar gab. So ist auch seine Autobiografie betitelt, die zu schreiben er als einen Teil der Therapie in Angriff nahm.
Unverkennbar dokumentieren diese „Hansaplast“-Erinnerungen – Hansaplast war, wie Mro˙zek schreibt, „ein Wort, das damals oft benutzt wurde“ – eine veränderte Persönlichkeit. „An Freiheit gewöhnt und bei vollen Kräften, konnte ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Polen meine Bestimmung war. Jetzt aber kann ich nur auf Polnisch sprechen und schreiben – und fühle mich dabei so erleichtert wie jemand, der nach einer langen Wanderung heimgekehrt ist.“ Bei seinem Weggang, Jahrzehnte vorher, hieß es noch: „Es erschien mir hoffnungslos, dass ich immer in Polen bleiben und Polens Sklavenschicksal teilen sollte.“ In naivem Plauderton kommen diese Erinnerungen daher, die just bis zu Mro˙zeks Absprung in den Westen, 1963, reichen – und die ganze Emigrationszeit samt den nachhaltigen Erfolgen als Schriftsteller dann auf zwei Druckseiten zusammenraffen. Ein wenig gleichen sie dem, was Mro˙zek über seinen Vater schreibt: „Gegen Ende seines Lebens kam ihm alles wie ein von guten Zwergen erzähltes Märchen vor.“
Einen „polnischen Ionesco“ hat man einst Mro˙zek genannt, dabei war er viel mehr: Ein von Erfahrung belehrter, dem Schrecken Entkommener, der auf der Flucht nicht nur das Atmen, sondern auch das Lachen nicht vergessen hat. Das war sehr viel, seinerzeit – und kann, angesichts des Flüchtlingselend um uns, für die Betroffenen noch immer sehr viel bedeuten.

Balthasar
Autobiografie von Sławomir Mro˙zek Aus dem Poln. von Marta Kijowska
Diogenes Verlag, Zürich 2007
284 Seiten, geb., € 23,60
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  16:01:10 07.16.2005