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Annemarie Schwarzenbach - 21/2008

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Prinzip: Gefährlich leben
Annemarie Schwarzenbach wurde nur 34 Jahre alt, heute sind zwölf Werke von ihr greifbar. Vor 100 Jahren wurde sie geboren.

Von Sylvia M. Patsch

Vor 100 Jahren wurde die Schweizerin Annemarie Schwarzenbach geboren. Mit 34 Jahren war sie tot. Ein schriftstellerisches Werk von damals noch unbekanntem Umfang ging in den Kriegswirren unter. Ihr Name tauchte jedoch in den seltsamsten Zusammenhängen auf: Die Amerikanerin Carson
McCullers widmete ihr einen Roman; Thomas Mann beschrieb sie in seinen Tagebüchern, ebenso sein Sohn Klaus Mann.
Heute sind zwölf Werke von Annemarie Schwarzenbach greifbar; sie wurde zum Gegenstand von zwei Biografien, zwei biografischen Romanen und einem Dokumentarfilm, und soeben hat ihre Übersetzerin ins Französische, Dominique Laure Miermont, eine neue große Biografie vorgelegt: „Annemarie Schwarzenbach. Eine beflügelte Ungeduld“.

Fürchterliche Freiheit
„Ich erhielt das Geschenk einer fürchterlichen Freiheit“: So fasste Annemarie Schwarzenbach ihre Tragödie zusammen. Die Tochter eines der reichsten Industriellen der Schweiz, mütterlicherseits mit dem preußischen Kanzler Bismarck verwandt, musikalisch so begabt, dass ihr eine Konzert-Pianistenlaufbahn offenstand, hatte in geistiger wie materieller Hinsicht eine Spitzen-Ausgangssituation. Mit 23 Jahren promovierte sie in Geschichte und floh, finanziell bestens gepolstert, mit dem eigenen Auto aus der „hemmungsreichen, in Wohlleben und Nichtigkeit verkommenen Stadt Zürich“ nach Berlin. Die Fotos in der Biografie zeigen eine verwirrend schöne junge Frau, die auch ein junger Mann sein könnte. Nicht nur äußerlich ein androgyner Typ, fühlte sie sich stärker zu Frauen als zu Männern hingezogen, geriet in Berlin in den Kreis der Thomas Mann-Kinder Klaus und Erika und wurde von ihnen zum Drogenkonsum verführt. Sie rutschte sofort in die Morphium-Abhängigkeit. Entziehungskuren, Wutanfälle, ja sogar ein Mordversuch an einer Freundin folgten; sie starb laut ihrer Biografin an einer toxischen Enzephalitis, also einer Gehirnerkrankung im Zusammenhang mit dem jahrelangen Drogenmissbrauch.
Dieser dunklen Seite steht eine andere gegenüber: Von früher Jugend an schreibt sie. Und ist politisch wach. Als reiche Schweizerin könnte sie sich in Sicherheit wiegen, doch ist ihr schon Anfang der dreißiger Jahre die Gefahr, die von Hitler ausgeht, klar vor Augen. Sie engagiert sich in Artikeln gegen die Nationalsozialisten – und entzweit sich dadurch mit ihrer Familie. Ebenso klar sieht sie die Gefahren des Kommunismus, als sie mit Klaus Mann 1934 am ersten sowjetischen Schriftstellerkongress teilnimmt. Europa verlassen, das scheint der Ausweg.

Reisen und Reportagen
Annemarie Schwarzenbach beginnt ein Reiseleben, fährt zweimal nach Persien, heiratet dort einen französischen Diplomaten, verlässt ihn, schreibt aus den USA Reportagen über die Lage der Arbeiter in den Baumwollplantagen des Südens und dem Industriegebiet von Pittsburgh. Allmählich wird sie von Schweizer Zeitungen nicht mehr nur als beschäftigungsuchende reiche Erbin gesehen, sondern in ihren journalistischen Fähigkeiten ernst genommen. 1939 ist sie 12 Wochen lang, nur in Begleitung einer Fotojournalistin, von der Schweiz bis nach Afghanistan am Steuer ihres Autos unterwegs. Im Rückblick zeigt sich, dass sie weltweit noch heute bestehende Krisenherde erkannte und soziale Probleme ins Bewusstsein rückte: Nicht nur in den USA, in Afghanistan und im Iran. Ihre letzte große Reise als Journalistin führte sie in den Kongo, dorthin, wo Joseph Conrad vor ihr das „Herz der Finsternis“ fand.
300 Reportagen erschienen zu ihren Lebzeiten und sieben Bücher. Inzwischen gibt es ein Dutzend, denn ihr Nachlass erwies sich trotz rigoroser Säuberungen ihrer herrischen Mutter und ihrer Großmutter als reich und vielfältig. Am Ende ihres Lebens fand sie zu einem neuen, poetischen Schreiben. Die Beispiele in der Biografie lassen
eine Dichterin der rauschhaften Bilder erkennen.
Allerdings stehen nun Plagiatsvorwürfe im Raum, die der Großneffe Alexis Schwarzenbach und die Rechtsanwältin Areti Georgiadou erheben, beide Schwarzenbach-
Biografen. Miermont hätte kopiert, vor allem aus Interviews mit Augenzeugen, deren Quellen sie nicht angibt. Nun geht der Verleger der Frage nach: haben die Interviewten allen dasselbe gesagt oder hat Miermont abgeschrieben?

Annemarie Schwarzenbach
Eine beflügelte Ungeduld
Biografie von Dominique Laure Miermont.
Aus dem Franz. von Susanne Wittek.
Ammann Verlag, Zürich, 2008
470 Seiten, geb., € 35,90
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