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Das Wochenende - 21/2008

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Verirrte Brüder und Schwestern
Bernhard Schlink hat mit „Das Wochenende“ einen spannenden deutschen Terroristenroman geschrieben.

Von Janko Ferk

Nur für einen erfahrenen, gebildeten und politisch bedachten oder begabten Schriftsteller ist es ratsam, sich in einer Textsorte wie dem deutschen Terroristenroman zu erweisen. Kein Zweifel, Bernhard Schlink besteht auf seine Art, und beweist, dass man nicht scheitern muss, wenn man sich diffiziler politischer Themen aus Europa annimmt.
Der Jurist und Autor Bernhard Schlink erzählt in seinem Roman „Das Wochenende“ über die ersten Tage eines amnestierten Terroristen in Freiheit. Nach vierundzwanzig Jahren Gefängnis öffnen sich für Jörg die Tore, die ihn von der Welt und Gesellschaft, die er mit Gewalt bekämpft hat, abgeschnitten haben. Christiane, seine ältere und fürsorgliche Schwester, richtet ihm nach der Freilassung ein Weekend mit einem Dutzend alter Freundinnen und Freunde in einer verfallenden Villa in Brandenburg ein. Gewissermaßen als Einschulung in die neue Freiheit. Reporter und Kameras bleiben durch einen Trick ausgespart.
Mit angenehmer und lesbarer Sprache wird auch der zeitgeschichtlich nicht unbedingt bedarfte Leser in die Geschichte eingeführt. Und Schlink macht es spannend. Von Anfang an ist zwar klar, was nun Sache ist, der Begriff RAF taucht aber erst auf Seite 59 zum ersten Mal auf, dann immer wieder, doch beileibe nicht inflationär.

Täter als Einzelperson
War bei der RAF das Kollektiv im Vordergrund, obwohl zum eigentlichen Täter naturgemäß der Einzelne wurde, so arbeitet Schlink im „Wochenende“ den Terroristen bewusst als Einzelperson heraus, ohne ihn konkret in Bezug zu anderen Terrorgrößen zu setzen.
Diese Einzelperson Jörg, der der Autor offensichtlich aus Kalkül Eigenschaften und Krankheiten zuschreibt, die die Empathie der Leserin und des Lesers nicht ungerührt lassen sollen, steht zwischen Beharren und Reue, wobei letztlich die vorgeschützte Abschwörung und das Gnadengesuch dem alternden, wenn nicht überhaupt alten Kämpfer den Rest des
Lebens in Freiheit ermöglichen sollen. Mit Begnadigung durch den Bundespräsidenten, Zimmer und Beruf.
Vor dem Einstieg in die Berliner Zivilisation treffen sich also alte Weggefährten, alle über fünfundfünfzig, mit Jörg. Aus vielen ist etwas geworden, wie man so sagt, beispielsweise Bischöfin, Dentallaborbetreiber, Rechtsanwalt oder Starjournalist.

Alte Weggefährten
Das Treffen könnte man auch Vergangenheitsbewältigung nennen und die Kommentare des Autors zwischen den Zeilen Philosophieren oder Fragenstellen: „Die Terroristen unsere verirrten Brüder und Schwestern?“
Was an einem solchen „Wochenende“ in der Jetztzeit nicht fehlen darf, ist die klassische Vater-Sohn-Abrechnung. Jörgs Sprössling, den der Vater lange nicht gesehen hat, steht plötzlich inmitten der alten Freundinnen und Freunde, zumal er sich als
unbekannter Kunstgeschichte-Student, der sich für alte Villen interessiert, gleichsam eingeschlichen hat. Seine Intention ist natürlich die Abrechnung. Eine Pflichtübung, die weniger gelungen ist, weil Rede und Widerrede, Frage und Antwort nicht authentisch klingen wollen. „Du bist zur Wahrheit und zur Trauer so unfähig, wie die Nazis es waren. Du bist keinen Deut besser …“

Suche nach Gerechtigkeit
Dort, wo sich Bernhard Schlink mit Aussagen, die in einem BRD-Terroristenroman zwangsläufig zu treffen sind, nicht identifizieren könnte, befleißigt er sich eines bewährten Kunstmittels. Von den Morden, vom „Schweinesystem“, über die „Scheißbullen“ und „Wirtschaftsärsche“ lässt er im Roman die Hobbyschriftstellerin Ilse schreiben, wobei hinter den kursiven Sätzen die Hand des Meisters deutlich hervorlugt.
Seinen Beruf kann Bernhard Schlink im „Wochenende“ nicht abstreifen. Irgendwie ist er auf der Suche nach Gerechtigkeit und vielleicht Sühne. Die Leserin und der Leser werden sie, jeweils dem eigenen Gerechtigkeitsgefühl entsprechend, finden.
Der Roman sollte verfilmt werden, nicht nur weil das Buch nach der Dramaturgie eines Films gebaut, sondern weil es spannend ist, wie selten ein politisch-historisches, das aus Deutschland kommt. Außerdem ist Bernhard Schlinks „Wochenende“ der beste Zeitgeschichte-Polit-…-Kriminal-Roman seit Frederick Forsyths „Akte Odessa“. Literarisch allerdings viel gelungener.

Das Wochenende
Roman von Bernhard Schlink
Diogenes Verlag, Zürich 2008
224 Seiten, Leinen, € 19,50
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