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Der Kosmopolit - 21/2008

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Permanente Transformationen
Warum es keinen Kampf der Kulturen gibt. Zwei Bücher zeigen: Identitäten sind in Bewegung, Integration ist möglich.

Von Herlinde Pauer-Studer

Die wesentlichen Probleme der Globalisierung liegen jenseits der Ökonomie. Weltumfassende Märkte funktionieren nicht ohne einen gewissen Konsens über normative Standards und Werte. Statt Übereinstimmung löst der von einem expansiven Neoliberalismus erzeugte Assimilierungsdruck gegenwärtig aber massive politisch-kulturelle Gegenbewegungen aus, die sich teils in offener Gewalt äußern.
Wie also sollen wir auf eine Welt reagieren, die sich auf wirtschaftlicher Ebene interdependenter als jemals zuvor präsentiert und in ihren kulturellen Praktiken und religiösen Überzeugungen so divergent und konfliktbegabt wie eh und je? Wie sollen wir mit dem Widerspruch zwischen der Berufung auf universell geltende Menschenrechte und dem global gesehen höchst eingeschränkten Zugang zu politischen Rechten, Arbeit, Gesundheitsversorgung und wirtschaftlicher Absicherung umgehen? Wie vertragen sich globale Migrationsbewegungen und nationalstaatliche Strukturen, die nolens volens auf die Identifikation und politische Partizipation der Bürgerinnen und Bürger angewiesen sind?

Wenn Religion tödlich ist

Die jüngsten Bücher von Amartya Sen und Kwame Anthony Appiah diskutieren diese Fragen auf höchst lehrreiche Weise. Beide Autoren sind durch ihren persönlichen Hintergrund mit ethnischen und weltanschaulichen Diversitäten bestens vertraut. Sen, der aus Indien stammende Philosoph und Nobelpreisträger der Ökonomie, hat als Elfjähriger die gewaltsamen Konflikte zwischen Muslimen und Hindus erlebt und nie vergessen, dass die einfache Tatsache der Religionszugehörigkeit für Menschen tödlich sein kann. Der in Princeton lehrende Philosoph Appiah, als Kind einer britischen Mutter und eines afrikanischen Vaters in Ghana aufgewachsen, kennt aus eigener Erfahrung die Möglichkeit positiv gelebter transkultureller Identität. Beide Autoren wissen aus ihren eigenen Lebensgeschichten, wie ungerecht, ja verhängnisvoll es ist, nach festgefügten ethnischen und religiösen Kategorien beurteilt zu werden.
Sen und Appiah unterschätzen keineswegs die gefährliche Brisanz der gegenwärtigen Konflikte im Umfeld des „Kriegs gegen den Terror“. Ziel beider Bücher ist die Analyse der Irrtümer, die zur Vertiefung und Verfestigung der Probleme beitragen. Folgende negative Faktoren spielen nach Sen und Appiah eine wesentliche Rolle: die Verwechslung von Relativismus und Toleranz, die Politisierung von Identität und religiöser Zugehörigkeit, historische Ignoranz und die Dramatisierung kultureller Differenz.

Identität wird politisiert

Appiah kritisiert scharf einen ethischen Subjektivismus, der universell gültige moralische Standards negiert und in wertbezogenen Kontroversen nicht Position beziehen will. In seiner Widerlegung eines Szientismus, dem jede Berufung auf normative Objektivität als metaphysische Unsinnigkeit gilt, geht er eigene Wege der Argumentation. Er zitiert die sozialen Praktiken seines Heimatlandes Ghana, in dem die Wahrnehmung der Welt immer auch eine normativer Fakten war.
Dies reduziert sich nach Appiah nicht auf simple Rückständigkeit eines bildhaften Bewusstseins, sondern entspringt einem moralischen Sinn für Gepflogenheiten, die in Form von Tabus Negativerscheinungen des sozialen Lebens unterbinden. Soziale Imagination vermag Konventionen zu schaffen, in denen sich das Gebot der Achtung vor anderen konkretisiert – etwa in dem Gebot der Freundlichkeit gegenüber Fremden. Die Sitten mögen kulturspezifisch sein, aber die dahinter stehenden moralischen Strukturen berühren allgemein geteilte Überzeugungen und Gründe. Appiah zeigt an vielen Beispielen, wie sich hinter dem Hinweis auf „Andersartigkeit“ oft eine herablassende, vielfach rassistische Haltung verbirgt.

Versteckter Rassismus
Auch Sen ist äußerst sensibel gegenüber kulturalistischen Relativierungen. Ein Multikulturalismus, der unkritisch alle sozialen Traditionen als a priori gleichwertig betrachtet, ist nicht seine Sache. Jemand, der wie Sen in seinen berühmten Untersuchungen zum Armutsproblem die manipulative Macht der Verinnerlichung von Ausgrenzung und Marginalisierung bei armen indischen Frauen studieren konnte, verliert nicht den kritischen Blick auf repressive Praktiken und Verhältnisse. Die Unterschiedlichkeit der Kulturen rechtfertigt nicht Missstände, Schaden, Leid und Rechtsverletzungen.
Sen hat in all seinen Arbeiten den Stellenwert der Autonomie in Form der Wahlfreiheit und der Freiheit, seine eigenen Vermögen und Fähigkeiten zu entwickeln, betont. Der autonomen Entscheidung gesteht er auch eine entscheidende Rolle bei der Identitätsbildung zu. Und genau in einer verkürzten und quasi-deterministischen Identitätszuschreibung sieht er eine der gravierenden Fehlleistungen des Westens im Umgang mit dem Islam.
Dass die Religionszugehörigkeit die Identität muslimischer Menschen bestimmt, scheint Sen mehr eine Fixierung des Westens denn ein konkret gelebtes Selbstverständnis. Die Religionszugehörigkeit allein definiert nicht Identität. Faktoren wie Geschlechtszugehörigkeit, Beruf, soziale Situierung, Sprache und Ethnizität sind nach Sen ebenso wichtig und formend. Identitäten sind, wie Sen an einem reichen Fundus historischer Beispiele belegt, keine unumstößlich vorgegebenen kulturellen, religiösen oder nationalen Parameter. Es gibt nach Sen keinen „Kampf der Kulturen“, da Kulturen keine geschlossenen und fest definierten Gebilde sind, sondern permanenten Transformationen unterliegen.

Kulturen sind in Bewegung

Sen ist alles andere als blind für die Gefahren des Terrors; er spricht sich aber vehement für die Trennung von politischer Kriminalität und religiöser Zugehörigkeit aus. Gerade die USA und einige europäische Länder laufen seiner Meinung nach Gefahr, die für sich genommen problematische, weil die Inhalte vielfach verzerrende Inanspruchnahme einer Religion für gewaltgeprägte Aktivitäten in ihren Reaktionen zu übernehmen und damit einen Zusammenhang zum Faktum zu stilisieren, den es real und legitimerweise so gar nicht gegeben hat. Anti-westliche und westliche Rhetorik treffen sich über karikierende Zuschreibungen im Zementieren von Vorurteilen, die sich politisch
desaströs auswirken.

Islam ist nicht Islam
Sen zeichnet ein höchst differenziertes Bild der muslimischen Welt: sie ist so phasenweise offen und geschlossen wie fast jede andere Religionsgemeinschaft. Historisch kennt der Islam, wie Sen mit Hinweis auf den indischen Mogulherrscher Akbar (1542–1605) argumentiert, durchaus Perioden der religiösen Toleranz und der philosophischen Aufklärung – und dies zu Zeiten, als im christlichen Abendland die Inquisition die Menschen das Fürchten lehrte.
An einem Punkt aber ist Sens Kritik sehr deutlich: Die Duldung indoktrinierender islamischer Religionsschulen in westlichen Demokratien im Rahmen eines sehr weit ausgelegten Rechts auf Redefreiheit scheint ihm falsch. Seine Einwände basieren einmal mehr auf seiner Konzeption von Freiheit. Sinn und Zweck einer Schulbildung ist die Erziehung zum eigenen Denken, die Ermöglichung der Entscheidung für oder gegen bestimmte Weltanschauungen, Religionen und politische Meinungen.
Manchen mag Sens Diagnose angesichts der derzeitigen veritablen Spannungen blauäugig scheinen. Die Grenzen zwischen Deeskalierung und Naivität mögen angesichts der vielfachen Unberechenbarkeit politischer Entwicklungen fließend sein. Doch gemessen an soliden zivilgesellschaftlichen Ressourcen, vor allem der normativen Kraft geteilter menschlicher Bedürftigkeiten und Verletzlichkeiten, scheint
eine gewisse Besonnenheit und Entspannung zielführender als die Beschwörung abendländischer Untergangsszenarien. Integration, das zeigen beide Bücher, läuft über Identifikation – und die Chancen dafür stehen schlecht, wenn Gesellschaften stereotype Identitätspolitik betreiben.

Die Autorin ist Professorin für Philosophie an der Uni Wien.

DIE IDENTITÄTSFALLE
Warum es keinen Krieg
der Kulturen gibt
Von Amartya Sen
207 Seiten, geb., € 20,50

DER KOSMOPOLIT
Philosophie des Weltbürgertums
Von Kwame A. Appiah
222 Seiten, geb., € 20,50

Beide: C.H. Beck Verlag,
München 2007
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