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Der Arzt von San Michele - 22/2007

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Letzter Privatier
Thomas Steinfeld über Axel Munthe und die „Kunst, dem Leben einen Sinn zu geben“.
Von Forian Braitenthaller

Wer auf Flohmärkten gern in Bücherkisten wühlt, kommt nicht umhin, immer wieder auf Axel Munthes Buch von San Michele (1929) zu stoßen. Jahrelang habe ich dieses Buch ignoriert, bis ich es eines Tages dann doch erwarb. Der Autor versteht es, mit seiner autobiografischen, anekdotenreichen Plauderei die Leser gut zu unterhalten.
Thomas Steinfeld hat jetzt unter dem Titel Der Arzt von San Michele die Geschichte von Axel Munthe neu beleuchtet. In kurzen, leserfreundlich gestalteten Kapiteln folgt er erzählerisch den Linien des Buches von San Michele, gibt wieder, was dort geschrieben steht, um es im nächsten Atemzug zu berichtigen und auf Unstimmigkeiten hinzuweisen. Steinfeld vermeidet Munthes beschwörenden, den Leser auf seine Seite ziehenden Stil, der Stimmungen erzeugt, er bleibt sachlich, den Tatsachen verpflichtet, distanziert. So entsteht allmählich eine Korrektur zu Munthes inszenierter Selbstdarstellung. Steinfeld dekonstruiert schrittweise die Masken des Axel Munthe, mit denen dieser in seinen Schriften ständig kokettiert. Munthes Buch von San Michele entpuppt sich in Steinfelds Arzt von San Michele schlussendlich als ein riesiges fiktionales Gespinst, als die monströse Konstruktion einer Biografie, die mit dem „wirklichen“ Leben seines Autors nur wenig zu tun hat.

Wer war Axel Munthe? 1857 in Schweden geboren, Erbauer eines Hauses auf Capri, das bis zum heutigen Tag Touristen aus aller Welt anzieht, Misanthrop und Tierliebhaber, ein Mode-Arzt für die Psyche der Reichen, eine mondäne Figur, die in Königshäusern speist, eine Berühmtheit seiner Zeit, Weltreisender und gleichzeitig Armen-Arzt in Paris, Rom, Neapel und auf Capri. Zudem war Munthe Autor von rührigen Zeitungsartikeln und eines Buches, das millionenfach verkauft wurde. Die Texte brachten ihm von Zeitgenossen wie August Strindberg und Virginia Woolf nur Verachtung und Spott ein. Thomas Steinfeld präsentiert Munthe vornehmlich als einen der letzten Vertreter einer im 20. Jahrhundert ausgestorbenen Spezies: als einen Privatier. „Der Privatier […] ist darauf verwiesen, ins Nichts einzugehen, aus der Geschichte zu verschwinden – und er weiß es und richtet sich durch Zeichen der Dauer darauf ein.“ Spät setzt sich Munthe mit über 70 Jahren halberblindet hin, um sein Buch von San Michele zu schreiben. Darin lässt er scheinbar sein ganzes Leben Revue passieren – in Wirklichkeit erschafft er sich damit ein neues „sinnvolles“ Leben, geradezu filmreif für Hollywood.
Für Steinfeld ist Axel Munthe „der Held eines selbstgeschriebenen und selbstgeschaffenen Lebensromans.“ Wie sehr es Munthe gelungen ist, sich selbst mit diesen beiden schon zu Lebzeiten ein Denkmal zu setzen, davon erzählt diese Biografie mit überraschenden neuen Details. Und zugleich wird das Umfeld einer Zeit beleuchtet, in der solche Lebenswege noch möglich waren.


Der Arzt von San Michele
Axel Munthe und die Kunst, dem Leben einen Sinn zu geben
Von Thomas Steinfeld
Carl Hanser Verlag, München 2007
256 Seiten, geb., € 22,10
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