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Der Jakubijan-Bau - 22/2007

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Haus Ägypten
Alaa al-Aswanis Roman „Der Jakubijan-Bau“ ist endlich auch auf Deutsch zu lesen.
Von Julia Kospach

Die arabische Welt leide an der Krankheit Diktatur, sagte Alaa al-Aswani vor Kurzem in einem Interview. Deren Symptome seien Ungerechtigkeit, Korruption, Armut und Fanatismus. Genau um diese Erscheinungen dreht sich auch al-Aswanis Roman Der Jakubijan-Bau. Dem 50-jährigen Ägypter, im Brotberuf Zahnarzt, gelang damit 2002 der literarische Durchbruch: Das hochpolitische Werk brachte es seither auf die für den arabischen Buchmarkt gigantische Verkaufszahl von 150.000, schaffte es auch in italienischer und französischer Übersetzung zum Bestseller und wurde schließlich in Starbesetzung und mit den höchsten Kosten, die je für eine ägyptische Kinoproduktion ausgegeben wurden, verfilmt und in Cannes, Berlin und New York gezeigt. Durch den Film wurde das Buch auch bei uns bekannt. Nun ist Der Jakubijan-Bau, der in Ägypten einerseits als Spiegel der modernen Gesellschaft gelobt wie andererseits als infames Zerrbild des Landes und des Islam kritisiert wurde, endlich auch auf Deutsch erschienen.
Das Buch erzählt von den Bewohnern eines real existierenden, großen Wohnhauses im klassisch-europäischen Stil, das ein armenischer Millionär 1934 im Zentrum Kairos erbauen ließ. Der nach ihm benannte Jakubijan-Bau ist auch das Gebäude, in dem al-Aswanis Vater, ein Jurist, sein Büro hatte und er selbst seine erste Praxis. Ursprünglich bewohnt von der westlich orientierten „Crème der ägyptischen Gesellschaft“, erlebte das Haus im Lauf der Jahrzehnte einen Wandel, wie ihn auch die ägyptische Gesellschaft als Gesamtheit vollzogen hat.
Oben auf dem Dach wohnen die Armen in Ein-Zimmer-Verschlägen wie im Dorf. Dort herrschen Enge, Tradition und Nachbarschaftskontrolle, aber auch mitunter -hilfe; ein lärmender, staubiger Mikrokosmos aus abends erschöpft an ihren Wasserpfeifen saugenden Taglöhnern, Türhütern, Handwerkern und Kleinhändlern mit ihren Frauen und Kindern. Buthaina al-Sajjid, älteste Tochter einer vaterlosen Familie, erfährt zum Beispiel, dass Armut für eine junge Frau vor allem sexuelle Übergriffe und Ausbeutung bedeutet, und der Student Taha al-Schasli lernt, dass er als Sohn eines Türhüters auch mit den besten Noten keine Chance hat, Polizeioffizier zu werden. Enttäuschung und Erfahrungen mit staatlicher Folter-Willkür treiben ihn in die Hände des erstarkenden islamistischen Terrors.
In den weitläufigen, großbürgerlichen Wohnungen lebt eine ganz andere Gesellschaft. Sie geben im sozialen Gefüge den Ton an, ihnen sind die anderen zu Diensten. Da ist der „verwöhnte Lustmolch“ Saki Bey al-Dassuki, ein harmloser, gutherziger Elegant Mitte 60 aus dem 1952 teilenteigneten ägyptischen Land-adel, der den müßiggängerischen, frankophilen Lebensstil seiner verarmten Klasse pflegt. Er kennt nur zwei echte Leidenschaften: Frauen und Alkohol. Da ist der dubiose, steinreiche, scheinheilige Geschäftsmann und Polit-Aufsteiger Hagg Asam, der im Jakubijan-Bau eine Wohnung für seine heimliche zweite Ehefrau unterhält, die er vom Dorf geholt hat und einmal täglich zum Sex aufsucht; da ist Hatim Raschid, der brillante, feinsinnige Chefredakteur einer großen französischsprachigen Oppositionszeitung, der seinen aus der Provinz stammenden jungen, verheirateten Liebhaber mit Geld und Geschenken in eine Abhängigkeit zwingt, von der nur er selbst glaubt, dass sie zum beiderseitigen Vorteil bestünde.
Unbestechlich, nüchtern und mit einem an den ägyptischen Literaturnobelpreisträger Nagib Machfus erinnernden poetischen Realitätssinn zeichnet Alaa al-Aswani in seinen lebensechten Figuren und den Beziehungen, die zwischen ihnen bestehen, das Bild einer von Brutalität, Willkür und Rücksichtslosigkeit geprägten ägyptischen Alltags-Gesellschaft, in der Opfer und Täter nicht selten Rollen tauschen, die Armen – fast – immer Pech haben und auch noch die scheinbar Unangreifbaren jederzeit von einer gesichtslosen Obrigkeit in die Knie gezwungen werden können.


Der Jakubijan-Bau
Von Alaa al-Aswani
Aus d. Arab. v. Hartmut Fähndrich
Lenos Verlag, Basel 2007
372 Seiten, geb., € 20,50
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