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Der weisse König - 23/2008

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Jede Zeile Atemlosigkeit
Der große Roman György Dragománs über eine Kindheit im Siebenbürgen der 1980er Jahre.

Von Cornelius Hell

Ein Junge stiehlt Tulpen, er bringt sie seiner Mutter zum Geburtstag, weil der Vater nicht da ist. Er hatte eine Petition unterschrieben, und das genügte in Rumänien noch 1986, um in ein Arbeitslager zu kommen. Der 1973 in Siebenbürgen geborene ungarische Autor György Dragomán erzählt in seinem bereits in 28 Sprachen übersetzten Roman „Der weiße König“ schlaglichtartig verdichtete Szenen aus dem Leben des elfjährigen Dzsátá, zusammengehalten vom dramatischen Warten auf den Vater.
Dzsátá wird Opfer grausamer Späße. Einmal kommen Arbeiter und sagen, sein Vater sei da. Sie führen ihn zu einem pockennarbigen Mann, und es dauert lange Schock-Sekunden, bis Dzsátá begreift: Er ist es nicht. Doch gegen Ende des Buches ist es dieser Pockennarbige, der den Jungen beschützt, als sich eine ganze Bande auf ihn stürzt. Und in einem grausig-archaischen Ritual sagt er ihm die Zukunft voraus: Er wird einen lieben Menschen verlieren, doch sein Vater wird wiederkommen. Der Vater kommt tatsächlich zurück – zum Begräbnis des Großvaters. Doch er muss sofort wieder zurück ins Arbeitslager.

Kindheit in der Diktatur

Eine derartige Inhaltsangabe gibt freilich nichts von dem wieder, was die Faszination dieses grandiosen Ausnahme-Romans ausmacht. Jedes Detail der unzähligen Mikroszenen zeigt es aufs Neue: Hier hat einer wirklich etwas zu erzählen – von den drängenden Nöten der Pubertät, von dreisten Streichen, vor allem aber von Kindheit und Jugend in der Diktatur. Und dabei geht es vor allem um den Mikrokosmos eines Alltags, in dem jeder ausgeliefert ist, Kinder ganz besonders: Sie werden verdroschen von Vätern und Lehrern, bis sie bluten, hinstürzen und sich nicht mehr rühren können. Fairness gibt es nicht einmal im Sport, denn welche Schule gewinnen muss, ist schon im Vorhinein ausgemacht.
Doch hinter den offiziellen Ritualen wird immer noch ein anderes Spiel gespielt. Wie im Kino, wo die Schulklasse den Propagandafilm „Unser Land wächst und gedeiht“ sehen muss, während es darüber einen geheimen Vorführraum gibt, in dem Pornofilme versteckt sind. Klar, dass Dzsátá mit seinem Freund dorthin kommt und einen entdeckt. Die Spannung, mit der man sich beim Lesen mit den beiden Jungen identifiziert und zittert, dass sie nicht erwischt werden, hat jedoch nichts mit dem Pornofilm zu tun, sondern mit der Angst vor der Besserungsanstalt und dem Verprügeltwerden. Die von der Diktatur brutalisierte Gesellschaft wirft ihre Schatten in jeden Winkel des Kinderlebens.
Auch Dzsátá, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird, ist nicht einfach ein „Guter“. Den sechsjährigen Romabuben, der Kleiderhaken verkauft, würde er am liebsten die Stiege hinunterstoßen, und eher stopft er seine Geburtstagstorte in sich hinein, bis ihm schlecht wird, als diesem Kleinen, der an seinem zwölften Geburtstag in die Wohnung hereingeschneit kommt, auch nur ein Stück mehr zu überlassen. Dzsátá weiß sich zu wehren und kann gerissen sein, sonst würde er nicht überleben. Als Arbeiter einen Selbstbedienungsladen in Brand stecken, in dem sie gehortete Südfrüchte finden, bekommt er zumindest eine Banane ab. Und als die Mutter einen „Genossen Botschafter“ besucht, der sich für den Vater verwenden könnte, aber nur darauf aus ist, ihre Lage auszunutzen, da stiehlt ihm
Dzsátá die Königsfigur eines wertvollen Schachspiels – den weißen König, der fortan sein Glücksbringer ist.
Doch der Roman lebt nicht nur von der intensiven Leuchtkraft solcher Szenen, sondern vor allem von dem atemlosen Tempo, in dem sie erzählt werden. Dabei entstehen Sätze von Thomas Bernhardscher Länge und Stringenz; doch Dragománs Roman entfaltet seinen Sog nicht aus einem unendlichen Monolog, sondern aus dem Furioso der Beschreibung, das versessen ist auf jedes Detail, aber sich nie darin verliert. Dieser Autor hat nicht nur etwas zu erzählen, sondern er weiß mit traumwandlerischer Sicherheit, wie er das macht.

Authentische Erzählkunst

Dragomán versteht die Schlüsse zu setzen, den Text auf das Finale hin zu steigern und ihn dabei gleichzeitig offen zu lassen. Nie vergreift er sich im Stil, nie hängt der Roman durch, dieser Autor hat alles im Griff, und dennoch triumphiert die Methode nie über den Inhalt, keine Spur einer kalten Perfektion, denn György Dragomán hat eben wirklich etwas zu erzählen.
Wahrscheinlich erzählt er in vielen Details seine eigene Geschichte, aber ein Autor seines Formats hat es nicht nötig, damit zu prunken. Der authentische Erzählfluss aus dem Munde Dzsátás genügt, um einen fulminanten Roman entstehen zu lassen, bei dem einem oft genug der Atem stockt. Einen Ausnahme-Roman, wie man ihn nur alle paar Jahre zu lesen kriegt.
Großen Anteil an der unausweichlichen Atemlosigkeit des Textes hat der erfahrene Übersetzer Laszlo Kornitzer. Gepatzt hat nur der Verlag beim Klappentext, wo er Dragománs ersten Roman mit dessen Verlag verwechselt. Aber wer kein Ungarisch kann, merkt das sowieso nicht. Und wer liest schon Klappentexte. Hauptsache, man liest diesen Roman. Dann ist ohnedies vieles andere egal.

DER WEISSE KÖNIG
Roman. Von György Dragomán. Aus dem Ungarischen von Laszlo Kornitzer.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 296 Seiten, geb., € 20,40
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