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Der Zug nach Pakistan - 24/2008

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Kein Platz für ein Gewissen

Im Sommer 1947 verließen vierzehn Millionen Muslime, Hindus und Sikhs ihre Heimat. Khushwant Singhs Roman über diese Völkerwanderung.

Von Sylvia M. Patsch


Khushwant Singh, geboren 1915, ist einer der großen auf Englisch schreibenden indischen Autoren. Mehr noch: Er ist eine öffentliche Figur; in seinem langen Leben war er Parlamentsmitglied, Rechtsanwalt, Diplomat, Übersetzer und durch seine Zeitungskolumnen eine in ganz Indien gehörte Stimme. Sein Klassiker aus dem Jahr 1956, „Train to Pakistan“, 1998 verfilmt, ist nun endlich auch ins Deutsche übersetzt worden.
Der Roman „Der Zug nach Pakistan“ ist der Versuch, Indiens größte Tragödie zu verstehen: Die Teilung in ein überwiegend hinduistisches Indien und einen muslimischen Staat, Pakistan, die erst nach dem übereilten Abzug der Briten im Jahr 1947 erfolgt ist. Völlig unvorbereitet sah sich ein soeben in die Unabhängigkeit entlassenes Land vor die größte Völkerwanderung der Geschichte gestellt.

Hass auf beiden Seiten
Sieben Millionen Muslime verließen in jenem extrem heißen Sommer Indien in Richtung Pakistan, sieben Millionen Hindus und Sikhs flohen aus Pakistan nach Indien. Die Muslime des Subkontinents sollten nicht mehr eine Minderheit im eigenen Land sein, sondern einen eigenen Staat erhalten. Der Bevölkerungsaustausch kostete einer Million Menschen das Leben. Nicht nur Hitze und Unterversorgung waren dafür die Ursache, sondern der Ausbruch von nie geahntem Hass zwischen Muslimen, Hindus und Sikhs, die über Jahrhunderte friedlich miteinander gelebt hatten.
Von einseitigen Schuldzuweisungen hält Khushwant Singh nichts: „Beide Seiten haben Menschen erschossen, erstochen, mit Speeren aufgespießt und mit Keulen totgeknüppelt. Beide Seiten haben gefoltert. Beide Seiten haben vergewaltigt.“

Vereitelter Anschlag

Wie kam es dazu? Der Roman begrenzt den Schauplatz auf ein kleines Dorf, dessen Besonderheit es ist, dass die Bewohner ihre Lebensgewohnheiten nach den zwischen West und Ost durchfahrenden Zügen richten. Die Bauern erwarten sich nichts vom Abzug der Briten: „Freiheit ist etwas für die Gebildeten, die dafür gekämpft haben. Wir sind die Sklaven der Engländer gewesen, und jetzt werden wir die Sklaven der gebildeten Inder sein, oder der Pakistanis.“
Das Dorf erwacht aus seiner Lethargie, als ein Hindu ermordet wird und ein Fremder, ein Kommunist aus Delhi, die Bewohner aufwiegelt: „Arme Leute können es sich nicht leisten, Moral zu besitzen. Also haben sie Religion.“ Dann halten gespenstische Züge in der unbedeutenden Station, die durch die Teilung zur Grenzstation wurde: Muslime aus dem neuen Staat Pakistan schicken tausende Sikhs und Hindus als Tote über die Grenze.
Da erwacht in den Dorfbewohnern Hass; sie beschließen, den nächsten Zug, der mit ihren bisherigen muslimischen „Brüdern“ in die Gegenrichtung fährt, durch ein Metallseil zum Entgleisen zu bringen. Doch einer der Ihren, ein Tunichtgut, vereitelt den Anschlag: Dieser Zug braust ungehindert nach Pakistan. Den Einzigen mit einem wachen Gewissen bringen seine Glaubensgenossen um.

Blick in die Abgründe

Historiker müssen sich um Objektivität bemühen, um Zahlen, Fakten und deren sachliche Interpretation. Auch Khushwant Singh
bemüht sich um ein faires Bild. Doch kann er als Literat in die Abgründe des menschlichen Herzens leuchten und damit sein Buch wichtig machen auch für Leser, denen die Geschichte Indiens nicht so sehr am Herzen liegt. Indien, seine Vielfalt, seine gewaltige Natur, der Monsun, die Prägung des Lebens einfacher Menschen durch ihre Religion – das ist die reiche Orchestrierung dieses Buches.
Die Solostimmen einzelner Charaktere heben den Roman aus seiner Zeitgebundenheit, denn durch sie tauchen allgemein wichtige Fragen auf: Wie kann der Einzelne angesichts allgegenwärtigen Mordens die Abstumpfung seines Gewissens verhindern? Was kann der Einzelne kollektiver Mordlust entgegenhalten? Welche Verantwortung haben Politiker, die schöne Reden im Parlament halten und durch Lautsprecher ihr Ego verstärken? Und Intellektuelle, „die die Leute verächtlich als Sesselfurzer bezeichneten“? Wer einen farbigen, doch keinen folkloristischen Roman über Indien lesen möchte, der weit über ein historisches Ereignis hinausreicht, wird vom „Zug nach Pakistan“ mitgerissen werden.

Der Zug nach Pakistan
Roman von Khushwant Singh
Aus dem Engl. von Axel Monte
Insel Verlag, Frankfurt 2008
234 Seiten, geb., € 19,80
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