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Deiner Stimme Schatten - 27/2008

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Hartnäckige Dämonen

Kein Ruheplatz ist das Gedicht bei Rose Ausländer. Es gibt noch Neues von der Autorin zu entdecken: wie etwa im Band „Deiner Stimme Schatten“.

Von Martin A. Hainz


Das Werk Rose Ausländers, 1901 in Czernowitz geboren, zählt heute zum kanonischen Bestand der Lyrik des 20. Jahrhunderts; man mag manches bemäkeln, so die Qualitätsschwankungen und eine poetologische Naivität, die aber mehr Gerücht als Faktum ist, doch am Gewicht dieser Stimme ist kaum zu rütteln. Noch immer ist manches zu entdecken, etwa ihre Übersetzungstätigkeit: Sie hat 60 Gedichte von Christian Morgenstern übersetzt, diese Texte werden zurzeit ediert.
Die Tatsache, dass noch Entdeckungen zu machen sind, „verdankt“ sich nicht zuletzt dem Umstand, dass die Geschichte diesem Dichterleben Zäsuren zufügte, aufgrund derer Publikationswürdiges beispielsweise in einem Koffer in den USA ruhte: Englische Texte blieben, da Rose Ausländer dem Frieden des alten Kontinents nicht ganz traute, in der Neuen Welt – sozusagen in case of emergency – bei ihrem Bruder Max Scherzer zurück. Sie hatte vor dem Zweiten Weltkrieg, den sie im Ghetto und versteckt überlebt hatte, und danach viele Jahre in den USA gelebt. Die Texte wurden weder veröffentlicht noch überarbeitet. Lange schrieb sie nur englisch: „Warum schreibe ich seit 1956 wieder deutsch? Mysteriös, wie sie erschienen war, verschwand die englische Muse.“

Sozialkritik an den USA

Auch Deutschsprachiges musste erst geborgen werden, wird teils erst geborgen. Nun finden diese Nachlasssplitter den Weg zur Leserschaft, unter anderem in dem Band „Deiner Stimme Schatten“, in dem Helmut Braun Unbekanntes zugänglich macht: Gedichte, Briefe und faksimilierte Handschriften.
Dabei zeigen sich all die Facetten des extensiven wie intensiven Dichtens Rose Ausländers: die mystischen Texte, die dann doch ironische Distanz entwickeln, der beißende Spott ihrer Sozialkritik an den USA, wo das, was der Lehrer sagt, gewiss, das, was der Vater sagt, wahr und das, was der Pfarrer sagt, heilig sei, doch das, was der Chef sagt „absolut / ihm ebenbürtig ist nur / Gott / in Amerika“. Polemisiert wird teils mit Anklängen an Marx; aber auch heideggern kann die Poetin, gegen das „Geschwätz“ oder das „Zahlengewebe“ reden, das freilich dann selbst jene Eigentlichkeit vertritt, wie die Dichterin weiß: „»Mit Juden sitzen wir nicht an einem Tisch!« / fauchte die biedere Hausfrau mich an“, die in „Winona, Minnesota (USA)“ von der „eifernde(n) Predigt“ diese Quintessenz als Metaphysik mitbringt; „Lächeln vereist“: „Keep smiling“. Das ist nicht einmal Sarkasmus, da das lyrische Ich mit den unverkennbaren Zügen der Dichterin zuletzt doch aufgenommen wird, zumindest von manchen „ihr frevelhaftes Treiben“ akzeptiert wird, „sonntags Trakl zu lesen, Kafka und Rilke“.
Neben diesen vielschichtigen Impressionen finden sich Notizen und Briefexzerpte, worin man sozusagen unverstellt der Meinung und der Poetik Rose Ausländers begegnet. Das Gedicht sei „kein Ruheplatz“, seine „Dämonen (seien) sehr hartnäckig“: Derlei wäre vielen zu sagen, die diese Dichtung harmonisch verstehen; manche der formal nicht entwickelten Notate sind übrigens genau dies: Ruheplätze, leider.

„sagen/was zu sagen ist“
Das Interview hingegen, worin die Dichterin unumwunden bekennt, sich zu freuen, „(n)ach dem Tod von Nelly Sachs und Kaschnitz [,] größte deutschsprachige Dichterin“ zu sein, zeigt auch ein wenig das Abgründige auf, das Polemische einer Rose Ausländer, die durch die Geschichte zu lange ihrer Geltung beraubt war und das auch so empfunden haben muss. Polemisch gegen andere, aber auch sich selbst: Sie definiert ihr Werk als „Weltwerdung, Menschwerdung, Ichwerdung“, was aber „scheußlich expressionistisch“ klinge – indes, sie müsste wohl, doch könne es „anders […] gar nicht sagen.“ Dabei ist doch zu „sagen / was zu sagen ist“…
Ihr Werk ist Menschwerdung, und gerade dort, wo sie deren Gegenteil protokolliert; gedenkend, aber auch als memento mori: „Bald / bleibt nur der Name / ohne Organe // bleibt nur / ein Achselzucken“, so schließt ihr Poem „Blutsenkung“. Es bleibt im Lakonischen, Zärtlichen wie Metaphysischen dieser Poetin mehr als dieses Achselzucken. Schon im bislang vorliegenden Werk, aber auch hier, in diesem Band, der behutsam Lücken in der Edition dieser beachtlichen Lyrik schließt. Ein Band, der darum zu empfehlen ist.

Deiner Stimme Schatten
Gedichte, kleine Prosa und Materialien
Von Rose Ausländer, aus dem Nachlaß
hg. von Helmut Braun
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2007
127 Seiten, geb., € 18,40
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