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Der Tod des Teemeisters - 18/2007

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Tod als Gast(geber)
Am 6. Mai wäre er 100 Jahre alt geworden: der japanische Autor Yasushi Inoue.
Sylvia M. Patsch las seinen Roman „Der Tod des Teemeisters“.

Wie kann ich zur Gelassenheit finden, fragt in einem Roman des Japaners Yasushi Inoue (1907– 1991) ein Schüler seinen Meister: „Halte deine Zunge in der Mitte der Mundhöhle und bemühe dich, dass sie weder an den Gaumen noch an die Zähne anstößt“, ist die rätselhafte Antwort. Jetzt ist der elfte Roman des ungeheuer produktiven Autors Inoue auf Deutsch erschienen: Der Tod des Teemeisters. So wie der Suhrkamp Verlag das vorzüglich übersetzte Buch auf den Markt bringt, ist es ein Wunder für Eingeweihte, für westliche Leser, die wissen, dass „der Weg des Tees“, die japanische Teezeremonie, eine fast 1000 Jahre alte Tradition hat und ein zentraler Aspekt der Inselkultur ist.

In großer Ruhe
Alle anderen potentiellen Leser hätten ein Vorwort verdient, in dem etwa erklärt würde, dass Yasushi Inoue, ein mit den höchsten japanischen Auszeichnungen gewürdigter Mann, in diesem Roman eine Schnittstelle in der japanischen Geschichte aufgegriffen hat: Das Ende eines Bürgerkrieges im 16. Jahrhundert, die erste Einigung des Landes unter dem Shogun (= Militärmachthaber) Hideyoshi. Das Teetrinken, ursprünglich von buddhistischen Mönchen aus China übernommen, um bei ihren langen Meditationen wach zu bleiben, hatte unter Hideyoshi prunkhafte Züge angenommen. Sein oberster Teemeister musste Massenteezeremonien für bis zu 1000 Menschen leiten.
Ins Vorwort hätte auch eine Beschreibung der bis heute in Japan beliebten Teezeremonien gehört: sie finden entweder in Privatwohnungen oder in eigenen kleinen Teehäusern im Garten von Hotels statt. Vor der Zeremonie reinigen sich die Teilnehmer Hände und Mund. Durch die niedrige Eingangstür muss sich jeder bücken, auch der vielleicht immens reiche Gastgeber – eine Geste der Demut gegenüber seinen Gästen. In der Teezeremonie ist jeder Handgriff festgelegt, ebenso die Raumgröße und Einrichtung des Raums: In großer Ruhe zelebriert der Gastgeber die Zubereitung des grünen Tees. Er hängt eine Kalligraphie als einzigen Schmuck an die Wand, ein Gedicht, über das sich die Gäste unterhalten. Sie bewundern das Blumengesteck, die Vase, die Utensilien zur Zubereitung des Tees und die Teeschalen. Das Ziel der Zeremonie ist innerer Friede, Harmonie, Respekt vor Mensch und Natur, Reinheit.
Die schlichte Schönheit dieses buddhistisch inspirierten Rituals ist durch den herausragendsten Teemeister, Rikyu, im 16. Jahrhundert begründet worden. Als Günstling des obersten Machthabers erkannte er, dass der Weg des Tees ein philosophischer sein müsse, ein Weg nach innen, in die Einfachheit.
Vom verordneten Selbstmord des Teemeisters Rikyu handelt der Roman Der Tod des Teemeisters. Ein historischer Roman? Insofern ja, als die handelnden Personen historisch sind. Doch Inoue verwendet den Stoff, um nachzudenken über das richtige Sterben. Von den zwei großen Themen der Literatur bleibt das eine ausgespart, die Liebe. Im ganzen Buch kommt keine einzige Frau vor. Spannung erwächst aus dem Suchen eines Schülers des Teemeisters nach der Antwort: Wie hat der Meister innerlich reagiert, nachdem er den Zorn des Shoguns erregt hatte und dieser ihm befahl, sich zu töten? Rikyu, der so oft Gastgeber war bei Teezeremonien für todgeweihte Krieger, der also den Tod viele Male als Gast bei sich hatte, macht sich nun freiwillig zum Gast des Todes: Er will in die Freiheit entlassen werden, und kein Fürst kann ihn zurückhalten.

Fremde Kultur
Wer den leisen, sich jedoch hochdramatisch entwickelnden Roman Der Tod des Teemeisters liest, wird nicht nur viel erfahren von einer fremdartigen Kultur, sondern allgemein gültigen Einsichten begegnen über Schönheit, die aus Schlichtheit erwächst, über Freiheit, die sich nur im Inneren des Menschen ereignet, über Schweigen, das reicher tönt als viele Worte.
Die japanische Verfilmung des aus dem Jahr 1981 stammenden Romans gewann übrigens in Venedig 1989 den Silbernen Löwen.


Der Tod des Teemeisters
Roman von Yasushi Inoue
Aus dem Japan. von Ursula Gräfe
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2007
168 Seiten, geb., € 19,80
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