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Dichtung wider Dichtung - 11/2007

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Celans Werk als Gegenwort
Jean Bollacks jüngste Annäherung an Paul Celan enttäuscht.
Von Martin A. Hainz

Mit Paul Celans Lyrik ist der Literatur eines jener Werke gegeben, die glatt wie eine Harpune in die Kultur eingehen, doch sich ihr hernach weder integrieren noch – wegen des Widerhakens – aus ihr entfernen lassen. Eine große Schar von Philologen laboriert daran, dieses Werk zur Erträglichkeit zu entstellen, das Wort gewordene schlechte Gewissen des Sprachlichen selbst also zum Verstummen zu bringen.

Jean Bollack ist einer der einst verdienstvollsten, weil diesen Prozess beeinspruchenden Celan-Exegeten. Die im Titel seines neuen Bandes Dichtung wider Dichtung schon anklingende Grundthese, Celans Werk sei nicht hermetisch, sondern polemisch, ist wichtig, und einstmals von Bollack entgegen der Meinung vieler formuliert. In der Tat, Celan polemisiert und ist ein geradezu orthodoxer Häretiker – er „hofft[e], bis zuletzt lästern zu können”. Diese Aggression ist schonungslos, macht der Annotation Nietzsches alle Ehre, wonach zu den Quellen der Kunst die „Verfeinerung der Grausamkeit“ zu rechnen sei. Hernach ist in der Sprache – nicht nur, aber exemplarisch auch Celans – nicht das Bessere des Guten Feind, sondern das ziemlich Böse des Böseren und Bösesten Opponent; ziemlich böse: ein Böses, das sich also ziemt …
Dem geht Jean Bollack nach, hindurch durch die Skylla positivistischer Festmachung („sein Auge ist blau“: „die detailgetreue Darstellung des Mörders […], wo der Todesschütze ein Auge zukneifend […] abdrückt“, so Theo Buck) und der Charybdis der Entwirklichung, die heideggernd die Sprache aus dem Wort tilgt. So zeigt sich, dass die Todesfuge begründet ein literaturbesessenes Gedicht ist. Es zitiert, wie sich ein Holismus konstituiert, der Basis der Anbindung nationalsozialistischen Lebensvollzugs an eine Kultur ist, an die diese Praxis vielleicht darum noch nicht geglückt anzuschließen war: die sich aber kaum darauf verstand, diesen Anschluss als unmöglichen auch zu verhindern.
Celans Werk ist hiergegen immer wieder Sprache und Verantwortung aktualisierendes „Gegenwort“. Jean Bollack betreibt und fordert aus der so dargetanen Immanenz der Texte begründet eine Lektüre, die das Spiel von Wort und Gegenstand ernst nimmt, auch die Brüche in diesem Zirkulieren – das „Gedicht besteht in dem, was nicht zustande kommt“. Doch soll nun der Kommentar wirklich aus dem Einzelnen ein „komplexes Ganzes“ noch gewinnen wollen? Dies ist in der Tat ein Problem Bollacks, der ja nicht beim Gedicht verharrt, es nicht wie manchmal sehr geglückt Peter Szondi und radikaler Derrida weiterdenkt und -dichtet.

Probleme im Detail
So im Falle der berühmten „Todesfuge“; da wird die Zeitenfolge abends – mittags – morgens – nachts, nachts – morgens – mittags – abends, schließlich aber nachts – mittags – abends – morgens minutiös angeführt, doch dann zerfährt die das Problem ja sehende Deutung, indem sie alles in eine „Vertikale des Meridians“ überführt: Mittag sei das „Zentrum“ des Gedichts. In der Tat wäre doch zu konstatieren, dass die Retrospektive zuerst die inverse Reihenfolge nahe legt, hernach das lyrische Ich (oder: Wir) in den Gang des Memorierten eintritt und schließlich der alles organisierende Ordo der Zeit zerfährt. Davon bleibt nur die „Aufhebung der Temporalstruktur“ bei Bollack. Bei der Gegenüberstellung von goldenem und aschenem Haar assoziiert Bollack, es werde „(d)as ‚goldene Haar‘ […] zum ‚aschenen‘, wie der Gesang zu seinem Nichts“. Doch das verkennt das Nekrophile, das das Eigene vergötzt und petrifiziert, doch das Andere qua Assimilation oder Exekution wegbrennt. Dagegen steht bei Celan ein Polylog, kein Chor, diese Worte sprechen mit dem, was vom Opfer bleibt, doch nicht in der falschen Indezenz, „sich mit ihnen vereinigt“ zu vermeinen.
So wird die Summa eines angemessenen Verständnisses nicht geleistet, weil sie im Detail unterlassen ward. Wie die Befunde ferner zueinander quer stehen, doch dies spannungslos, dies enttäuscht gleichfalls: So setzt Bollack Celans Resistenz und Judentum in eins, als wäre dies nicht immanenter Widerspruch.
Was bleibt, sind disparat stehende Stereotypen, so die Rede davon, dass „die Pastoren Parteimitglieder waren“, was so bei allen Vorbehalten Celan gegenüber dem Christentum nicht formuliert hätte: Im Nachlass allein findet sich die überspitzte, aber anders als Bollacks Satz um dieses Moment der Übersitzung wissende Formel, das „Christentum hatte eine Funktion: die […] Germanen zu […] barbarisieren“, was Bollack mit seiner Deutung, die indes Objektivität vorspiegelt, dann zudem auch in Drastik und Evidenz nicht erreicht. Pauschal wird hier immer wieder geurteilt, während er derlei wenigstens teils zu Unrecht der Sekundärliteratur rundum vorwirft, so Barbara Wiedemann.
Dieses unsachliche Polemisieren ist der Textsammlung abträglich. Doch selbst dort, wo Bollack berechtigte Kritik ventiliert, missbehagt, dass Befunde, die die von ihm formulierten vorwegnähmen oder auch nur bestätigten, von Bollack verschwiegen werden. Dies suggeriert, Bollack sei ein einsamer Rufer in der Wüste. Das ist nicht nur etwas befremdlich, sondern falsch. Die polemische und satirische Funktionsweise der Celan’schen Texte ist unter anderem in Aufsätzen, auf die in anderem Kontext sogar verwiesen wird, nachgewiesen worden, so von Theo Buck, dessen Todesfugen-Deutung auf einen Quellen-Nachweis inklusive Unterstellung einer „idiomatischen Sprache Celans“ zu reduzieren unseriös ist. So bleibt Celan zu lesen; Bollacks letztes Buch hingegen enttäuscht.


Dichtung wider Dichtung
Paul Celan und die Literatur
Von Jean Bollack
Hg. v. Werner Wögerbauer
Wallstein Verlag, Göttingen 2006
535 Seiten, geb., € 50,40
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