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Vorspiel. Eine Jugend - ein Bühnenleben 28/2008

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Schauspieler gegen allen Widerstand

Am Lebensende erinnerte sich Pinkas Braun seiner Jugend.
Kurz nach Erscheinen seines Buches verstarb er.

Von Oliver vom Hove

Sein Gesicht war unverkennbar im deutschen Film- und Fernsehalltag der sechziger und siebziger Jahre: scharfkantige Züge, unergründliches Lächeln, stechender Blick. Ein Gesicht, das mit seinem verschatteten Ausdruck abgründige Leidenschaften im Verborgenen hielt. Dazu kam die rauchig-markante Stimme, die der Gestalt vollends ihre rätselhafte Erscheinung gab. Kurz: Pinkas Braun war der Finsterling vom Dienst in den Francis-Durbridge- oder Edgar-Wallace-Straßenfegern der unvordenklichen Kino- und Fernsehwelt damals. Ein verlässlicher Grusel- und Gänsehaut-Lieferant, wie denn auch sämtliche Produzenten im deutschsprachigen Raum wussten.

Indes, mit diesem Image blieb der Schweizer Schauspieler ziemlich unter seinem Wert verkauft. Als einprägsamer und vielseitiger Charakterdarsteller gastierte Pinkas Braun auf bedeutenden deutschsprachigen Bühnen, am Thalia Theater Hamburg, an den Münchner Kammerspielen, am Schauspielhaus seiner Heimatstadt Zürich, wo er zwischen 1945 und 1950 zum legendären Ensemble von Direktor Oskar Wälterlin und Chefdramaturg Kurt Hirschfeld gehörte. Im gereiften Alter wurde der Shylock in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ seine Lieblings- und Paraderolle – eine hochgesteckte selbstgewählte Aufgabe für einen Schauspieler jüdischer Herkunft, der, wie er in seiner jüngst erschienenen Autobiografie „Vorspiel“ eindringlich dargestellt hat, durch das Erweckungserlebnis Theater am Schauspielhaus Zürich während des Zweiten Weltkriegs auch politisch wachgerüttelt wurde.

Karl Paryla war dort sein künstlerisches Idol. Wie doch Vorbilder in der Jugend lebensbestimmend werden können: Der junge Kaufmannslehrling Pinkas Braun hatte 1940 den wegen seiner kommunistischen Überzeugung vor den Nazis nach Zürich geflohenen Wiener Schauspieler als St. Just in „Dantons Tod“ von Georg Büchner (Regie Leopold Lindtberg) gesehen und wusste fortan, was er mit sich anzufangen hatte. Denn „der geniale Karl Paryla gab den entscheidenden Anstoß zum Abbruch der Lehre, was mich – so glaubte ich – meinem Wunschtraum näher brachte.“

Gegen den Vater
Dieser Wunschtraum des Buben, von seiner (bereits um 1900 aus dem österreichischen Galizien eingewanderten) Familie, allen voran vom Vater, heftig bekämpft, bedeutete nichts weniger, als Schauspieler zu werden. Er schuftete für seinen Wunschtraum, verdingte sich als Melker, Leimsieder, Packer auf dem Güterbahnhof, ließ sich wie ein missratener Sohn aus der väterlichen Wohnung weisen. Das Schauspielstudium durchzusetzen wurde zugleich sein Widerstandsprogramm gegen manche Kränkungen und Diffamierungen, die dem jüdischen Knaben Ende der dreißiger Jahre selbst in der vom Antisemitismus umtobten und daher nicht gänzlich uninfiziert gebliebenen Schweiz entgegenschlugen: Den geliebten Fußballverein Grasshoppers Zürich verließ er von sich aus, als er erfahren musste, dass dort jüdische Mitglieder – unausgesprochen – wenig erwünscht seien. Beim Freiwilligendienst im Arbeitslager auf dem Oberalppass musste er die Hänseleien eines rassistischen Lagerleiters erdulden, der der fremdenfeindlichen und nazifreundlichen „Nationalen Front“ nahestand. Und auch das Ansinnen, seinen Vornamen aus vorauseilender Abwehr antisemitischer Vorurteile zu wechseln, wies er empört zurück.

Angst vor dem Ende
Im Rückblick stellt Pinkas Braun fest: „Jahrelang waren wir Menschen in der Schweiz Zuschauer eines gigantischen Massenmordens gewesen, dem wir nichts als unser Gewissen entgegenzusetzen hatten; im Großen und Ganzen bestanden die Schweizer diese Prüfung. Dafür bin ich heute noch dankbar. Es gab aber auch solche, die Partei ergriffen und dies lauthals kundtaten. Zu denen, die dieses Problem nicht hatten, gehörten die Juden – es war das Einzige, das sie nicht hatten.”

Dafür hatten sie ein Übermaß an Angst: „Je näher das vermeintliche Ende des Kriegs rückte, desto offener zeigte sich diese Angst, auch in der Schweiz. Für Schweizer Juden lauerte im Wort ‚Ende‘ die ‚Endlösung‘. Die Befürchtung, sie könnte uns noch in letzter Sekunde einholen, war keineswegs abwegig. Wer wusste, wozu in die Enge getriebene Raubmörder fähig waren!“

Ernst und Komik
Umso mehr wurde das Zürcher Schauspielhaus, das im Krieg von der antifaschistischen Phalanx der emigrierten Theatergestalter zur beherrschenden Bühne des freien deutschen Worts befördert wurde, auch dem jungen Pinkas Braun zum Zufluchtsort nicht nur seiner künstlerischen Hoffnungen. Seit 1943 nahm er dort, vor allem beim herausragenden Wolfgang Heinz, Schauspielunterricht. Köstlich, wie er die nicht unheiteren Szenen solcher Elevenformung im oft auf der Grenze von Ernst und Komik schwankenden Probenalltag des Theaters vor dem Leser ausbreitet.

Nach Kriegsende blieb das Schauspielhaus seiner konsequent aufklärerisch-humanistischen Programmlinie treu, obschon etliche der maßgeblichen Bühnenkünstler freiheitsbeflügelt in ihre Heimatländer zurückstrebten: darunter Paryla und Heinz, die sich in Wien an die Gründung ihres „Neuen Theaters in der Scala“ machten.

Damals wurde der 22-jährige Pinkas gleichsam über Nacht „Junge für alles“ („Utilité“ heißt dies im Theaterjargon) an der Zürcher Pfauenbühne. 1948 erlebte er als Regieassistent ein Stück maßgeblicher Theatergeschichte mit: Er wurde Bertolt Brechts Regieassistent bei dessen Uraufführung seines Stücks „Herr Puntila und sein Knecht Matti“. Voll Hochachtung erinnert er sich an die ungewöhnlich einfühlsame Arbeit des Meisters mit den Schauspielern, nicht ohne Spott indes auch an die in New York maßgeschneiderte Arbeiterkluft des Proletarierdichters. Verkleidung – das ureigene Element des Theaters.

„Vorspiel“ endet mit dem Auftakt zu Pinkas Brauns Karriere als Schauspieler, Regisseur und Übersetzer, freilich nicht ohne kurze Reminiszenzen an so bedeutende spätere Kollegen wie Maria Becker, Hilde Krahl, Oskar Werner oder Paula Wessely: Am Burgtheater inszenierte er unter Gerhard Klingenberg regelmäßig die von ihm ins Deutsche übertragenen Stücke Edward Albees, darunter 1973 „Alles vorbei“ mit der Wessely.

Unversehens wurde diese nicht nur theatergeschichtlich aufschlussreiche Jugend-Beschwörung kurz nach ihrem Erscheinen zu des Verfassers eigenem Nekrolog: In München, wo er zuletzt gelebt hat, ist Pinkas Braun Ende Juni im Alter von 85 Jahren gestorben.

Vorspiel
Eine Jugend – ein Bühnenleben
Von Pinkas Braun
Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2008
410 Seiten, geb., zahlr. Abb., € 25,60
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