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Der Tag an dem Gabriel Nin den Hund - 33/2008

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Wo man hinschaut, nichts als Grauen

Hinter der Kulisse des Alltags wuchert der Wahn: Berta Marsés Geschichten misstrauen der Idylle, schüren den Zweifel und stellen der Gegenwart eine katastrophalen Befund aus.


von Anton Thuswaldner

Diese Autorin schlägt nicht Alarm, dafür ist es zu spät, sie schlägt zu. Etwas ist faul in der Gesellschaft, deshalb kennt sie, die mit Leidenschaft im Alltag stochert, keine Nachsicht, Milde ist ihr fremd. Sie denkt, dass wir in einer erbärmlichen Welt leben, und das teilt sie uns in jeder Zeile ihrer Erzählungen mit.
Berta Marsé kommt aus Barcelona, aber das darf nicht in den Schlaf der Beruhigung versetzen. Ihre Geschichten sind in Spanien angesiedelt, aber wovon sie erzählt, betrifft alle zivilisierten Gesellschaften. Sie verlegt sich auf Erzählungen, weil sie in ihnen den Aufwand gering zu halten vermag. Sie braucht keine großflächigen Erzählpanoramen, sie sättigt nicht mit dem wunderbaren Reichtum und der glamourösen Vielfalt, wie er in einer Großstadt auffindbar ist, sondern sie konzentriert sich auf ein kleines, überschaubares Figurenpanorama und beobachtet, was sich unter Menschen abspielt. Sie macht das unerschrocken, das bewirkt ihre Kaltblütigkeit. Und durchtrieben ist diese Autorin obendrein.
Sie beginnt mit Sätzen, die den Leser in Sicherheit wiegen. „Wir befinden uns in Miravet, einem zauberhaften Dorf am Ebro in der Provinz von Tarragona.“ Oder so: „Als sie um die Ecke gebogen waren, küsste die Mutter ihre Tochter auf die Stirn und sah ihr nach, bis sie zwischen zwei Freundinnen im Schultor verschwunden war.“
Die Normalität, banal wie sie nun einmal ist, senkt sich über das Land, und Marsé unternimmt alles, um diesen Eindruck zu stützen. Familienszenen, Liebespaare, Arbeitsverhältnisse, solche Szenen sind austauschbar, sie zählen nur für den, der sie gerade durchlebt. Sie erweisen sich als derart ereignisarm, dass nicht einmal einer, der selbst gerade in solch einem Drama der Belanglosigkeiten mitspielt, tags darauf etwas Nennenswertes zu berichten wüsste. Es ist dieses Stückwerk aus Wiederholungen und Variationen, aus denen sich ein Leben speist, welches den Ausgangspunkt für Marsés Exkursionen ins Reich des Unheimlichen abgibt.
Dass sich der Alltag als Narkotikum für den wachen Geist erweist, das war einmal. Er ist ein Paradies für Betrug, Verrat und Verbrechen. Der Alltag gibt die Kulisse ab, dahinter wuchert der Wahn. Jeder ein Psychopath, ein Täter, ein Widerling sowieso. Das ist Berta Marsés Welt.
Wo sie hinschaut, ist das Grauen drin. All die harmlosen Gestalten, die sich den Gesetzen der Zivilisation so widerstandslos unterordnen, führen ein zweites Leben, ein geheimes, in dem die nächsten Menschen, die man liebt, umsorgt und hegt, verächtlich und grausam klein gemacht werden. Es gibt keine Nähe, es mangelt an Vertrauen, die Zuversicht hat sich davongeschlichen, still und leise. Und jetzt stehen sie da, erdulden ihre Einsamkeit, fühlen sich verraten und verkauft und leiden. Also erheben sich die Anständigen zum klandestinen Aufstand und zählen plötzlich etwas. Über die Destabilisierung der Verhältnisse gewinnen sie an innerer Stärke.
Eine junge Frau vertraut ihrem Partner an, dass sie ohne sein Wissen abgetrieben hat. Sie werden beisammen bleiben, lieben werden sie einander nicht. Ein Mann erfährt durch Zufall, dass ihn seine Frau betrügt – mit seinem Bruder. Ein Kinderbuchillustrator kommt drauf, dass ein kleines Mädchen von ihrem Vater missbraucht wird. Nach außen wirkt stets alles harmonisch, doch es brennt inmitten der hoch
zivilisierten Gesellschaften. Eine Feuerwehr ist nirgendwo.
Marsé stellt unserer Gegenwart einen katastrophalen Befund aus, damit lässt sie uns allein. Sie misstraut der Idylle, schürt den Zweifel. Das macht sie so beiläufig, als berichte sie Binsenwahrheiten, auf die es nicht ankommt. Das Beweismaterial ist erdrückend, es bleibt nur ein Schluss: der Mensch ist ein Schwein.
Marsé schreibt mit einer deutlichen Absicht im Nacken. Aus einer Idee, die ihr düsteres Menschenbild beglaubigt, entwickelt sie eine Geschichte, die stets mit Bedacht gebaut ist. So nüchtern der Ton auch ist, am Ende bleibt der Leser stets übrig als Zeuge der Durchtriebenheit.
Diese streng kalkulierende Autorin wird so selbst kalkulierbar. Erst wenn sie Menschen zerstört am Boden liegen sieht, verspürt sie eine Art von Triumph. Sie, die Geschichten so genau baut, zielt mitten ins Herz. Ihre Erzählungen sind moralische Schaustücke der Verworfenheit. Nur ein erschütterter Leser ist für Marsé ein guter Leser.
Wer Hoffnung braucht, muss sich anderswo umsehen. Hier läuft das Gegenprogramm zur heiteren Verlogenheit der Spaßfraktion.

DER TAG, AN DEM GABRIEL NIN
DEN HUND SEINER TOCHTER IM
SWIMMINGPOOL ERTRÄNKEN WOLLTE
Von Berta Marsé
Aus dem Span. von Angelica Ammar
Wagenbach Verlag, Berlin 2008
171 Seiten, geb., € 18,40
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