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Zur gleichen Zeit – 33/2008

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Wissbegierig und widerständig

Susan Sontag interessierte sich für alles. Das zeigen auch die Aufsätze und Reden der 2004 verstorbenen Denkerin.

von Oliver Ruf


Mit zehn liest sie Poe und die Biografie von Marie Curie, die ihr Vorbild werden wird. Als Elfjährige soll sie am kalifornischen Teetisch von Thomas Mann gesessen sein. Mit 16 geht sie an die Universität in Chicago, wo sie bei Leo Strauss und Kenneth Burke Philosophie, Französisch und Literatur studiert. Mit 17 heiratet sie, mit 19 hat sie ein Kind. Es folgen Studien in Oxford, Berkeley und Harvard sowie eine Promotion in Philosophie bei Paul Tillich.
Susan Sontag geht nach Paris, lässt sich mit 24 scheiden, zieht zurück in ihre Geburtsstadt New York. Den Existenzialismus hat sie vom alten Europa mitgenommen und diesem, als schwarz gekleidete Stardenkerin, einen Glamour verliehen, weshalb sie Norman Podhoretz in einem berühmtem Wort „the dark lady of American letters“ taufte. Dass diese eindrucksvolle, beeindruckende Frau schnell zu einer Ikone des intellektuellen Amerika avancierte, verdankt sich vor allem ihrem „gnostischen Scharfsinn“ und ihrer „analytischen Originalität“, auch ihrer „furchtlosen Streitbarkeit in politischen Fragen“ – und einem untrüglichen Gespür für die pompös Aufmerksamkeit erhaschende Inszenierung der eigenen Ideen und gleichfalls der
eigenen aparten Person.

Erleben, ausprobieren
Susan Sontag, 1933 geboren, 2004 verstorben, war eine der größten Wissbegierigen der Gegenwart. „Sie interessierte sich für alles“, hat David Rieff angemerkt. „Alles wollte sie erleben und ausprobieren, wollte von allem kosten, überallhin reisen, alles tun.“ Ob es daran lag, dass nicht nur ihre Lebensstationen, sondern auch ihr publizistisches Werk eine Fülle von Themen und Topoi berührt? Dass sie (wie in „Styles of Radical Will“) über die pornografische Imagination und die Ästhetik des Faschismus ebenso zu reflektieren vermochte wie über die „Krankheit als Metapher“, vielleicht ihr wichtigster Gedanke? Dass sie eine heillose Schönheit nicht nur nach außen hin vorführte (unvergessen sind die Titelblätter von „Vogue“ und „Mademoiselle“, ist die dunkle Mähne ihrer Jugend und vor allem der schlohweiße Streifen im pechschwarzen Haar), sondern im Innern vollzog? Dass sie, besessen von Moral, in der Tradition von Walter Benjamin und Siegfried Kracauer die Doppelbödigkeit des fotografischen Mediums wie kaum eine andere begriff? In einem ihrer späten Essays, die jetzt erstmals in Buchform auf Deutsch veröffentlicht worden sind, gibt Sontag Hinweise in eine Richtung: „Ob man es Erkennen nennt oder Notiznehmen“, schreibt Sontag, „– eines Merkmals dieser entschieden modernen Erfahrungsweise können wir gewiss sein: mit dem Sehen und mit dem Anhäufen von Sehfragmenten wird man nie fertig.“

Erkennen, Notiznehmen
Eine Auswahl solcher „Sehfragmente“ versammelt der neu vorliegende Band, den Paolo Dilonardo und Anne Jump sensibel zusammengestellt haben; das Buch folgt den Plänen Susan Sontags aus deren letzten Lebensjahren, die selbst ein solches Projekt anvisierte. „Zur gleichen Zeit“ – benannt nach dem Titel ihrer letzten Rede, hier erstmals im Druck erscheinend – versucht, diesen Plänen so nahe zu kommen wie möglich, hält sich sinnigerweise an Susan Sontags Aufzeichnungen und entfaltet sich in drei Schritten.
Dem ersten Teil, den Sontag
in einem ihrer Entwürfe „Weiterleiten“ („Forwarding“) genannt hat und der Porträts und Würdigungen bewunderter Schriftsteller umfasst, schließt sich eine zweite Gruppe von politischen Texten an, die Teil drei mit jenen Reden komplettiert, die Sontag anlässlich der zahlreichen Würdigungen hielt, die ihr bis zuletzt zuteil wurden – vom Jerusalem-Preis über den Friedenspreis
des deutschen Buchhandels, dem Prinz-von-Asturien-Preis bis hin zum Literaturpreis der Public Library von Los Angeles.
Die Sammlung zeigt den Weitblick der zwischen engagierter Publizistik und ambitionierter Dichtung oszillierenden Intellektuellen, was eine Gewinn bringende Lektüre-Empfehlung für ihre ebenso breit wie different aufgestellte Leserschaft impliziert. Liebhaber ihrer poetologischen Überlegungen dürften den Essay „Über Schönheit“ einmal mehr schätzen; jene der polemisch-nachdenklichen Versuche die Texte zum „Krieg gegen den Terrorismus“ („Der 11.9.01“ – „Ein paar Wochen später“ – „Ein Jahr danach“).

Leichtfüßig nachdenkend
Ein anschauliches Bild der leichtfüßig nachdenkenden Susan Sontag ergibt sich mit der Abbildung des Buchumschlags. Sie zeigt Susan Sontag im dünnen Rollkragenpullover, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Haare offen, auf einer Decke liegend. Ihre Augen sind geöffnet, ihr Blick lässt wiederum Wissbegier erahnen und womöglich jenen Satz über die subversive Aufgabe des Romanciers, „die Formen, in denen wir unser Leben gemeinsam begreifen, zu vertiefen, sich ihnen, wenn nötig, manchmal aber auch zu widersetzen.“ Susan Sontag ist die hinreißend Widerspenstige einer derart raumgreifenden
Literatur.

ZUR GLEICHEN ZEIT
Aufsätze und Reden
Von Susan Sontag
Hg. v. Paolo Dilonardo und Anne Jump Mit einem Vorwort von David Rieff
Aus dem Engl. von Reinhard Kaiser Hanser Verlag, München 2008
296 Seiten, geb., € 21,50
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  21:40:31 07.13.2005