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-   -   02/2009 - Wege aus der Energiefalle (Claus Reitan) (http://www.furche.at/system/showthread.php?t=715)

Dario Santangelo 14:40

02/2009 - Wege aus der Energiefalle (Claus Reitan)
 
I Wege aus der Energiefalle

Der Poker um Energie und ihren Preis wird uns aufgedrängt. Die Regeln diktieren andere. Politik spielt mit eine Rolle. Gegen die primitive Vorgangsweise Mächtiger kann man sich nur mit Klugheit wehren. Gerade in der Energiepolitik.


Von Claus Reitan

Etwas vom Primitivsten, das wir kennen, ist das Recht des Stärkeren. Moskau, namentlich seine politische und ökonomische Führung, betreibt gerade wieder eine primitive Politik – und dreht den Gashahn ab.
Das Widerwärtige am Recht des Stärkeren beginnt damit, dass es kein Recht ist, sondern der Stärkere ein Vorrecht für sich beansprucht. Nimmt sich einfach die Möglichkeiten, die eben in der Natur der Sache, diesfalls der Verfügbarkeit über Rohstoffe, liegen. In einer höher entwickelten Form des Menschen und der Gesellschaft stiftet Kraft stets Verantwortlichkeit. Und zwar im Umgang genau mit dieser Kraft, die nur dazu dienen soll, sich zu erhalten, um anderen, die ihrer bedürfen, beizustehen. Kraft und Verfügungsmacht bestehen nicht um ihrer selbst willen, nein, sie sind zu überprüfen, sie schulden Rechenschaft. Das sind, man weiß es ja, schöne Worte, die stets an der Härte der Realität zerschellen, anstatt diese in Milde zu verwandeln.

Moskau zeigt sein wahres Gesicht

Das Reich von Zar Putin, stets von Moskau aus diktatorisch regiert, zeigt der Welt wie schon früher im kalten Jänner seine Härte, stoppt die Lieferung von Gas in die Ukraine. Der Schrecken über diese miese Anwendung des vermeintlichen Rechtes des Stärkeren fährt den Menschen mittel- und osteuropäischer Länder in die unterkühlten Glieder. Und auch Österreich, vom Lieferstopp be- aber noch nicht getroffen, muss Einiges zur Kenntnis nehmen, rasch und wirksam Lehren und Schlussfolgerungen aus dem Poker um das Erdgas ziehen.
Gazprom stoppt die Lieferungen auch, um in der heuer fälligen Präsidentenwahl in der Ukraine Julia Timoschenko gegen Viktor Juschtschenko zu stützen. Sie zeigte sich einfach etwas weniger moskau-kritisch. Um so ein Verhalten in einem Staat von Interesse zu belohnen und diesen an tatsächlich offene Gasrechnungen zu erinnern, kann man aus Moskauer Sicht schon einmal Verträge mit anderen Staaten kurz außer Kraft setzen. Das sollten wir uns merken.
Österreich ist, vorausschauender Energiepolitik sei es gedankt, vor einem umgehenden drastischen Mangel an Energie gewappnet. Nur etwas mehr als ein Fünftel der hier verbrauchten Energie kommt aus dem Erdgas, und von diesem nur die Hälfte aus Russland. Klugheit, die Waffe des Schwächeren, gebietet eine neue Energiepolitik, die wohl mit einigen Tabus wird brechen müssen.
Als hätte sie es geahnt, schrieb sich die Koalitionsregierung den Vorrang sicherer und leistbarer Energieversorgung in ihr Arbeitsheft. Dazu gehört das Projekt einer neuen Gasleitung vom Kaukasus nach Österreich, von dem zu hoffen ist, dass nur sein Name „Nabucco“ der Welt der Oper, weil in einer der Pausen geboren, entlehnt ist. Doch anstatt von einer acht Milliarden Euro teuren, rund 3300 Kilometer langen Gasleitung zu schwärmen, müssen wir hier das Naheliegende, das Dringende, das Mögliche tun. Dazu gehört, am quantitativen Einsatz von Energie zu sparen, die qualitative Verwendung von Energie, sprich: den Wirkungsgrad, zu erhöhen, der Verschwendung Einhalt zu gebieten und neue Formen der Herstellung von Energie aufzugreifen.

Ein tabulose Debatte über die Energie

Das alles läuft, ob wir es wollen oder nicht, auf einen wesentlichen Punkt hinaus: den Abschied von einigen vertraut und lieb gewordenen Verhaltensweisen und Vorstellungen. Die Angewohnheit überall mit Auto oder Flugzeug anzureisen wird sich ebenso aufhören wie die Vorstellung, nirgends rund um Österreich dürfe es Kernkraftwerke geben, und in diesem Land keinesfalls ein weiteres Wasserkraftwerk. Das alles haben wir über Bord zu werfen, soll die fällige, tabulose Debatte über Energie zu einem Ergebnis kommen, das wir alle wünschen: sichere, leistbare und nachhaltige Energieversorgung. Wie so vieles ist auch die Energiedebatte hierzulande politisch und emotional hoch aufgeladen. Wir müssen sie dennoch führen. Es ist allemal besser, sich durch eigene Klugheit auf das drohende Recht des Stärkeren einzustellen, als dessen Anwendung zu unterliegen.

PPfaffenhuemer 20:59

Primitiver Journalismus?
 
Wenn Sie meine bescheidene Meinung hören wollen, ich finde dass Vladimir Putin der fähigste und intelligenteste Politiker der Gegenwart ist. Sympathisch ist er mir deswegen nicht. Die primitive Politik, die er in Ihren Augen verfolgt, ist besonnen und konsequent und geht, wie die Politik vieler anderer Staatsmänner über Leichen. Soviel dazu.
Was mir an Ihrem Leitartikel sauer aufstößt ist das Weltbild, das Sie durchblicken lassen. Sie schreiben von "einer höher entwickelten Form des Menschen", die wohl bei uns hier zu finden ist. Das impliziert eine niedrige Form des Menschen dort drüben im Osten. Weniger kultivierte Zeitgenossen sprechen von "dem Russen" und ich hab noch meine Großelterngeneration im Ohr, die Geschichten vom mordenden und vergewaltigenden "Ivan" wußte. Zu diesen nicht so hoch entwickelten Menschen in ihrer nicht so hoch entwickelten Gesellschaft paßt die primitive Politik Zar Vladimirs wie die Faust aufs Auge.
Das einzige was mir zu primitiv oder besser naiv einfällt ist die Art und Weise, wie sich unsere westliche Gesellschaft in ein Abhängigkeitsverhältnis gegenüber den russischen Energiereserven manövriert hat. Und zu glauben, Russland müsse unser Wohltäter sein.
Ich würde es schätzen, mehr hintergründige Analyse denn Stammtischgeschätz in meiner Wochenendlektüre zu lesen.

Grüße,

Peter Pfaffenhuemer


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